Melissa Canbaz über Gerry Bibby bei Silberkuppe, Berlin

Gerry Bibby, "Coffee/Table/Book", 2014

Der zweigeteilte Raum der Galerie Silberkuppe erscheint wie der Betriebsbereich hinter einer Bühne. Wie ein nichtöffentliches Setting – privat und authentisch, ganz ohne theatralischen Schein und vor allem ohne Akteure. Sogleich richtet sich der Blick auch bei den beiden Arbeiten im Eingangsbereich auf das wenn nicht Privat-Verborgene, so doch von der Außenwelt Abgeschirmte. „Coffee/Table/Book“ (2014) und „Wishing Well“ (2014) bestehen beide aus Glasbehältern mit Inhalt: ersteres eine Vitrine, randvoll gefüllt mit Diversa wie Notizzetteln, ausgedruckten Emails und Texten, Zeitungen und leeren Zigarettenschachteln; letzteres eine Vase, die eine trübe Flüssigkeit beinhaltet. Die Arbeiten vermitteln den Eindruck von Skizzen für eine Handlung, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen lässt. Denn anstelle einer aktiven Performance, wie sie so oft Teil von Gerry Bibbys Praxis ist, wählt der in Berlin lebende australische Künstler hier subtile performative und plastische Gesten, die zwischen Objekt und Text ausgetragen werden.

So wurde dem Betrachter der Ausstellung „Gerry / Bibby“ ein essentieller Bestandteil zunächst vorenthalten: Der „soft book launch“ des Buches „The Drumhead“, eine Lesung in der Berliner LGBT-Bar Möbel Olfe, fand erst nach der Eröffnung der Ausstellung statt. Die zeitliche Hinauszögerung der Präsentation führte hier insbesondere zu einer Art Destabilisierung der Hierarchien zwischen Text und Objekt. Für den Betrachter bot sie die Möglichkeit einer weisungsfreien Beobachtung der Arbeiten im Raum ohne Begleitung des Buchtextes, der das Bibbys Arbeiten spezifische Verhältnis von Text, Skulptur, Bildern und Performance offenlegt; „Coffee/Table/Book“ erscheint so nicht nur wie ein Requisit, sondern wie ein Ausstellungsraum für sich, dessen selbstständige Display-Funktion ihren eigenen Inhalt nach außen kehrt.

"Gerry / Bibby", Silberkuppe, Berlin, 2014, Ausstellungsansicht

„The Drumhead“ ist Teil eines Projekts, das seit 2013 in Kooperation mit der Performance-Platform „If I Can’t Dance I Don’t Want To Be Part Of Your Revolution“ entstanden ist. Die Institutionen, in denen er innerhalb dieses Zeitraums ausstellte, wählte Bibby auch als Orte für seine Schreibpraxis. Häufig fallen in seinen Arbeiten die Orte der Präsentation und Produktion zusammen. „The Drumhead“ vereint collagenartig Poesie, Fiktion und Instruktion mittels einer Methode, für die im Buch die Metapher des „deformation twinning“ gefunden wird: „Once struck, it was found that a new orientation, a mirror image, or twin, of the original structure repeated itself, localizing and containing the drama of any incursion. Attempts to break through the shell using a hammer with a micron-sized diamond tip caused narrow bands of atoms within individual calcite crystals to shift into new orientations, a phenomenon known as deformation twinning.“ Diese „Verzwillingung“, wie der Begriff aus der Kristallographie im Deutschen heißt, macht sich nicht nur formal, sondern auch inhaltlich bemerkbar – einzelne Kapitel werden gespiegelt und miteinander verzahnt. So beziehen sich Elemente aus der Ausstellung auf Szenen, Farben, Charaktere aus dem Buch (zum Beispiel die Farbe Gelb, die sowohl im Text, als auch im Raum wiederholt auftaucht) sowie auf den physikalischen Schreibprozess, und umgekehrt: „She’d attempted to choreograph impulses she knew because she’d felt them: that is, she’d given these impulses words“, liest man auf den ersten Seiten. Das Buch fungiert als Fußnote oder Postskript, die die Ausstellung um ein weiteres soziales Motiv bereichert und kulturelle und gesellschaftspolitische Bezüge herausarbeitet. Die Charaktere – allen voran Gina, eine Performancekünstlerin und Guy, ein Polizeiagent – begegnen in den einzelnen Szenen, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum, konservativen Positionen, mit denen sie in Konflikt treten und die sie zur Erschöpfung treiben. Die Schauplätze der Kapitel (wie zum Beispiel „Genittal House“ und „The Glass Pyramid“), fungieren als architektonische Körper, die die Handlungen rahmen und wiederum das räumliche Setting im Ausstellungsraum spiegeln. Mit der Taktik einer subversiven Argumentation, in der er Inkonsistenzen und Selbstwidersprüche der gegnerischen Haltung heraushebt, referiert Bibby auch auf reale Gegebenheiten. So wird das Kapitel „Paris is Burning“ mit einem Zitat des rechtsnationalen Aktivisten Dominique Venner eröffnet, der sich im vergangen Jahr in der Kathedrale von Notre-Dame in den Kopf schoss. In der Öffentlichkeit wurde dieser Suizid mit Venners Kritik an der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, sowie seiner grundsätzlichen Abneigung gegen einen islamischen Einfluss innerhalb von Frankreich in Verbindung gebracht. Eine obskure Tat, deren Zitat im Buch in Anbetracht der Ereignisse um Charlie Hebdo in Paris und zu Zeiten von Pegida eine erschreckende Aktualität zuteilwird.

"Gerry / Bibby", Silberkuppe, Berlin, 2014, Ausstellungsansicht

Zurück in der Ausstellung erscheint die Arbeit „Outtake/Curious (Yellow)“ (2014) wie eine Seite aus diesem Buch: eine Wand, herausgerissen aus Bibby’s eigener Wohnung, wurde vor Ort neu zusammengesetzt und durchläuft nun als funktionales Objekt eine Veränderung im Raum. Betritt man die Galerie, ist die Sicht auf den hinteren Teil des Raums frei, sodass sich die beiden Raumteile an der Mittelachse zu spiegeln scheinen. Jede dieser Öffnungen ist Eintritt und Austritt zugleich, die Bewegungen im Raum implizieren. Eine ausgedruckte Version von „Under Pressure (Microsoft Word Remix)“ (2014) befindet sich eben auf dieser Mittelachse und dient als Verbindungsstück, für das sich Bibby an diversen Texten bedient, die von Online-Lyrikplattformen stammen. Textfragmente wurden kopiert, anschließend durch den virtuellen Schredder gejagt, um sie mit Hilfe eines Schreibprogramms zu einer abstrakten Buchstabenzeichnung neu abzumischen. Eine poetische Geste, die sich nicht an ihren Objektcharakter klammert: Das Ergebnis kann man sich auf der Website der Galerie herunterladen und selbst ausdrucken. Zerlegt man diese Arbeit in ihre formalen Einzelteile, werden Schnittstellen zwischen Objekt und Text sichtbar; die Semantik des performativen Akts des Remix und das daraus resultierende Gedicht unterstreichen die Gleichstellung der beiden Formate. Der Stuhl und Aktenvernichter im hinteren Raum („Formerly known as Mr. Stockholm Syndrome“, 2014) – beides Objekte, die von früheren Ausstellungsorten mitgenommen wurden – betonen die Verlinkung zum aneignenden und neu zusammensetzenden „Dichtungsprozess“. So könnte man auch meinen, dass die Färbung der laugenartigen Substanz in der Vase („Wishing Well“) von Tinte oder Druckerschwärze stammt. Tatsächlich handelt es sich um Heizungsflüssigkeit, die Bibby während der Ausstellung „Combination Boiler“ (2014) im Londoner The Showroom abgefangen hat (Bibby selbst nennt diesen Prozess „ausbluten lassen“).

Die Funktionalität von Alltagsgegenständen wird in Bibbys Praxis durch ihre Potentiale erweitert und im Raum transformiert, um auf einer sprachlichen Ebene eine neue Bedeutung zu finden. Bei „Gerry / Bibby“ und in „The Drumhead“ knüpfen die Objekte und Texte nicht zuletzt an Bibbys eigene Position und Haltung gegenüber Institutionen und seine Rolle innerhalb einer solchen Instanz an. Dabei treffen nicht selten queere Kontexte auf Realpolitik und die Bestrebung, bestehende soziale Ordnungen, insbesondere Hierarchien und gesellschaftliche Zugehörigkeiten, in Frage zu stellen. Diese Verweise und die Formate, in denen sie zum Ausdruck kommen, sind wie einzelne Organe, die zu einem System verflochten werden. Wie ein Mauerwerk reihen sich die einzelnen Elemente aneinander – passgenau, seriell und aufeinander aufbauend.

Gerry Bibby, „Gerry / Bibby“, Silberkuppe, Berlin, 14. November 2014 – 31. Januar 2015.

Melissa Canbaz ist Autorin und lebt in Berlin.