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KAPITALISTISCHE ZEITENWENDEN: REFEUDALISIERUNG Sighard Neckel

Agnes Scherer, “Savoir Vivre,” 2023

Agnes Scherer, “Savoir Vivre,” 2023

Mit seiner Forschung zur Erosion des Leistungsprinzips, zur „strukturierten Verantwortungslosigkeit“ wirtschaftlicher Macht im Finanzmarktkapitalismus sowie zur ständischen Verfestigung sozialer Ungleichheit und deren Rechtfertigung, zum Beispiel durch die Wiedererrichtung aristokratischer Privilegien für Privatstiftungen, widmet sich Sighard Neckel seit etlichen Jahren jenem paradoxen gesellschaftlichen Wandel, der im Zuge kapitalistischer Modernisierung vormoderne Sozialformen entstehen lässt. Seine Beobachtungen fasst er unter dem Begriff der „Refeudalisierung“ zusammen, den Jürgen Habermas in seiner Studie zum „Struktur­wandel der Öffentlichkeit“ entwickelte. Wie Neckel hier betont, handelt es sich bei den jüngeren gesellschaftlichen Entwicklungen jedoch keinesfalls um eine schlichte Rückkehr zu feudalen Zeiten, sondern um eine neue Spielart des Kapitalismus, der seine historische Verbindung zur Bürgerlichkeit aufgekündigt hat.

Der moderne Kapitalismus hat selten in der Zeitdimension der reinen Gegenwart existiert. Insbesondere in Zeiten, die durch große Reichtumsgewinne bei den Oberklassen gekennzeichnet waren, bildeten sich immer wieder Sozialformen aus, die an die ökonomischen Praktiken, politischen Herrschaftsweisen und kulturellen Symboliken vergangener Epochen erinnerten. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert, im „Gilded Age“ der USA mitsamt seiner wirtschaftlichen Prosperität und dem Aufstieg der schwerreichen robber barons, beschrieb der Soziologe Thorstein Veblen die Aristokratisierung der Oberklassen in den Vereinigten Staaten als „demonstrativen Konsum“ einer leisure class, die den Prunk feudaler Zeiten nachahmen wollte. [1] Solche historischen Überblendungen brachten Max Weber einst zu der soziologischen Einsicht, dass die moderne Klassenteilung das ­vormoderne Prinzip ständischer Rangordnungen nicht ­aufheben würde. Insbesondere die Besitzklassen tendierten regelmäßig dazu, sich durch ihren Überreichtum, durch grenzenlose Machtansprüche und einen spektakulär herausgestellten Lebensstil „ständische“ Vorrechte auch noch in der modernen Sozialordnung zu verschaffen. [2]

Medieval social tableau, 15th century

Medieval social tableau, 15th century

Dass gesellschaftlicher Wandel ­Kontinuitäten zwischen historisch Gegensätzlichem stiftet und eine Verschränkung neuer und alter Sozial­formen vollzieht, lässt sich auch in unserer Gegenwart registrieren, in der die kapitalistische Gigantomanie von digitalen Megakonzernen und größenwahnsinnigen Techmogulen zum beherrschenden Thema einer kritischen Öffentlichkeit geworden ist. Begünstigt durch den Aufstieg des Finanzmarktkapitalismus und die digitale Revolution trat in den zwei ­Jahrzehnten nach dem Millennium eine neue Klasse der Superreichen hervor. Zunächst war diese vornehmlich an der Steigerung ihrer immensen Renditen und dem Aufbau historisch beispielloser Vermögenswerte interessiert, die sich bei den Milliardär*innen dieser Welt inzwischen auf 18,3 Billionen US-Dollar und beim obersten Perzentil der weltweit Reichsten auf fast 44 Prozent des gesamten globalen Vermögens bemessen. Elon Musk, aktuell the richest of the rich, verdient in vier Sekunden so viel wie ein Mensch im weltweiten Durchschnitt in einem Jahr. [3] Vor solch gewaltigen Diskrepanzen in der schieren Menge des verfügbaren Geldes versagen alle historischen Vergleiche, die die Wirtschaftsgeschichte aus zurückliegenden Epochen sozialer Ungleichheit kennt.

Im Zuge dieser Entwicklung hat sich eine Rückkehr von Kategorien und Denkweisen eingestellt, die scheinbar aus der Zeit gefallen sind, weil sie dem Geist eines demokratischen Kapitalismus widersprechen, von dessen Tragfähigkeit westliche Gesellschaften nach dem Epochenbruch 1990 noch weitgehend überzeugt waren. Der demokratische Kapitalismus gerät aus verschiedensten Richtungen unter Druck. Ökonomisch, weil sich die kapitalistische Marktwirtschaft in einen Kapitalismus ohne Bürgerlichkeit verwandelt. Der gigantische Reichtum an der Spitze der Einkommenshierarchien verdankt sich nicht vorwiegend unternehmerischem ­Handeln, sondern dem unbürgerlichen Prinzip der Ver­erbung. 75 Prozent aller Milliardär*innen und Multimillionär*innen in Deutschland haben ein Gutteil ihres Vermögens ererbt, das sich in den langen Friedenszeiten eines ungebrochenen Wachstums in Unternehmerfamilien ansammeln konnte. [4] Für die Pilgrim Fathers, in den Vereinigten Staaten die geistigen Urahnen des ­Kapitalismus, galt noch, dass ein ehrenwerter Mann mit leeren Taschen vor seinen göttlichen Richter tritt. Vordenker des Liberalismus wie Jeremy ­Bentham und John Stuart Mill haben das Prinzip der Vererbung als Relikt der aristokratischen Epoche begriffen. Dieses unbürgerliche Prinzip stellt heute aber die wichtigste Grundlage der Konzentration ­enormen Reichtums dar. Es begründet die dynastische Struktur in der bel étage der Oberklasse, die sich mehr und mehr auf die familiäre Übertragung leistungslosen Vermögens stützt. Sofern dessen Vermehrung auf Erträgen auf den Finanzmärkten beruht, verdanken diese sich nicht ­Investitionen in Produktivkräfte, ­sondern Besitztiteln auf Vermögensgrößen, für die man Gewinne in Form von Arbitragen, windfall profits oder Spekulations­erträgen erzielt. ­Dieser moderne „Rentiers­kapitalismus“ [5] hat mehr ­Ähnlichkeit mit den Einkünften feudaler Grundherren als mit dem Mehrprodukt, das sich der bürgerliche Unter­nehmer aneignet, der für seine Gewinne notwendigerweise noch einen Beitrag zur gesellschaftlichen Wertschöpfung leisten muss.

Ensemble Studios, “Age of Empires II: Definitive Edition,” 2021

Ensemble Studios, “Age of Empires II: Definitive Edition,” 2021

Analogien zur ökonomischen Vorbürgerlichkeit weisen heute vor allem die Operationsweisen auf, mit denen der Techkapitalismus seine ­immensen Renditen erzielt. Die Plattformökonomie beruht auf Prinzipien, die wesentlich älter als der ­Kapitalismus sind. Techkapitalisten besitzen die digitalen Infrastrukturen und die Algorithmen, nach denen diese funktionieren. Deren User*innen stellen den Plattformen unentgeltlich die eigene Arbeitskraft zur Verfügung, weil ihre Aktivitäten es sind, die die Algorithmen permanent anreichern und optimieren. In Zeiten von ­Künstlicher Intelligenz ist dies ein überaus lohnendes Geschäft. Die Techkapitalisten ihrerseits stellen einen digitalen Grund und Boden als Lehen bereit, für dessen Nutzung sie von den User*innen unbezahlte Arbeit erhalten. Auf diese Weise erzielen sie Gewinne wie Grundbesitzer in vorkapita­listischen Zeiten, denen Vasallen persönliche Leistungen erbrachten.

In seinem viel beachteten Buch hat Yanis Varoufakis diese höchst moderne Retrotopie „Technofeudalismus“ [6] genannt. Es markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Debatte, die sich bereits seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem „Neofeudalismus“ inmitten der modernen Sozial­ordnung befasst. [7] Tatsächlich kann die Diagnose einer feudalistischen Regression der Moderne eine Anzahl von Evidenzen für sich reklamieren. Neben der Wiederkehr ökonomischer Kategorien wie Rente und Lehen gehört hierzu die ständische Schließung einer Oberklasse, die sich fortwährend aus den eigenen Kreisen selbst reproduziert. Zugleich nimmt die Prekarisierung von Lohnarbeit Formen an, die durch das ­bürgerliche Rechtsprinzip des Arbeitsvertrags nicht gedeckt sind und alte Muster unfreier Arbeit reaktivieren.

Auf starke Indizien kann sich die These vom Neofeudalismus durch den Prozess der Vermachtung berufen, gehörte es doch zum Feudalismus dazu, dass er eine Sphärentrennung von Staat und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, privat und öffentlich gar nicht kannte, sodass sich Status und Reichtum bruchlos in Herrschaft ­übersetzten. Solange die Klasse der superrich ihre politische Macht weitgehend aus dem Überreichtum bezog und vorwiegend durch die Finanzmärkte Einfluss auf politische Entscheidungen nahm, stellte sich ihre Einwirkung auf Staaten vor allem als Vetomacht gegenüber ­unerwünschten gesellschaftlichen Veränderungen dar. Dies änderte sich, nachdem sie die Herrschaft über die digitalen Schlüsseltechnologien erlangten – heute das kognitive und affektive Gehirn der globalen Ökonomie, das auch an die öffentliche und die politische Sphäre seine disruptiven Botschaften sendet. In den Vereinigten Staaten von Amerika befindet sich die digitale Infrastruktur von Regierung, Militär, Geheimdiensten, Kommunikations­netzen, ­Energiesystemen, Personalmanagement, Satelliten­systemen, Finanzinstrumenten, Plattformen und Clouds mehr und mehr im Privatbesitz eines autoritären Hightechkomplexes von hochfahrenden Technokings und endzeitlich beseelten Extrem-Libertären. Sie sind dabei, den Staat immer tiefer in eine strukturelle Abhängigkeit von ihren Unternehmen zu bringen und auf diese Weise selbst Souveränität zu erlangen. Noch vor einem Jahrzehnt liefen die Tagträume dieser neuen Oligarchen darauf hinaus, auf ­privaten Territorien, eigenen Inseln oder im Orbit staatsfreie Enklaven der Reichen begründen zu wollen. Heute liegt es nahe, den Staat selbst zu übernehmen, politische Souveränität als Vermögensanlage zu begreifen, hoheitliche Aufgaben als Unternehmensangelegenheiten wahrzunehmen, den Staat mit mächtigen Privatunternehmen verschmelzen zu lassen. Diese Privatisierung politischer Macht lässt die Unterscheidung von Wirtschaft und Gesetz in sich zusammenfallen. Wie in vorbürgerlichen Zeiten übersetzt sich die wirtschaftliche Macht Einzelner in die Beherrschung des Gemeinwesens und der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit als eine gesellschaftliche Sphäre, die sich auch gegen ökonomische und politische Mächte behaupten kann, verwandelt sich in einen privaten Besitz und wird über die ­Steuerung der Algorithmen von den Mächtigen selbst beherrscht.

“Tech Dinner” at the White House, Washington, D.C., 2025

“Tech Dinner” at the White House, Washington, D.C., 2025

All dies scheint vehement für die These des Neofeudalismus zu sprechen, der – wie ­Varoufakis es vermutet – dem Kapitalismus das Grab schaufeln wird. Doch krankt diese These daran, die Triebkräfte dieser Entwicklung misszuverstehen, die selbstredend kapitalistisch sind. Grundlegende Prinzipien des Kapitalismus, wie der Zwang zur erweiterten Akkumulation, zur Profitmaximierung und zur Monopolisierung ­privater Eigentumsrechte, werden durch den Neofeudalismus nicht außer Kraft gesetzt, vielmehr beruht er darauf. Auch bilden die heutigen Tech­oligarchen keine geburtsständische Aristokratie, die das rechtlose Volk ausbeutet und die allenfalls noch einer kaiserlichen Oberherrschaft untersteht. Weit mehr als an blanker Unterwerfung sind die Technokings daran interessiert, spätmoderne Subjekte zu „reflexiven Mitspielern“ [8] ihrer digitalen Imperien zu machen. Plausibler als die Vorstellung, dass wir in feudale Zeiten zurück­fallen, ist es, den Kapitalismus ohne Bürgerlichkeit als Ergebnis seiner eigenen Modernisierung zu begreifen. Mit dem von Jürgen Habermas entlehnten Begriff der „Refeudalisierung“ des modernen Kapitalismus lassen sich die Anmaßungen der neuen Oligarchien als paradoxes Ergebnis einer gesellschaftlichen Dynamik in der Gegenwart verstehen, in der die Modernisierung des Kapitalismus ökonomische Organisations- und politische Herrschaftsweisen erzeugt, die den Maximen einer bürgerlichen Sozialordnung widersprechen. [9] Doch genau hierin könnte die gesellschaftliche Voraussetzung dafür liegen, dass der globale Kapitalismus seinen weltweiten Siegeszug fortsetzen kann. Historisch betrachtet, wäre es nicht das erste Mal, dass sich dadurch die Sozialordnung des Kapitalismus folgenreich transformiert. Stellt man in Rechnung, dass sich die Refeudalisierung des modernen Kapitalismus heute mit den autoritären Bewegungen (nicht nur) in den westlichen Demokratien paart, ist weniger mit einer Rückkehr zum Feudalismus als mit der Gefahr eines hypermodernen Techno­faschismus zu rechnen.

Sighard Neckel ist Soziologe und Professor emeritus für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Von 2019 bis 2023 leitete er dort die DFG-Kolleg-Forschungsgruppe Zukünfte der Nachhaltigkeit, in der er seither als Senior Permanent Fellow tätig ist. Zuvor war er Professor für Soziologie u.a. an den Universitäten Gießen, Wien und Frankfurt/M. und gehörte dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt/M. an. Zuletzt erschien: Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation (C.H.Beck, 2026).

Image credit: 1. © Agnes Scherer, 2. Bibliothèque de l’Arsenal, public domain, 3. Age of Empires, public domain 4. The White House collection, photo Andrea Hanks, public domain

Anmerkungen

[1]Thorstein Veblen, The Theory of the Leisure Class: An Economic Study in the Evolution of Institutions, New York/London 1899.
[2]Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der ­verstehenden Soziologie, Tübingen 1980 [1922], S. 535 f.
[3]Vgl. Oxfam International, „Resisting the Rule of the Rich“, Januar 2026.
[4]Siehe „Milliardäre: Nur jeder Vierte in Deutschland hat sich das Vermögen selbst erarbeitet,“ Datapulse, Juni 2025.
[5]Vgl. Brett Christophers, Rentier Capitalism: Who Owns the Economy, and Who Pays for It?, London 2020.
[6]Yanis Varoufakis, Technofeudalism: What Killed Capitalism, London/New York 2024.
[7]Vgl. Sighard Neckel, „Refeudalisierung – Systematik und Aktualität eines Begriffs der Habermas´schen Gesellschaftsanalyse“, in: Leviathan, 41, 1, 2013, S. 39–56; Joel ­Kotkin, The Coming of Neo-Feudalism: A Warning to the Global Middle Class, New York/London 2020; Evgeny Morozov, „Critique of Techno-Feudal Reason“, in: New Left Review, 133/134, 2022, S. 89–126; Robert van Krieken, „­Refeudalization and Law“, in: Annual Review of Sociology, 19, 2023, S. 337–355; Cedric Durand, How Silicon Valley Unleashed Techno-Feudalism, London 2024; Vando Borghi, The Ruins of Capitalism and Possibilism: Beyond Homo Faber, London/New York 2025.
[8]Vgl. hierzu Sighard Neckel, „Die Verwilderung der Selbst­behauptung“, in: Axel Honneth (Hrsg.), Dialektik der Freiheit. Frankfurter Adorno-Konferenz 2003, Frankfurt/M. 2005, S. 188–204.
[9]Vgl. zuletzt Sighard Neckel, „The Refeudalization of Modern Capitalism“, in: Journal of Sociology, 56, 3, 2020, S. 472–486.