Ohne Grund. Martin Saar über zwei neuere Bücher von Simon Critchley

In seinem neuesten Buch über Ethik und Politik hat sich der in New York lehrende britische Philosoph Simon Critchley viel vorgenommen. Als Antwort auf den „Motivationsmangel im Kern der säkularen liberalen Demokratie“ möchte er nicht weniger als eine neue Ethik und eine neue politische Theorie entwickeln, mit der sich der Orientierungslosigkeit und der Wiederkehr alter Gewissheiten etwas entgegensetzen lassen soll. Auch wenn er keine Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit starken theoretischen Gegnern auslässt und sich großer argumentativer Geschütze vor allem aus dem Feld der französischen Gegenwartsphilosophie bedient, ist dabei doch keine trockene Abhandlung, sondern ein humorvoller, engagiert und anspielungsreich geschriebener Text herausgekommen, der nebenbei auch noch einen souveränen Überblick über ethisch-politische Grundsatzfragen vermittelt.

Wenn man die zeitgenössische Moralphilosophie daraufhin liest, wie sie den Kern ethischer Erfahrung erläutert, ist Autonomie, die Fähigkeit des Subjekts zur Selbstgesetzgebung, die kanonische Antwort. Gegen diese „Orthodoxie der Autonomie“ sucht Critchley nach einem Verständnis des Ethischen, das dem Fremdheits- und Unbeherrschbarkeitscharakter des moralischen Anspruchs gerecht wird. Unter Berufung auf die Schriften von Alain Badiou und Emmanuel Levinas, auf theologische Modelle und die Psychoanalyse skizziert er eine „Ethik der Heteronomie“, der zufolge die moralische Urerfahrung das Anerkennen einer unendlichen Forderung durch den Anderen ist, in der sich das Subjekt als gespaltenes erfährt. Diese Überforderung angesichts von Unrecht muss aber nicht als tragisch empfunden werden, wie es die philosophische, vornehmlich deutsche Tradition von Hegel bis Heidegger behauptet hatte; auch der Humor oder die ironische Selbstrelativierung sind für die Critchley eine mögliche sublimierende Praxis, mit der eigenen Begrenztheit umzugehen. Ethische Unvollkommenheit wird erträglich, wenn eingesehen wird, dass Perfektion grundsätzlich nicht erreicht werden kann.

Was politische Fragen angeht, glaubt Critchley mit Marx, dass die Dynamik des Weltmarkts und die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse kapitalismustheoretisch zu analysieren und eine Vorstellung von „wahrer Demokratie“ zu entwickeln sind. Der dualistischen und deterministischen Klassenkampftheorie will er hingegen nicht folgen. Denn gerade wer als politisches Subjekt auf die Bühne tritt, ist unvorhersehbar. Progressive soziale Bewegungen wie die „sans papiers“ in Frankreich oder die australischen und mexikanischen Initiativen der „Indigenen“ sind für Critchley Paradebeispiele einer Politik, die neue politische Subjektivitäten allererst schafft. Weil sich diese Bewegungen auf keinen anderen Grund als ihre – ihnen noch nicht zugestandenen – universellen Rechte berufen, kann er ihr Anliegen auch „Anarchismus“ nennen und diese Praxis verallgemeinern: Politik im emphatischen, kritischen Sinn äußert sich immer in Distanz zum Staat und konkretisiert sich in der „aufsehenerregenden, kreativen und einfallsreichen Störung des Staates“ als Reaktion auf Ungerechtigkeit und Unrecht.

Als Modell bestimmter Formen sozialkritischer Interventionen und menschenrechtlicher Artikulation ist dies plausibel, aber als Erläuterung dessen, was Politik grundsätzlich sein soll, wirkt es merkwürdig abstrakt. Wieso sollte nur die moralische Empörung ein wirksames Motiv für politisches Engagement sein? Wie lässt sich die Staatsskepsis mit der Hoffnung in eine rechtlich verstandene Universalität vereinbaren? Und bleibt der vorher gepriesene Humor nicht spätestens bei der Frage nach dem Unrecht auf der Strecke?

Vielleicht gelingt Critchley eine letztlich überzeugende Zusammenführung seiner diversen Intentionen in diesem Großessay deshalb nicht, weil er in der Form zu unentschieden ist. Sein Plädoyer für einen ethisch-politischen Anarchismus bleibt zu leichtfüßig und unausgearbeitet, um als schlüssige philosophische Abhandlung gelten zu können, und ist zugleich zu beladen mit akademischen Referenzen und Grundsätzlichkeiten, um als zeitdiagnostische Intervention durchzugehen. In seiner Begrenzung prägnanter ist hier ein ebenfalls frisch übersetzter, kurzer und eleganter Text über Rousseau, der nicht mehr und nicht weniger sein will als ein interpretierender Kommentar einer klassischen Position. So deutlich wie niemand zuvor erkennt Rousseau, dass die immanente Begründung der modernen Demokratie auf einer Ablehnung transzendenter Autoritäten beruht, aber dennoch „auf eine Art von Transzendenz angewiesen“ bleibt. Diese im Begriff der „Zivilreligion“ formulierte Einsicht ist aber durch und durch modern darin, dass sie selbst als Ergebnis eines kreativen Prozesses, als politische Erfindung oder „Fiktion“ verstanden wird.

Interpretatorisch behutsam, aber hartnäckig verfolgt Critchley die Elemente im Text Rousseaus, wo dieser die Idee einer politisch notwendigen Fiktion oder sogar von Fiktion als Ermöglichung von Politik erst formuliert, um sie dann aber selbst wieder zu unterdrücken. Und es ist diese Frage nach dem grundlosen Grund des sozialen Zusammenhalts, in der sich die politische Modernität Rousseaus wie auch noch die unseres eigenen – zwischen illusionslosem Säkularismus und religiösem Fundamentalismus zerrissenen – Zeitalters zeigt. Diesen Zwiespalt durchdenken und nicht an ihm verzweifeln: keine geringe Aufgabe für die Philosophie.

Simon Critchley: Unendlich fordernd. Ethik der Verpflichtung, Politik des Widerstands

Aus dem Englischen von Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck. diaphanes, Zürich/Berlin 2008. 224 S., € 19,90

Simon Critchley: Der Katechismus des Bürgers. Politik, Recht und Religion in, nach, mit und gegen Rousseau

Aus dem Englischen von Christian Strauch. diaphanes, Zürich/Berlin 2008. 80 S., € 8,00