In Memoriam: Karl Lagerfeld (1933-2019) im Interview mit Jutta Koether

Mit Karl Lagerfelds (1933-2019) Tod steht das Ende der Ära an großen Pariser Modefürsten der Nachkriegsgeschichte bevor. Viele seiner Aussagen zu Politik- und Gesellschaftsfragen wurden medial ausgeschlachtet und sind, sofern sie stimmen, äußerst kritisch zu betrachten. Dennoch möchten wir noch einmal auf sein Schaffen als Modedesigner, Fotograf und Autor zurückblicken, wenn wir hier ein Interview für die "Mode"-Ausgabe aus dem Jahre 2004 wiederveröffentlichen. Damals führte Jutta Koether das Interview mit Karl Lagerfeld - per Fax.

Karl Lagerfeld ist derzeit wohl eine der öffentlichsten Persönlichkeiten. Sein Konterfei ziert gerade ganze Häuserfassaden – anlässlich seiner Kollektion für die schwedische Modefirma H&M. Was in der Presse vornehmlich als Bruch mit dem klassischen Couturier-Ethos gehandelt wurde, erscheint anderen als logische Fortsetzung des „Lagerfeld-Universums“. Dieses Universum, das sich zurzeit zu öffnen scheint, beobachtet die in New York lebende Künstlerin Jutta Koether seit langem – seine Arbeit als Modedesigner, seine Inszenierungen, seinen Look, seine unzähligen anderen Aktivitäten als Fotograf, Autor etc.

Jutta Koethers Fragebogen ist eine Art Brief an Karl Lagerfeld. Sie versucht, den Regeln, den Mechanismen, aber auch den Zufälligkeiten und Eingebungen seines künstlerischen Arbeitsprozesses nachzugehen, in dem es immer neue Erfindungen zu geben scheint.

JUTTA KOETHER: Ich verfolge Ihre Arbeit seit vielen Jahren kontinuierlich. Ich betrachte das ganze „System Lagerfeld“ als eine künstlerische Arbeit in einem unaufhörlichen Prozess, ein fortlaufendes Werk mit einer großen Komplexität, immer wieder gespickt von Ihren eigenen Kommentaren; ein System, das sich immer in Kommunikation mit anderen Systemen befindet und deshalb nie erstarrt, sondern sich sozusagen selbst generiert.

Was ich mich immer gefragt habe: Gibt es im Künstleruniversum Lagerfeld – in dem es Reflexionen nonstop zu geben scheint – jemals einen Zweifel? Ist dieser eingebaut? Kommt manchmal auch „Anhalten“ vor oder läuft die Maschine immer und ununterbrochen weiter?

KARL LAGERFELD: Es gibt Zweifel, aber Zweifel sind wie eine Erkältung – die kann man in diesem Bereich, wenn man offen (lucide) mit sich selbst ist, pflegen. Selbstgefälligkeit ist Selbstmord. Ewige Unzufriedenheit ist ein gutes Diskussionsklima mit sich selber.

Mein Leben besteht daraus, mit mir nie zufrieden zu sein, und ich denke, da liegt auch der Schlüssel zu einer gewissen Langlebigkeit (beruflich).

KOETHER: Fühlen Sie sich als hybride Persönlichkeit? Geformt von Systemen, aber ausgewandert, bzw. das System kraft Affirmation überwindend, nun eher von Träumen geleitet (wie in einem Text in der ZEIT zu lesen war)?

LAGERFELD: Solche Analysen sind sehr gefährlich. Ich mache alles mit meinen Instinkten. Ich habe keine voreingenommenen Ideen oder Prinzipien. Traum ist da mehr ein hundertprozentig funktionierendes „Untergewissen“ oder Unterbewusstsein.

Ich habe nicht das geringste Gefühl eine hybride Persönlichkeit zu sein. Das ist alles zusammengewachsen – so wie Bäume wachsen. Schwer zu erklären und unnötig für mich, es persönlich zu analysieren. Ich frage mich das nicht, ich versuche nur, was mich und meine Arbeit betrifft, die richtigen Antworten zu finden. Was ich auch mache, ich habe ein auf Misstrauen gebautes Selbstvertrauen. Ich bin da mitleidlos mit mir und sehr „distanziert“ – wenn auch alles hundertprozentig persönlich ist.

KOETHER: In dem Text wurde auch erwähnt, dass Sie schon als Kind die Vision hatten, in die Welt hinaus zu gehen, um etwas Besonderes zu tun und zu erreichen (Zitat: „Ich träumte immer von Paris und seinem sehr speziellen Leben, und das tue ich auch heute noch. Also machte ich mich früh auf den Weg ...“). Sie wissen also, wo Ihr Platz ist?

LAGERFELD: Ich hatte eine Vision. Eine kindische, tiefe Überzeugung. Ich war anders als alle, die ich um mich herum sah (und wollte so sein), und hatte das Gefühl, etwas Besonderes wartete auf mich – was es auch war und wie es auch kommen würde. Davon war ich einfach tief überzeugt. Weniger von mir als von der Tatsache. Ich erinnere mich klar daran. Ich war wie in einem Exil vor dem Leben. Sehr eigentümlich. Ich sehe sogar den Ort, den Raum, wo ich saß und das zum ersten Mal dachte. Es war so um 1945 auf Gut Bissenmoor. Das Gutshaus ist heute abgerissen. Ich saß im großen Erker des „Damenzimmers“ (wie man damals noch sagte) am Schreibtisch meiner Mutter – was ja nicht mein Platz war –, aber ich liebte nur die Welt der Erwachsenen und die Idee einer unbekannten, aufregenden, legendären und vielversprechenden Ferne, wo ein guter Platz auf mich wartete. Vielleicht hatte ich zu viele Märchen gelesen, wer weiß?

KOETHER: Ist für Sie die extreme Lebensbejahung, das Leben im Moment, zugleich auch der Antrieb, sich ganz neuen Situationen auszusetzen, neue Generationen ansprechen zu wollen, selbst neue Dinge zu lernen – selbst Dinge, die so schwierig sind wie die komplette Umwandlung des eigenen Körpers?

LAGERFELD: Es ist sehr wichtig, so zu denken. Man muss sich zwingen, sonst kommt man nicht mit, verliert den Schritt etc. – für mich ist das nur logisch, und es kostet keine besondere Mühe. Ich lasse Dinge und Menschen hinter mir, wenn sie nicht mitkommen können. Ich verstehe sie zur Not, bin aber mitleidlos. Meine Mutter sagte mir schon als Kind: „Mitleid ist Schwäche.“ Das gilt für mich und die Welt. Klingt hart, ist aber ehrlich.

KOETHER: Wann wurden Sie sich darüber klar, inwieweit Wechselhaftigkeit zum Prinzip erhoben werden kann (vielleicht sogar muss)?

Karl Lagerfeld in Andy Warhols Film „Lamour“, 1970 (c) Karl Lagerfeld

LAGERFELD: Ich habe früh gemerkt, wann man sich zu sehr „markiert“. In einem bestimmten Moment kann nur ein totaler Wechsel jemanden retten, sonst wird man „vintage“ – „period piece“... Ich sehe mich wie eine Art Orlando von Virginia Woolf (ohne Geschlechterwechsel wie in dem Buch etc.).

KOETHER: Wie stehen Sie zu dem Künstler Francis Picabia? Oder zu Andy Warhols Wirken und Werk?

LAGERFELD: Ich liebe Picabias Arbeiten aus der Zeit von 1915 bis 1920. Ich hasse seine schlechte, spätere Malerei, aber der Mann muss schon toll gewesen sein zu seiner Zeit.

Andy Warhol habe ich gut gekannt. Es gibt Leute, die mich heute mit ihm vergleichen, was lächerlich ist. Meine Welt ist eine heile Welt – er baute in den ersten Jahren auf den Ruin der Welt eine neue Generation und ging dann zum mondänen Leben über (damals nicht so platt wie die „People“ heute). Seine Arbeit bleibt aber toll, entwickelte sich weiter und wirkt heute mit Abstand viel wichtiger als im „Moment“. Er versuchte nicht politisch korrekt zu sein. Das ist das, was die Welt heute so langweilig machen kann. Lesen Sie mal die Texte im Interview von 1969 bis 1979 – keiner würde es heute wagen, so zu schreiben oder zu sprechen. Das ist der Unterschied zu unserer Zeit.

KOETHER: Hatten Sie selbst je „Vorbilder“? Wie war und ist Ihr Verhältnis zu der Figur Coco Chanel? Wissen Sie vielleicht, wer Sie als erster „Kaiser“ genannt hat ?

Karl Lagerfeld, Paris, 1960 (c) Karl Lagerfeld

LAGERFELD: Ursprünglich hatte ich kein Verhältnis zu Coco Chanel. Das war damals nicht gefragt. Auch da hat die Zeit dem „Personnage“ eine andere Dimension gegeben. Was wir uns vorstellen und was mir an ihr gefällt, hatte vielleicht mit der Realität nichts zu tun. Die Idee der Dinge ist oft wichtiger für die Nachwelt als das, was es wirklich war. Das gilt für Menschen, Orte und Zeiten.

John Fairchild hat mich vor allen anderen Kaiser genannt. War es ein Kompliment? Bin nicht sicher. Wilhelm II. war ein schlechtes Beispiel eines letzten Kaisers.

KOETHER: Wie viel Zufall und Paradoxes ist beim Entwerfen erlaubt? Ist alles, was Sie tun, generalstabsmäßig geplant, oder gibt es Momente, in denen sich etwas verlieren kann oder sogar muss? Variiert das je nach Auftrag/Kontext bzw. der Firma, für die Sie gerade jeweils tätig sind? Ist es das Arbeiten selbst, was die Arbeit anregt?

LAGERFELD: Das ist eine Frage von Gleichgewicht, wo es keine Regeln gibt. „Innere Stimmen“ können da helfen, sonst wird es ja „Marketing“. Meine Devise ist: „Doing for Doing“ – „Tun für Tun“, Ziel und Zweck vergesse ich. Das ist meine Idee von künstlerischer Freiheit – sofern ich mich für einen Künstler halte.

KOETHER: Sie sind bekannt als jemand, der die Arbeit über alles stellt. Ist das eine dandyeske Ausformung eines preußischen Arbeitsethos? Müssen Sie sich manchmal auch zur Arbeit zwingen oder ist sie immer auch Genuss? Betrachten Sie sich überhaupt als der Spezies „internationaler Dandy“ zugehörig?

LAGERFELD: Anders klappt das nicht. Leute haben heute eine negative Vision des Wortes „Arbeit“. Ich habe ja nun auch Glück, dass meine Arbeit aus dem besteht, was mich am meisten interessiert. Wahrscheinlich gehören die mir von Ihnen zugeschriebenen Motivierungen unbewusst dazu. Ich bin eine faule Natur und finde oft, dass ich viel Zeit mit Lesen und „Daydreaming“ verliere. Aber das ist dann vielleicht auch wichtig und kreativ. Der Begriff „Dandy“ ist mir fremd, was meine Person angeht. Das arme Wort, der arme Mann – die haben für alles herhalten müssen.

KOETHER: Haben Sie ein Konkurrenzempfinden, und wenn ja, wen betrachten sie als Ihre größte Konkurrenz? Ist Jugend grundsätzlich Konkurrenz? Wie definieren Sie ihr Verhältnis zur jüngeren Generation?

LAGERFELD: Jugend ist nicht mehr unbedingt Konkurrenz. Zu viele „Young Designer“ haben bewiesen, dass sie eben nur „young“ sind oder waren. Viele sind schnell wieder verschwunden. Als ich jung war, war Jugend nicht gefragt, man musste beweisen, dass man gut war und nicht nur jung.

Konkurrenz und Wettbewerb sind stimulierend und lebenswichtig – wenn auch in der heutigen, sehr kapitalistischen Modewelt das „Spiel“ manipuliert ist. Davon profitiere aber auch ich, Chanel, LVMH (Fendi) etc., selbst H&M.

KOETHER: Welcher Impuls war bei der Annahme des Auftrags für H&M entscheidend? Verursachte Ihnen dieser Auftrag ein Gefühl der Leichtigkeit, der Möglichkeit zu einem Spiel – auch mit der eigenen Person, Stellung, Kaisertum? Oder wie sollte man sonst das „Liquid Karl“-Parfüm und das Karl-Rockstar-T-Shirt für 14,90 Euro verstehen?

LAGER FELD: Alle Ihre Fragen in Ihren langen Fragen haben etwas Wahres. Gleichzeitig ist es aber simpler. H&M ist ein Modephänomen, und das kann jemand wie ich nicht unbeachtet lassen. Der Erfolg war unvorhersehbar und hat in der Welt der Mode und der Rezeption der Mode für viele (und auch für mich) etwas verändert. Plötzlich sind wir im 21. Jahrhundert, was die Art, wie Mode verbreitet wird, betrifft. „Luxus“ muss seine „Position“ neu definieren und rechtfertigen. O. K. für mich. Zu vermeiden ist die Mitte, das Mittelmäßige. Ich bin sehr glücklich mit diesem Erfolg und hätte es gerne gehabt, dass mehr Menschen davon profitieren.

KOETHER: Wenn man das Lagerfeld-Universum als eine (dysfunktionale) Familie sehen würde: Wie verhält sich dann Ihre Arbeit für Fendi, Chanel, Lagerfeld Gallery und H&M zueinander? „Haute Guerilla“? Ich finde es faszinierend, wie Sie entwerfen, als gäbe es nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Durch alle Zeiten immer eher nicht-angestrengte, nie „gebaute“ Designs , sondern eher „geworfene“...

LAGERFELD: Ich sehe diese Frage als ein großes Kompliment und möchte Ihnen zu gerne hundertprozentig Ja sagen. Auch wenn Dinge im Grunde vielleicht doch komplizierter sind, gehört es zu meinem Beruf (und meiner Art), einen gewissen souveränen Eindruck von „Leichtigkeit“ zu machen.

KOETHER: Als Kontrast zu Ihren wechselvollen Arbeitseinheiten hat es auch immer absolut feste Symbole gegeben, stehen die für Prinzipien (die Haare, die Brille, die steifen Kragen, der Look, der rigoros durchgesetzt wird und der für etwas zu garantieren scheint)?

Anzeigen für „Karl Lagerfeld for H&M“, 2004 (c) Karl Lagerfeld for H&M

LAGERFELD: Ist es die Statue meiner Version des „Commandeurs“ in Don Giovanni? Vielleicht? Leute denken, ich war immer so – stimmt aber nicht. Nur der zuletzt empfundene Eindruck ist wichtig – bis zum nächsten „Ausdruck“ ... nicht einfach ...

KOETHER: Es gab einmal eine Talkshow in den achtziger Jahren, damals in der Frühzeit des Kabelfernsehens. Ich habe versucht diese wiederzufinden, was aber unmöglich war. Ich erinnere mich, dass Sie damals eine Form vorführten, die mir als eine sehr eigene, originelle Mischung aus Performancekunst, Vortrag, Verkaufsshow und Erzählstunde erschien. Kann es sein, dass es dieses „Verfahren“ im erweiterten Sinne immer noch gibt? (Nun sind alle verfügbaren Medien und Gelegenheiten eine Art Bühne.) Mich interessiert brennend, wie Sie gleichzeitig zwischen Kunst, Architektur, Fotografie, Inneneinrichtung und Mode hin und her springen, während Sie gleichzeitig immer sehr dezidierte Werturteile zu ALLEM abgeben können, also die Gleichzeitigkeit von extremer Flexibilität und Wertsetzungen.

LAGERFELD: Das Leben, so wie ich es lebe, ist eine Bühne, aber man muss oft lange alleine in seiner Garderobe und der Kulisse warten, um die Auftritte nicht zu vertun und spontan zu sein. Ich erinnere mich auch an die Sendung, von der Sie sprachen.

KOETHER: Welchen Stellenwert hat die bildende Kunst für Sie? Gibt es für Sie eine solche Kategorie? Oder bezieht sich das nur auf die Erinnerungen? Sehen Sie sich historische Beispiele lieber im Original an oder auf Fotografien?

LAGERFELD: Heute sind die Kataloge und die Abbildungen so toll, dass es fast genügt. Man braucht das Original fast nicht zu sehen. Alle Künstler, die Alten, die Neuen, die Avantgardekunst, sind „primordial“ für mich. Ich will und muss alles kennen, sehen und lernen. Das ist eine Art Heißhunger.

KOETHER: Sie scheinen sich mehr als alle anderen Designer dem Motto zu widersetzen, dass man etwas schaffen und dann schweigen sollte. Sie schaffen und Sie sprechen, wodurch dann wieder eine neue Idee entzündet wird. Dennoch interpretieren Sie niemals, weisen nur hin, schaffen Zugänge. Sie sind unter anderem auch ein Konversationskünstler. Wo haben Sie das gelernt?

LAGERFELD: Das habe ich von meiner Mutter gelernt und durch viele Lektionen verfeinert. Ich spreche viel, um nichts zu sagen, denn ich denke. In Voltaires Worten: „Was eine Erklärung braucht – ist die Erklärung nicht wert...“ Tolle Wahrheit!!!

KOETHER: Unterscheiden Sie wirklich nur zwischen Leuten, die sich langweilen, und solchen, die sich nicht langweilen und tun, was zu tun ist? Der Traum von ewiger Kreativität ist bei Ihnen an einen ununterbrochenen Arbeitseifer geknüpft, in den alle Aktivitäten (von Tanzen bis Bücherschreiben bis hin zu sozialen Verpflichtungen) eingeschlossen zu sein scheinen. Gibt es dennoch Prioritäten? Auch wenn es keine „Ablenkungen“ für Sie gibt, also von morgens bis abends gearbeitet wird, scheint in der Art der Arbeit als auch wie Sie die Arbeit tun, „alles“ zu stecken!

LAGERFELD: Ich neige dazu. Aber man muss überall hundertprozentig dahinterstehen, was man auch tut und so komplex es auch ist. Das entspricht meiner Natur. Das ist eine Art „Begabung“ und Veranlagung, vielleicht... hoffe ich – ich mache das „mühelos“, fast natürlich. Das sind Vorteile, die wenige meiner Kollegen teilen. Das ist ja aber vielleicht auch eine Frage der Erziehung und des Hintergrunds.

KOETHER: Sie sagen in einem Text: „Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst“. Gilt das immer noch?

LAGERFELD: 100 %.

KOETHER: Beschäftigen Sie sich immer noch mit dem 18. Jahrhundert? War die Beschäftigung damit und das, was Sie Ihre Faszination für den „materiellen Ausdruck von Architektur, Malerei und Kleidung“ nannten, eine Art Matrix für Ihre eigene Arbeit?

LAGERFELD: Ja, es gehört irgendwie zu meiner Art zu denken. „L'Europe des Lumières" ist mein Ideal – nicht die heutige Union, die ohne Geist und Charme ist.

KOETHER: Woher kommt Ihre Liebe zu Uniformen, die sich in Ihrer Arbeit immer wieder durchsetzt. Was gibt eine Uniform der Person Lagerfeld, und was gibt sie denen, die Sie anziehen?

Unter den Linden, Berlin, November 2004 (c) Foto: Clemens Krümmel

LAGERFELD: Uniformen sollten gut sitzen. Es handelt sich da um die, die man auf alten Fotos und Gemälden sieht. Da war Glanz und Farbe. Heute sind sie alle etwas „dunkel“ und ohne „eclat“. Dagegen kämpfe ich. Ich hasse Militär, aber ich liebe Uniformen.

KOETHER: Was meinten Sie mit dem Satz „Im Grunde bin ich eine „Geheimratssnatur“? Von welcher Vorstellung werden Sie angetrieben? Haben Sie immer Vertrauen in sich oder gibt es auch mal Angst?

LAGERFELD: Meine Mutter hatte zwei Ideal-Männer, die sie toll fand und die ich als Vorbild nehmen sollte: Walter Rathenau und Graf Kessler. Das ist sehr „Wilhelmstraße“ (besonders Rathenau). Meine Mutter war Tochter und Enkelin hoher preußischer Beamter. Ich wäre nach Berlin gegangen, hätte es den Krieg und die Nazis nicht gegeben... „zu spät geboren“, sagte sie...

KOETHER: Wem oder was verdanken Sie all dieses unglaubliche Selbstvertrauen? Hat die materielle Basis etwas damit zu tun? Die Erziehung? Freunde? Brauchen sie Bestätigung?

Sind alle Ihre Aktivitäten Teil eines andauernden Selbstverwirklichungsprozesses, der wiederum ein interessantes Spiel mit Selbst- und Fremdbestimmtheit ist?

LAGERFELD: Ich kann da nur Ja antworten. Ich verdanke meinen Eltern viel, auch meine ausgeglichene, fast puritanische, gesunde Natur, die man aber nicht so sieht.

KOETHER: Alles, was Sie tun, scheint von einem Medium begleitet zu sein, der Zeichnung. Welchen Stellenwert hat die Zeichnung für Sie selbst? Verwahren Sie alle Zeichnungen? Oder sind sie nach Gebrauch obsolet? Lieben Sie es, zu zeichnen?

LAGERFELD: Zeichnen ist Ausgangspunkt. Damit fängt es an und oft endet es damit. Ich kann recht gut zeichnen, was mir hilft, mich schnell, klar und deutlich auszudrücken. Ein großer Vorteil!

KOETHER: Interessiert Sie die Malerei? Gibt es ein Bild, das Sie immer besonders gerne mochten und das Ihr ästhetisches Empfinden mitgeprägt hat?

LAGERFELD: Ja, es fehlt nur die Zeit und das Talent. Meine Einflüsse: Jawlensky, Matisse, Kandinsky, Feininger, alle Expressionisten, Manet und Goya, Poisson, Philippe de Champaigne und die religiöse Malerei im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Ich liebe das 18. Jahrhundert, aber die Malerei berührt mich mehr auf dem Gebiet der Mode.

KOETHER: Arbeiten Sie lieber „analog“, allein oder im Team? Bevorzugen Sie eine künstlerische Organisationsform, ein Studio oder eher die Firma?

LAGERFELD: Beides. Ich bereite alleine vor und arbeite dann mit Teams aus. Studios in Firmen, Firmen als „Firmen“ öden selbst meine eigenen Firmen an – bis auf KL, den Laden und das Verlagshaus.

KOETHER: Ist der Satz „Ideen kann man nicht bestellen“ auch der Ausdruck eines gewissen „Offen-Lassen-Könnens“, der Leichtigkeit der Erfindungsgabe, die vielleicht aus der Erfahrung kommt, aber nicht angelernt werden kann? Ist das eine romantische Vorstellung von Kreativität?

LAGERFELD: Ich finde, Sie haben Recht. Klingt toll – ist aber nicht immer so schwerelos – nur ist die beste Arbeit leider oft nicht die, die eine mühsame Geburt hat... Ungerecht, aber wahr. „Verdienst“ gibt es da nicht. Es ist eine Art glücklicher Zufall, wenn es klappt.

Fax an Jutta Koether

KOETHER: Faszinieren Sie die Effekte der Celebrity-Kultur und die Effekte, die Sie selbst produzieren?

LAGERFELD: Klimperei gehört zum Handwerk. Das ist wahrer denn je... O.K., für mich.

KOETHER: In welcher Gesellschaftsform möchten Sie idealerweise existieren?

LAGERFELD: Ich komme mit der heutigen Umwelt aus. Es ist unsere Zeit, und wir haben die Zeit und den Zeitgeist, den wir verdienen.

KOETHER: Steht in näherer Zukunft noch mal eine radikale Stiländerung an? Oder bleibt es erst einmal eine kleine Weile so, wie es ist?

LAGERFELD: Ich lasse alle Türen offen, komme was kommt. Was, weiß keiner. Ich bin immer bereit.

KOETHER: Woher kommt eigentlich der Name Lagerfeld?

LAGERFELD: Ich kenne ihn nicht in Deutschland, aber es gibt ihn in Schweden. In alten Papieren haben wir ihn auch, aber das ist mir egal: „Es fängt mit mir an und hört mit mir auf!“

Titelbild: Jutta Koether, „Lagerfeld“, 2002, (c) Jutta Koether/Galerie Buchholz, Köln