STAUB DER GESCHICHTE Bianca Girbinger über José Montealegre in der Galerie Thomas Schulte, Berlin
„José Montealegre: Drastic Measures,” Galerie Thomas Schulte, Berlin, 2026
In „Drastic Measures“, seiner zweiten Einzelausstellung in der Galerie Thomas Schulte, knüpft José Montealegre an seine 2020 begonnene Recherche zur Kolonial- und Wissenschaftsgeschichte an. Betritt man den Galerieraum, fällt zuerst eine Ritterrüstung ins Auge. Mitten im Raum positioniert, liegt sie auf einem Podest wie auf einem Bett und ähnelt damit einem Gisant, einer Sargfigur also, die ihren Ursprung in der Antike hat. Rein formal gleicht Montealegres Liegender vor allem jenen Gisants, die man von den Sarkophagen englischer Kreuzritter kennt. Desterrado (2024), ein an die Körpergröße Montealegres angepasster Harnisch aus Kupferplatten, trägt an Rumpf und Schnabelschuhen funkelnde, herzförmige Liebesschlösser in Gold, Schwarz, Rot und Rosa als eher zeitgenössische Symbole für Unzertrennlichkeit und Treue. Abgesehen von der Rüstung zeichnen diesen Desterrado (span. Verbannter) keine maskulin konnotierten Attribute wie Schwert oder Schild aus, sondern ein mit Liebesschlössern ins Niedliche verkehrter Kommentar ritterlicher Minne. Auch fehlt ihm das Kissen, auf dem das Haupt der klassischen Grabfigur für gewöhnlich liegt. Dennoch ist der Helm dieses Ritters leicht angehoben, als wolle er einen letzten Kommentar abgeben oder seine Geschichte noch einmal – aber eben anders – erzählen.
In seinem Essay „Of Mimicry and Man: The Ambivalence of Colonial Discourse“ (1984) [1] entwickelt Homi K. Bhabha mit dem Begriff der Mimikry eine Theorie der subversiven Unterwanderung kolonialer Macht durch das Aneignen von beispielsweise Kulturtechniken der Kolonisatoren. [2] Mimikry zeige sich dabei in Figuren der Verdopplung, der Metonymie oder in Form von Teil-Objekten, die durch Wiederholung kolonialer Kultur Störungen autoritärer Machtstrukturen evozieren. [3] Diese Wiederholung gelingt jedoch nie im Sinne einer exakten Imitation. Laut Bhabha ist sie immer nur „almost the same, but not quite“. [4]
Vielleicht im Sinne einer solchen Verdopplung oder Imitation ist Montealegres Desterrado weit davon entfernt, eine originalgetreue Rekonstruktion einer historischen Ritterrüstung zu sein oder sein zu wollen. Vielmehr verbindet sich sein sinnbildhafter Körperpanzer – hier als leere Hülle – mit der Rekomposition einzelner Versatzstücke historischer und zeitgenössischer Techniken, Materialien und Formen. So schafft Montealegre ein hybrides Objekt im Sinne Bhabhas. Seinem Desterrado wohnt noch der Gestus der Dekonstruktion vorher kohärenter Objekte und ihrer Narrative inne. Die so entstandene fiktionale (Um)Erzählung lässt vermeintlich historische Kontinuitäten ihre hegemoniale Macht scheinbar verlieren.
José Montealegre „Deposit Drawing #1,” 2026
Erzählungen dieser Art lassen sich auch in die in schmale Zinnrahmen eingefassten Papierarbeiten hineinlesen, die rund um Desterrado gehängt sind. In dieser Serie verwendet Montealegre neben eigenen Bildfindungen Bildzitate aus dem mittelalterlichen Militärkompendium Bellifortis. [5] In Deposit Drawing #1 (2026), Frog-mouth-helm tight rope (2026) oder Trapped Sun (2026) tummeln sich vor wolkig wirkendem Hintergrund schattenhafte Umrisse von Rittern, Pferden, Blumen und Sonnen, die sich teilweise überlagern, nie jedoch aufeinander Bezug zu nehmen scheinen. Personifizierte Sonnen, ein aus dem Bellifortis entnommenes Motiv, überblicken einen tänzelnden Ritter mit Froschhelm, ornamentale Blüten und einen Fahnenträger, der Cerca Trova (Wer suchet, der findet) [6] in die Höhe streckt. Körperteile, Formen, Objekte; Mittelalter, Renaissance Gegenwart – scheinbar wahllos und doch beim Betrachten stimmig und sinnig erscheinend, de- und rekonstruiert Montealegre Geschichte(n) und ihre Wirkmacht.
Für diese Papierarbeiten verwendet er die Technik des Spolvero, mit der in der Renaissance Motive für Freskenmalereien mit Pigmentstaub durch kleine Perforationen eines Kartons auf einen Bildträger übersetzt wurden, um dann anhand dieser Vorzeichnungen das finale Bild zu erstellen. Die zart gepunkteten Umrisslinien dienen in den Zeichnungen des Künstlers jedoch nicht als Vorlage, sondern bleiben schemenhaft, als seien sie jederzeit im Begriff, in den ockerfarbenen und blassblauen Wolken der Geschichte zu verschwinden, nur um vielleicht an anderer Stelle – im Bild nebenan? – neu geordnet wieder aufzutauchen.
„José Montealegre: Drastic Measures,” Galerie Thomas Schulte, Berlin, 2026
In einem zweiten Raum schwebt Melody Chain (2026), ein silbern glänzender Brustpanzer einer Ritterrüstung, auf einem durchsichtigen Plexiglassockel nahezu im Raum. Sie hält einen Morgenstern in ihren Händen, die Finger der Rüstung umfassen den Griff jedoch nicht, als seien die Arme zum Angriff erhoben, eher evozieren sie die sorglose Eleganz eines Gauklers, der gerade zum Querflötenspiel ansetzt. Diese (Zweck)Entfremdung des martialischen Instruments wirkt wie ein spöttischer Kommentar fetischisierter europäischer Kultiviertheit, wie Bhabha sie im kolonialen Zusammenhang als ein, seine repräsentative Autorität verlierendes „Teil-Objekt“ beschreibt. [7] Der Theoretiker verwendet den Objektbegriff ganz bewusst, um zu verdeutlichen, dass Kulturtechniken, die die westliche Identität konstituieren, ihren Status einbüßen, sobald man sie ihrem signifizierenden Kontext entreißt.
Als Teil-Objekt könnte man auch El Chiliyo (2025) bezeichnen, das die sogenannte neunschwänzige Katze, eine weitere historische Waffe, nachahmt. Doch Montealegres in Leder gebundener Stab hat weder Stacheln noch Klingen an seinem Ende, sondern mündet in farbigen Schmuckbändern, an die Liebesschlösser, Steine, Glas und eine europäische Fünf-Cent-Münze gebunden sind. El Chiliyo ist eine umgangssprachliche Abwandlung des spanischen Worts Chilillo, das in vielen Regionen Mittelamerikas eine Peitsche bezeichnet, scherzhaft aber auch eine sehr dünne, hagere Person. Der personifizierte Stab erscheint als ambivalentes, hybrides Objekt zwischen martialischem Folterinstrument und poppig-kitschigem Hochzeitsstab, das in Kombination mit einer liebevollen idiomatischen Beleidigung Gestalt und Zweck der Waffe ins Komische verkehrt.
José Montealegre „Break Lattice #13,” 2026
Die im dritten Raum der Galerie ausgestellte Serie Break Lattice (2025–26) besteht aus zwölf hochformatigen Glasobjekten in Blau-, Schwarz- und Grüntönen, deren Raster- oder Gittermuster durch Risse im Glas entstanden sind. An drei Wänden wurden jeweils vier Arbeiten in gleichmäßigen, großzügigen Abständen gehängt. So erscheint die Serie mit ihren wechselnd farbigen Flächen wie ein minimalistisch-geometrischer Fries, der die Architektur des Raumes rhythmisiert. Erst beim Nähertreten werden die dynamischen, organischeren Strukturen des gitterartigen Rissmusters sichtbar, auf die schon der Titel Break Lattice verweist. Die durch gezielte Krafteinwirkung im Ausgangsmaterial Glas als Brüche provozierten Linien stören die geometrisch-lineare Konstruktion des Musters. Die Materialbrechung erzeugt differenzierte Texturen auf der glasigen Oberfläche, zudem beeinflusst sie die Farbwahrnehmung durch Lichtbrechungen und -reflexe. Auch den Werktiteln beigefügte Worte wie Dark Wood, Silver Blue, Tin Green oder Turquoise differenzieren die vermeintlich reine Monochromie der mosaikartigen Glasobjekte. Das kontrollierte Eingreifen, ohne die ursprüngliche Form des Materials in Gänze zu zerstören, und die damit erzeugten optischen Effekte lassen sich als Metapher lesen für ein Aufbrechen von Strukturen und Systemen, zugunsten nichtlinearer Perspektiven, Unebenheiten, Nuancen, Schattierungen und Differenzen.
Montealegres Arbeiten wollen keine Archive historischer Faktizität sein, nichts dokumentieren oder in seiner vermeintlichen kanonischen Kongruenz abbilden. Mit ihren Brüchen, Rissen und Irritationen, mit subtilen bildlichen Kommentaren und Störmomenten verweisen sie auf Ambivalenzen, Verschiebungen und Lücken in tradierten Formen und vermeintlichen Kontinuitäten der Geschichtsschreibung. Die „Drastischen Maßnahmen“, die der Ausstellungstitel aufruft, seien sie nun symbolisch oder materialtechnisch umgesetzt, sind nötig, um – ganz im Sinne Bhabhas – Machtstrukturen dort zu untergraben, wo die mimetische Aneignung ihren konstruierten Charakter verrät.
„José Montealegre: Drastic Measures“, Galerie Thomas Schulte, Berlin, 1. Mai bis 20. Juni 2026.
Bianca Girbinger ist Kunstwissenschaftlerin und Autorin und lebt in Berlin. Sie studierte Kunstwissenschaft, Medientheorie und Philosophie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, hat Ausbildungen am Sotheby’s Institute of Art in London absolviert und kürzlich ihre Dissertation mit dem Titel Bazon Brock – Always Fishing for Complications – Skeptizismus in der deutschen Aktionskunst der 1960er Jahre an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe eingereicht.
Image Credit: Courtesy José Montealegre und Galerie Thomas Schulte, Berlin, Foto GRAYSC.DE
ANMERKUNGEN
| [1] | Homi K. Bhabha, „Of Mimicry and Man: The Ambivalence of Colonial Discourse“, in: October, 28, 1984, sowie in: The Location of Culture, London/New York 1994. |
| [2] | Bhabha 1994, S. 121–131, hier: S. 122. |
| [3] | Ebd., S. 126. |
| [4] | Ebd., S. 122. |
| [5] | Bellifortis war ein im 15./16. Jahrhundert weitverbreitetes illustriertes Militärkompendium, mit dem Konrad Kyeser (1366–1405) Waffen, Kriegsmaschinen, Techniken zur Kriegsführung, Alchemie und Astrologie dokumentierte. Eine vergleichbare Strategie verfolgt Montealegre seit 2020 in der Serie Páginas, bei der er die in der historischen Enzyklopädie zur Naturgeschichte Mexikos, der Nova Plantarium, Animalium et Mineralium Mexicanorum historia (1651), abgebildeten Pflanzen fortlaufend als Skulpturen in Kupfer nachbildet. Vgl. Miriam Bettin, „When fiction swallows – The (Re)Making of Narratives“, in: Dies. (Hrsg.), Nervous Texts. José Montealegre, Ausst.-Kat., Köln, 2023, S. 121–126, hier: S. 122. |
| [6] | Cerca Trova entstammt Giogio Vasaris Gemälde Schlacht von Scannagallo (1565–1571), das einen in der Kunstgeschichtsschreibung umstrittenen Hinweis auf Leonardo da Vincis möglicherweise darunterliegendes Gemälde Die Schlacht von Anghiari geben soll. |
| [7] | Vgl. Bhabha 1994, S. 121–131, hier: S. 131. |