"Malerei als schmutziges Geschäft" Christiane Rekade über Julia Schmidt bei Meyer Riegger, Berlin

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Julia Schmidt, "Dirt (between canvas and frame)", 2010

Als Miuccia Prada 1985 die Tasche „Black Nylon“ aus schwarz glänzender Fallschirmseide auf den Markt brachte, gelang ihr mit diesem Produkt der Durchbruch als Designerin. Die unbeschrifteten Taschen wurden nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch von Multiplikatoren wie Moderedakteurinnen getragen. Prada benutzte einfaches Material wie Nylon und hinterfragte den konventionellen Geschmack, in dem sie „unmodische“ Accessoires wie den Rucksack und Stoffmuster, die an Tischdecken der 50er Jahre oder Kleidung aus sozialistischen Ländern erinnerten, in die Mode einführte. „I always want to be different, as a way to progress. I wanted to make rich materials look poor, and poor materials look rich. Always there was something disturbing.“_1 Auch wenn heute Nylon und „hässliche“ Muster selbstverständlich kombiniert und getragen werden, schuf die Designerin mit diesem Stilbruch gerade in den frühen Jahren ihres Schaffens einen klaren Gegensatz zu den luxuriösen, glamourösen Ausstattungen, wie es bei den erfolgreichen (und hauptsächlich männlichen) Mailänder Designern zur der Zeit üblich war.

„Es gibt diese große Leichtigkeit, mit der Malerei vom Markt aufgesaugt wird. Ich will Störungen, Hindernisse, Brüche in meine Bilder einbauen, dieser einfachen Konsumierbarkeit etwas entgegensetzten," sagt Julia Schmidt, _2 die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und an der Glasgow School of Art studiert hat. Dem Hype um die Neue Leipziger Schule, ihre (ebenfalls hauptsächlich männlichen) Maler und dem vorherrschenden figurativ-surrealen Stil, widersetzt sich die1976 geborene Künstlerin und hinterfragt immer wieder die Bedeutung des ökonomischen Wertes der Malerei. Der Präzision, malerischen Perfektion und dem Pathos der Neuen Leipziger Schule setzt Schmidt Reduktion und Nüchternheit entgegen und stört die Akkuratesse ihrer Bilder durch Aussparungen, Übermalungen, Imperfektion. Was ist es wert, gemalt zu werden und warum erscheint etwas wertvoller, wenn es gemalt ist, scheint sich die Künstlerin immer wieder zu fragen. In ihrer Motivwahl konzentriert sie sich auf das Unscheinbare, das Unwichtige, oft auf das Trashige, Dreckige und Abgenutzte: Sie malt den Fleck eines ausgelaufenen Tintensicherungsetiketts auf einem Kleid, die alltäglichen Stillleben auf einer Werkbank oder eine Fliegenfalle. Ihrer ersten Einzelausstellung bei Meyer Riegger in Berlin steht unter dem assoziativen Titel „Economy of Hygiene".

Bei „Dirt (between canvas and frame)“ (2010) überträgt Schmidt die mikroskopische Ansicht des Staubes, der sich zwischen Leinwand und Keilrahmen ansammelt, in Öl auf MDF. Bei der abstrakten, durchaus dekorativen Komposition in Grautönen, die an einer der prominentesten Wände direkt gegenüber dem Eingang der Galerie hängt, steht also Verunreinigtes im Zentrum. „Der Schmutz zwischen Rahmen und Leinwand ist ja Dreck, der das Kunstwerk beschmutzt, seine Erscheinung und schließlich auch seinen Wert mindert. Indem ich diese vergrößerte Aufnahme in ein Ölbild umwandle, wird das Bild wiederum zu etwas Schönem und Wertvollem“, erklärt Julia Schmidt den Gegensatz und das Zusammenspiel von Schmutz und Glanz und ihre Fragen nach dekorativen und malerischen Qualitäten in der Malerei.

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Julia Schmidt, "Economies of Hygiene", Ausstellungsansicht, 2010

Julia Schmidt arbeitet nach fotografischen Vorlagen, nach Bildern, die sie im Internet, in Katalogen oder Magazinen findet und in Malerei überträgt. Dabei verwendet sie ihr Ausgangsmaterial nicht unverändert. Sie kombiniert neu, lässt Teile weg, trägt Farbschichten auf oder legt sie offen. Nie jedoch gibt Julia Schmidt den Blick auf das ursprüngliche Bild ganz frei. Und auch die Sicht auf ihre eigenen Gemälde stört sie in der Ausstellung, denn die Künstlerin hat das großzügige Schaufenster der Galerie mit einer Konstruktion aus gebrauchten Rigipsplatten und Dachlatten teilweise verbaut und präsentiert stattdessen eine leere Fläche. Mit den vergilbten Platten nimmt Julia Schmidt die etwas verlassene und verstaubte Ästhetik vergessener Schaufenster auf und transformiert sie in eine zurückhaltend-elegante Eingangsinstallation ähnlich eines hippen Guerilla Stores.

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Julia Schmidt, "Untitled (basement) I", Untitled (basement) II", 2010

Nur fragmentarisch kann man die Ausstellung von Außen an der Plattenkonstruktion vorbei durch das Fenster erkennen. Das Gefühl, nicht alles sehen zu können, bleibt auch in der Galerie, vor den Bildern: In „Still Life (Bowl, coin bread)“ (2009) etwa, einer Variation von Edgar Degas’ „Römischer Bettlerin“ (1857), lässt Schmidt zentrale Teile der Vorlage weg und malt eine fast abstrakte Komposition aus den nebensächlichen Details (die Schale, die Münze und das Brot) des Originals. An Stelle der Bettlerin steht eine weiße unregelmäßige Fläche. In „Untitled Basement I + II“ (2010) überpinselt Julia Schmidt eine realgetreu gemalte Werkbank mit einer altrosa Farbschicht, so dass der Arbeitstisch nur noch wie durch einen Schleier wahrgenommen werden kann. Es ist, als würde die Künstlerin die Besucher mit sorgfältig ausgeführten Fragmenten anlocken, um sich ihnen dann, mit einer Leerstelle, einer Auslassung gleich wieder zu entziehen. Diese Aussparungen und Übermalungen verleihen den Gemälden von Julia Schmidt eine innere Spannung und geben der konzentriert gehängten Ausstellung im Zusammenspiel mit den Zwischenräumen der Bilder einen weiter tragenden Rhythmus.

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Julia Schmidt, "Untitled (store front)", 2010

„Untitled (Store Front)“ (2010) nimmt das Schaufenstermotiv noch einmal auf. An der Fassade eines etwas altmodischen Frisörsalons prangt in einer freihändig gestalteten Typographie die Aufschrift „Identity“. Die etwas hilflose und ungelenke Reklame vermag mit ihrem Versprechen von Persönlichkeitskonstruktion durch individuelle Trendfrisuren nicht ganz zu überzeugen. Auch in „Untitled Wolford“ (2009) verheißt das Detail einer Werbeanzeige der bekannten österreichischen Strumpfmarke Luxus und Eleganz. Doch auch hier bricht Julia Schmidt in ihrer malerischen Umsetzung die verführerische Perfektion ihrer Vorlagen. Die auf den ersten Blick makellose weibliche Silhouette verunsichert durch kleine Störungen, malerische Ungenauigkeiten und Abweichungen von einer als ideal angesehenen (Körper)-Form.

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Julia Schmidt, "Untitled (Wolford)", 2009 

In ihren Bildern thematisiert Julia Schmidt die Parallelen der Produktions- und Konsummuster in Mode und Kunst auf, beides Segmente, die auch auf der Fetischisierung von Waren basieren. Zugleich macht ihre Ausstellung deutlich, wie sehr ästhetische Gegensätze sich gegenseitig bedingen, denn Trash und Chic sind zwei Seiten einer Medaille: Das eine ist ohne das andere nicht zu haben – und umgekehrt.


Julia Schmidt, "Economies of Hygiene" in der Galerie Meyer Riegger, Berlin. 20. November - 18. Dezember 2010


Anmerkungen:

1_http://www.telegraph.co.uk/culture/art/5277507/Miuccia-Prada- interview-Fondazione-Prada-Milan.html

2_ Oliver Koerner von Gustorf: Ein Geschäft wie jedes andere, Julia Schmidts diskursive Malerei. db-artmag.com, Juni 2008: http://db-artmag.com/archiv/2008/d/3/1/600.html