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NACHLEBEN EINER KRITIKERIN Steffen Zillig im Gespräch mit Leonie Huber und Anna Sinofzik über das Pseudonym Annika Bender

Anne Schäfer as Annika Bender, “Diversity United,” Hamburger Kunstverein, September 7, 2021

Anne Schäfer as Annika Bender, “Diversity United,” Hamburger Kunstverein, September 7, 2021

Die erste pseudonymisierte Ausstellungskritik, die in ­dieser Zeitschrift erschien, wurde 2015 von einer gewissen Annika Bender verfasst. Die bissigen Besprechungen Benders hatten dem Blog „Donnerstag“ in den Jahren zuvor beträchtliche Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Kunstdiskurs eingebracht und werden bis heute als Beispiel für engagierte Kunstkritik herangezogen. Kurz nach ihrem Beitrag für TZK ist Bender im Barthes’schen Sinne als Autorin gestorben: Die vermeintliche Biografie der Kritikerin entpuppte sich als Fiktion der beiden Künstler, die sie als Figur erschaffen hatten, um die Lesart ihrer Texte von ihren eigenen Identitäten zu lösen. Einer von ihnen ist Steffen Zillig, mit dem Leonie Huber und Anna Sinofzik das Phänomen Bender hier retrospektiv analysieren und an ihrem Beispiel die Raison d’Être des „Donnerstag“ sowie anonymer Kunstkritik diskutieren.

ANNA SINOFZIK: In dem Vortrag, den Annika ­Bender – das wohl bekannteste Pseudonym des Donnerstag – im Jahr 2015, verkörpert von einer Schauspielerin, in der Kunsthalle Bern hielt und der wenig später unter dem Titel Tod einer Kritikerin in Buchform erschien, übt sie Kritik an der sozialen Verfasstheit des Kunstfelds. Vor allem beklagt sie eine Sektenhaftigkeit, die ihrer Ansicht nach dazu geführt habe, dass einzelne Akteur*innen sich aus Angst vor Ausschluss nicht frei äußern können, was die Beurteilung von Kunst betrifft. War die Entscheidung, eure Kritik beim Donnerstag pseudonymisiert zu veröffentlichen, ein Versuch, euch diese Freiheit zu verschaffen?

STEFFEN ZILLIG: In gewisser Weise ja. Bender führt mehrere Kriterien auf, die für eine Sekte typisch sind, dazu gehört der Gruppendruck. Er ist sicher mitverantwortlich dafür, dass viele Spielarten der Kunstkritik blockiert erscheinen. Den Verriss insbesondere, aber auch ästhetische Urteile und deren stichhaltige Begründung sucht man in kunstkritischen Texten häufig vergeblich. Das war schon so, als Dominic Osterried, David Kühne und ich den Donnerstag zu Beginn der 2010er Jahre gründeten. Selbst bei Eröffnungen stritt man kaum darüber, ob eine Ausstellung gut oder schlecht war; als sei Kritik per se irgendwie unangebracht. Wir erlebten die Ausläufer des Kunstmarkt-Booms, und die allgemeine Haltung war: Es gibt dieses riesige Angebot an zeitgenössischer Kunst – such dir doch einfach aus, was dir gefällt. Der eine mag Rot, der andere mag Blau, so ist es eben.

SINOFZIK: Also kein Grund zu streiten.

ZILLIG: Genau. Ich bin aber überzeugt, dass der Streit um gute und schlechte Kunst ganz wesentlich zum Spiel gehört. Erst durch ihn entsteht im Idealfall eine relative Autonomie des künstlerischen Felds. Natürlich ist jedes ästhetische Empfinden subjektiv, aber – da folge ich ­Immanuel Kant – es vermittelt sich eben so, als sei es universell. Wenn ich eine Arbeit sehe, die mich begeistert, bin ich intuitiv überzeugt, sie sei auch objektiv begeisterungswürdig. Deshalb werde ich da beinahe missionarisch und will gleich allen davon erzählen. Dasselbe gilt, wenn ich eine schlechte Ausstellung sehe und denke: Das muss andere Leute doch auch ärgern. Doch zur Gründungszeit des Donnerstag war da dieser erfolgs­hungrige Gute-Laune-Imperativ. Es gab auch viel Kritik an der Gesellschaft oder am Kunstbetrieb, aber doch bitte nicht an unschuldigen Kunst­werken. Da herrschte so eine Verdruckstheit.

SINOFZIK: Das erinnert an den Befund, den unsere Vorgänger*innen bei TZK 2006 in der Ausgabe „Verriss“ formuliert haben. Sie führten die mangelnde Urteilslust vor allem auf den Networking-Imperativ zurück, der sich mit der zunehmenden Vernetzung des Kunstbetriebs durch das Internet seit den Nullerjahren intensivierte und heute mit der Prekarisierung des Felds weiterhin zunimmt. Als Autoren hinter den Pseudonymen des Donnerstag seid ihr anonym geblieben. Einerseits habt ihr euch so vom sozialen Druck freigemacht und euch ihm andererseits auch gebeugt, anstatt unter Klarnamen auf Pro­bleme hinzuweisen. Eine verdruckste Person ist ja nicht zuletzt eine, die sich im Hintergrund hält …

ZILLIG: Das ist wahr. Wir studierten alle Kunst, als wir den Blog gründeten, und hatten das diffuse Gefühl, dass es bei Ausstellungen um nichts mehr ging. Das ist wahnsinnig frustrierend, weil man sich als Künstler für eine Ausstellung ja in der Regel sehr ins Zeug legt. Wenn man eine künstlerische Behauptung in den Raum stellt, will man ja nicht, dass sie nur freundlich abgenickt wird. Diese professionelle Höflichkeit – „Schöne Arbeit!“ – ist da fast schmerzlicher als ein Verriss. Wir haben mit Donnerstag gewissermaßen ­simuliert, was uns in der Diskurslandschaft gefehlt hat. Die Pseudonymisierung erschien als Möglichkeit, anders in das Spiel der Öffentlichkeit ­einzusteigen. Denn als Anfänger ist deine Argumentation natürlich oft lückenhaft. Und wenn man zudem noch als Künstler Kritik an anderen Ausstellungen übt, sieht es schnell so aus, als mache man das aus dem Gefühl heraus, zu kurz gekommen zu sein. Nach dem Motto: Der schimpft doch nur über die ­Ausstellung, weil er selbst nicht eingeladen wurde.

LEONIE HUBER: Aber ihr habt bei Donnerstag ja nicht nur Ausstellungen eurer Peers besprochen. Benders erster Verriss galt einer Ausstellung von Rosemarie Trockel, deren künstlerische Karriere darunter wohl kaum gelitten hat.

ZILLIG: Ja, aber das war später. Man muss drei Phasen des Donnerstag unterscheiden: Am Anfang stand ein Blog von Kunststudierenden, die sich ausprobierten und unter Pseudonymen auch die Ausstellungen ihrer Kolleginnen und Kollegen besprachen. Dann gab es eine Phase, in der Leute aus der Kultur- und Kunstwissenschaft ­hinzukamen und regelmäßig Reviews ­schrieben. Die dritte und letzte Phase, in der Annika Bender erstmals in Erscheinung trat, war ganz dem gewidmet, was wir als Künstler gerne lesen würden: ausführlich argumentierenden Ausstellungskritiken mit klarem Urteil. Es erschienen weniger Texte, dafür brüteten wir länger und oft gemeinsam darüber.

“Tod einer Kritikerin” (Death of a Critic), bootleg from Cittipunkt Library, Berlin

“Tod einer Kritikerin” (Death of a Critic), bootleg from Cittipunkt Library, Berlin

HUBER: Im Zuge der Entwicklung des Blogs, die du beschreibst, habt ihr an Erfahrung gewonnen: Indem ihr als Akteure der Kunstwelt involvierter wurdet, hat sich sicher auch euer Zugang zu Informationen verändert. In Bern stellt Bender wiederholt die These auf, dass eine Insider-Position Kritik verunmögliche, und beschreibt sich als „eine weitere Figur aus dem Nirgendwo außerhalb des Netzwerks“. Habt ihr mit Bender bewusst eine Outsider-Position etabliert, um eurer eigenen Professionalisierung entgegenzuwirken?

ZILLIG: Sich eine gewisse Outsider-Position zu bewahren – oder diese zumindest zu imagi­nieren –, war wichtig. Andererseits wäre der Donnerstag sicher weniger erfolgreich gewesen, wenn wir nicht Figuren geschaffen hätten, die zwar obskur blieben, aber über einen ähnlich involvierten Referenzrahmen verfügten wie unsere Leserinnen und Leser. Sie erweckten also den Eindruck, dass sie auf denselben Eröffnungen und Kunstveranstaltungen herumliefen, man sie eben nur noch nicht kennengelernt habe.

SINOFZIK: Wenn du sagst, dass ihr Figuren geschaffen habt, klingt das nach einer strategischen Konzeption von backstories. Hat es die für Bender und andere Pseudonyme des Blogs gegeben?

ZILLIG: Eigentlich nicht. Wir haben uns eher hier und da mal einen Spaß daraus gemacht. Ich glaube, der Gedanke liegt heute näher, weil der Biografismus so stark zurückgekommen ist. Seit einigen Jahren gibt es dieses starke Bedürfnis nach Ursprung und Identität, nach Biografien und politischen Haltungen, um künstlerischen Arbeiten, aber auch Texten ein besonderes Gewicht zu verleihen. Die Dynamiken des digitalen Kulturkampfs stillen vermutlich auch ein Bedürfnis nach offenem Konflikt, das hinter der ewigen Erfolgsfassade schlummert, zu der man in der Kunstwelt angehalten wird. Und sie bürgen für eine soziale Relevanz, die sich über die bloße Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeiten offenbar nicht mehr herstellen lässt.

SINOFZIK: Tod einer Kritikerin, so der Titel der Publikation, in der Benders Vortrag nach der Veranstaltung in Bern veröffentlicht wurde, suggeriert mit Rekurs auf Roland Barthes eine Abkehr vom Biografismus. Andererseits waren Benders Identität und Biografie ja schon auch Teil eures Spiels, oder? Als sie 2015 eine Review über Helena Huneke bei TZK publizierte, gab die Autorinnen­zeile zum Beispiel an, dass Bender arbeitslos sei. Das erscheint mir schon wie eine bewusste ­Setzung oder auch Entgegensetzung zum Elitarismus, der dem Kunstbetrieb oft attestiert wird.

“Le critique d’art aveugle” (The blind art critic), caricature of ­Étienne La Font de Saint-Yenne, 1750s

“Le critique d’art aveugle” (The blind art critic), caricature of ­Étienne La Font de Saint-Yenne, 1750s

ZILLIG: Schon. Andererseits hätte ich gar kein ­Problem mit der Kunstwelt als elitärem Ort, wenn diese Elite ihre Kriterien konsequent verhandeln und auch berücksichtigen würde. Stattdessen hat die Zugehörigkeit oft mehr mit Klasse zu tun oder mit bestimmten sozialen Skills, die man sich je nach Background erst mal draufschaffen muss. Ich vergleiche das gern mit dem Sport, wo die Eigenlogik des Spiels naturgemäß viel besser geschützt ist. Der Sport ist in seiner Spitze elitär, aber durchlässig. Durch ihre Regellosigkeit sind Diskurs und Auseinandersetzung für die Kunst eigentlich umso wichtiger. Trotzdem ­klingen Gespräche über Fußballspiele heute oft weitaus differenzierter als solche über Ausstellungen.

HUBER: Im Sinne eines sportlichen Wettkampfs funktionieren Pseudonyme wie Erik Stein oder Annika Bender wie fiktive Rennpferde, auf die man setzt – die man im Gegensatz zu ­anonymer Kritik aber auch mit bestimmten Features besetzen kann. Was ist für dich der entscheidende Unterschied zwischen Anonymität und Pseudonymität?

ZILLIG: Pseudonymität ist spielerischer: Man wählt eine Verkleidung. Ein Name beflügelt die ­Fantasie und führt zu Spekulationen. Unter „Gruppe ­Anonymes Kollektiv“ stellt man sich vermutlich auch etwas vor, aber uns reizte, dass es Annika Bender tatsächlich geben könnte und sie ein Bild in den Köpfen ihrer Leser und Leserinnen evoziert.

SINOFZIK: Und welche Rolle spielte dabei der Genderaspekt? War es eine programmatische Entscheidung, dass ausgerechnet eine meinungsstarke Frau den vorherigen Chefredakteur Stein abgelöst hat?

ZILLIG: Dieser Wechsel war rein performativ, und auch hier war unsere Motivation eher spielerisch als strategisch. Bender repräsentierte irgendwann die erwähnte verschärfte Ausrichtung des Blogs. Wir haben uns dann einen Spaß daraus gemacht, ihr gegenüber Stein zum Beispiel in E-Mail-Interviews die klügeren Antworten zu geben und den Anschein zu erwecken, sie würde ihn langsam ausbooten. Im Prinzip steckten dieselben Personen hinter beiden Pseudonymen, und das waren in diesem Fall zwei Männer.

SINOFZIK: Ihr habt also nicht strategisch ein weibliches Pseudonym verwendet, etwa um eine feministische Position wie Trockel zu ­kritisieren, womit ihr euch unter einem männlichen möglicherweise angreifbarer gemacht hättet? Und selbst wenn dem nicht so war: Wurde euch vorgeworfen, eine Sprecher*innenposition einzunehmen, die euch als Cis-Männern nicht zusteht?

Soyon Jung, Steffen Zillig in a comic for “Intercity – Zeitschrift für Föderalismus und Polyamorie”

Soyon Jung, Steffen Zillig in a comic for “Intercity – Zeitschrift für Föderalismus und Polyamorie”

ZILLIG: Fünf Jahre später wäre das bestimmt so gewesen, aber als Bender von der Bühne trat, kam diese Kritik so nicht auf. Es gab auch andere weibliche Pseudonyme – und natürlich Frauen, die, wie Hanna Böge oder Anna-Lena Wenzel, regelmäßig unter Pseudonym für den Donnerstag schrieben. Es war kein Kalkül; Bender war am Ende einfach der Name, auf den am meisten reagiert wurde. Sie wurde zu exklusiven Veranstaltungen eingeladen und von einer Reihe von Kunstmagazinen als Autorin angefragt.

HUBER: Interessant ist auch, dass das Höflichkeitslachen, das freundliche „Schöne Arbeit!“, von dem du sagst, dass es das Kunstfeld zur Gründungszeit des Donnerstag dominiert hat, eher weiblich konnotiert ist, womit Benders scharfzüngige Besprechungen noch exzeptioneller erscheinen.

ZILLIG: Ja, bestimmt. Ich denke auch, dass man sich diese meinungsstarke und mutige Annika Bender damals gewünscht hat. Wir haben uns auch selbst in sie verliebt und uns gefragt, was für eine besondere Frau das sein muss.

HUBER: Auf der anderen Seite ist da dieser Allerweltsname, der suggeriert, sie sei jemand Durchschnittliches.

ZILLIG: Vermutlich verstärkt diese Durchschnittlichkeit Benders Potenzialität zusätzlich. In dem Diskurs, den ich mir erträume, setzen sich nicht nur ein paar Stimmen aus Manhattan und Berlin durch, sondern auch streitlustige Durchschnittsnamen aus Mannheim, Nürnberg oder Bremen. Man hört ja häufig, das Feld sei überlaufen, doch womöglich bräuchte es vor allem mehr Wettbewerb jenseits der etablierten Lager. Dafür müsste sich das Spiel der Kritik verschärfen, aber zugleich weniger bedrohlich erscheinen. Eine Ausstellung erhält heute signifikant weniger Rezensionen als früher. Ein Verriss ist also nicht eine Argumentation unter vielen und erscheint deshalb schnell wie eine gezielte Aggression. Das hat auch mit den Sozialen Medien zu tun, in denen zivilisierter Streit eher die Ausnahme ist, weil der Algorithmus die Eskalation belohnt. Diese Boulevard-Logik überschattet die digitale Öffentlichkeit. Die Angst, gecancelt zu werden, und der eingeforderte Gleichschritt von offenen Briefen führen auch zu dieser Penetranz von virtue signalling. Ich will nicht sagen, dass es gar keine couragierte Kritik mehr gibt, aber sie wird im digitalen Umfeld schnell persönlich oder in tribalistische Kämpfe zwischen Team A und Team B hineingezogen.

Nicolas Henri Rousseau, “Steeple Chase,” first published ca. 1850

Nicolas Henri Rousseau, “Steeple Chase,” first published ca. 1850

HUBER: Die Diskrepanz zwischen Zentrum und Peripherie des Kunstfelds ist auch Thema in einem weiteren Vortrag, den die offiziell bereits verstorbene Kritikerin 2021 im Hamburger Kunstverein hält. Unter dem Titel „Diversity United“ hebt Bender vor allem auf die bereits erwähnte Lagerbildung in den Sozialen Medien und den Biografismus ab. Sie spricht von einem „Schauspiel der Identitäten“, das mit dem Wiedererstarken des Rechtspopulismus in westlichen Demokratien Mitte der 2010er Jahre im Kunstfeld aufkam, und beschreibt sich als „a bisexual, ­Asian-Polish art critic“. Kann man Benders ­Haltung mit ihrer Sozialisierung in der laut eigener Aussage „abgebrühten postironischen Betriebsamkeit der vergangenen Jahre“ entschuldigen, oder begegnet sie Identitätspolitik hier mit überzogenem Zynismus?

ZILLIG: Für diesen Auftritt hatte sich die Autoren­schaft hinter Bender noch mal vervielfacht. Insgesamt liehen fünf Personen ihre Erfahrungen der Figur, die nun ihrerseits anfing, biografisch zu argumentieren. Die Sinnhaftigkeit von Pseudonymen stand 2021 unter völlig veränderten Vorzeichen, deshalb erschien es uns interessant, Bender noch einmal aus dem Grab zu holen. Der Titel des ­Vortrags zitiert diese beknackte Großausstellung, die im selben Jahr im Flughafen Tempelhof stattgefunden hat. Sie hätte den Gipfel einer Fehlentwicklung markieren können, war rückblickend aber eher Zwischenstation einer sich ­fortsetzenden ­Entwicklung. Während nun die Feuilletons regelmäßig über neue Konflikte und Skandale in der Kunstwelt berichteten, waren die Artikel eher noch weiter entfernt von Debatten über künstlerische Bedeutung. Vielleicht habe ich deshalb diese Fantasie von einer sportlicheren ­Kritik, die tatsäch­lich Urteile fällt, also vergleicht, sich Kriterien erarbeitet und auch wertet. Damit jeder gewinnen kann – nicht nur Team A oder Team B.

SINOFZIK: Obwohl ich in der Diagnose teilweise mitgehe, erscheint mir dein Lösungsansatz rudimentär. Würde uns das nicht auf ein Kritikmodell im Sinne von Jonathan Richardson zurückwerfen, also auf ein utilitaristisches Bewertungssystem wie das, welches der englische Maler und Schriftsteller Kritiker*innen und Sammler*innen im 18. Jahrhundert als Methodik an die Hand geben wollte, mit der vermeintlich jede*r die Gesamtqualität eines jeden Gemäldes wissenschaftlich zu bewerten vermochte?

ZILLIG: Ich will den Vergleich zum Sport nicht übertreiben; er hinkt natürlich. Was ich sagen will, ist, dass es mehr um eine genuin künstlerische competition gehen sollte, für die Faktoren wie Biografie, Identität, politische Haltung, Kontakte und persönliche Sympathie nicht irrelevant, aber auch nicht ausschlaggebend sind. Auch ein Arschloch ist ja im Zweifel in der Lage, eine gute Ausstellung zu machen. Das heißt nicht, dass mir egal wäre, ob jemand ein Arschloch ist, aber oft hat es den Anschein, als wäre das ästhetische Urteil durch das ethische restlos ersetzt worden.

HUBER: Bender wurde sicher auch von einigen für ein Arschloch gehalten. Was glaubst du, wie ­würden ihre bissigen Reviews heute wahrgenommen werden – in den sich unter medialen und politischen Bedingungen veränderten Diskursformen, die du gerade beschrieben hast? Würde man ihren Ton als polemisch, die pseudonymisierte Form als unseriös werten?

“Diversity United,” Material Verlag Hamburg, 2021, shown here with song books at “Innere Mission,” Klemm’s, Berlin, 2024

“Diversity United,” Material Verlag Hamburg, 2021, shown here with song books at “Innere Mission,” Klemm’s, Berlin, 2024

ZILLIG: Der Ruf der Polemik hat gelitten, weil sie zu einem Propagandainstrument geworden ist. Außerhalb des Kulturkampfs hat die Polemik etwas sehr Produktives. Sie hält Leserinnen und Leser während längerer Argumentationen bei der Stange, bringt Leidenschaft und Schärfe ins Spiel. Und sie provoziert, gerade weil sie scharf ist, auch die besseren Gegenargumente. Und was ist schöner als eine Debatte mit guten Argumenten auf allen Seiten?

SINOFZIK: Bei Bender verschränkt sich die Polemik mit der Pseudonymität. In den Kommentarspalten des Donnerstag kam es infolge ihrer streitbaren Besprechungen jedenfalls vermehrt zu Forderungen, Bender solle Gesicht zeigen und Rechenschaft ablegen, anstatt sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Die erfolgreiche Kritikerin wurde immer häufiger zu Eröffnungen eingeladen, sagte aber ab. Kannst du nachvollziehen, dass dies einige als feige empfunden haben?

ZILLIG: Ja. Auch wir wussten, dass es nicht ewig so weitergehen konnte. Mit dem Vortrag in Bern sind wir dann gewissermaßen die Flucht nach vorn angetreten. In ihrer Ansprache am Schluss adressiert Bender uns als Autoren und argumentiert ganz ähnlich: Zeigt Gesicht und steht für das ein, was ihr schreibt! Sie hat recht, man muss sich irgendwann trauen, wenn es einem ernst ist mit Veränderungen in der Kunstwelt. Gerade heute, in Zeiten einer sich verschärfenden Prekarisierung, wo wir es nicht mehr nur mit der alten Verdruckstheit zu tun haben, die uns damals gestört hat, sondern auch mit der erwähnten Eskalations­dynamik und dem alarmistischen Clickbait in den Sozialen Medien. Ich verstehe gut, dass viele keine Lust darauf haben und sich lieber ganz aus dem Gespräch zurückziehen.

“Commission d’expertise” with Michael Hirsch, Briefing Room, Brussels, September 15, 2024

“Commission d’expertise” with Michael Hirsch, Briefing Room, Brussels, September 15, 2024

SINOFZIK: Dass Dominic Osterried, der mit dir hinter dem Pseudonym Annika Bender stand, nicht an diesem Gespräch teilnimmt, ist der Tatsache geschuldet, dass er sich aus dem Kunstfeld zurückgezogen hat. Du hingegen leitest den Kunstverein in Langenhagen und hast dort das Forum Kunstkritik gegründet. Darin „soll gestritten werden!“, heißt es auf der Website. Es hat also einen ähnlichen Anspruch wie Bender, die in ihrem Vortrag – kurz bevor sie euch dazu aufruft, aus der Deckung zu kommen – zu mehr Streit und Zersplitterung aufrief. Aber auch ihre Forderung an Dominic und dich scheint in dem Format nachzuhallen: Im Forum – der Verweis auf die Urszene der Demokratie ist sicher gezielt gesetzt – stellen sich Personen vor Ort einem Publikum und zeigen im wahrsten Sinne des Wortes Gesicht. Ein Gegenstück zum Donnerstag unter veränderten Vorzeichen? Oder eher das logische Resultat einer Lernkurve?

ZILLIG: Vielleicht beides. Das Forum Kunstkritik ist eine Art Live-Version einer Ausstellungsbesprechung. Kritikerinnen und Kritiker werden eingeladen, drei Ausstellungen anhand von Bildern vorzustellen und ihre Wertung anschließend mit dem Publikum zu diskutieren. An einem runden Tisch kann man sich viel weniger entziehen oder hinter Worthülsen verstecken; das macht es tatsächlich sehr konkret und lebendig. Vorläufer waren unsere Debatten im Brüsseler Briefing Room und eine Gesprächsreihe, die vor zwei Jahren bei Klemm’s in Berlin stattfand und mit ihrem Namen Innere Mission als eine Art religiöse Selbsthilfegruppe gelabelt war. Eine Sekte innerhalb der Sekte sozusagen. Ich glaube, wir brauchen mehr solcher Subsekten, viel mehr unterschiedliche Orte und Player, um das Spiel der Kritik wieder in Gang zu bringen. Das wäre die positive Art von Zersplitterung, von der ­Bender sprach und die wir zu Beginn des ­*Donnerstag* als etwas naive Anfänger durch pseudonyme Vielstimmigkeit simulieren wollten.

Leonie Huber ist Kunstkritikerin und Redakteurin bei TEXTE ZUR KUNST.

Anna Sinofzik ist Autorin und Chefredakteurin bei TEXTE ZUR KUNST.

Steffen Zillig ist Künstler, Kritiker und Ausstellungsmacher. Die dritte ­Ausgabe des von ihm herausgegebenen Künstlermagazins Intercity – Zeitschrift für Föderalismus und Polyamorie ist gerade erschienen. Er lebt in Hamburg.

Image credit: 1. Photo Nicholas Tammens; 2. Photo Max Stocklosa; 3. Public domain; 4. Courtesy of Steffen Zillig, publisher of Intercity – Zeitschrift für Föderalismus und Polyamorie; 5. Public domain; 6. Courtesy of Klemm’s Berlin, photo Lukas Stolle; 7. photo Elena Conradi