DAS GRÜN WÄCHST IN DEN LÜCKEN UND PAUSEN Ellen Wagner über Jadé Fadojutimi, Galerie Gisela Capitain in der Michael Horbach Stiftung, Köln
„Jadé Fadojutimi: Can We See The Colour Green Because We Have a Name For It? Chapter I“, Galerie Gisela Capitain in der Michael Horbach Stiftung, Köln, 2026
Eine rote Glut funkelt in Flowers of Guilt (2026), leicht aus der Mitte versetzt, wie ein pulsierendes Herzstück, überwuchert von grauweißen schilfartigen Schlieren. Zwischen dem fleischigen Dickicht und dem flirrenden Gestrüpp der übrigen großformatigen Werke im ersten Saal der Ausstellung – die uns als deutlich floralere Gebilde, als stachlige Texturen von Disteln oder angedeutete buschige Hortensien ansprechen – wirkt das Bild wie ein robustes Staudenbeet im Winter.
Fast immer glimmt etwas aus den unteren Schichten der Malereien hervor und setzt Farbtöne zueinander in ein atmosphärisches Verhältnis. Fadojutimis Gemälde werfen gleichsam Falten und Wellen aus Texturen, Assoziationen und Gesten und stehen damit der auf Spontaneität und Improvisation setzenden lyrischen Abstraktion nahe, wie sie beispielsweise Helen Frankenthaler oder Joan Mitchell praktizierten. Wo etwa Mitchell in einem zwar trockeneren, aber rhythmisch ähnlich getriebenen Farbauftrag eng gesetzte Pinselhiebe staccatoartig zu unruhigen Wolken und Knäueln fügt, stoßen bei Fadojutimi fließende und schneidende Bewegungen aufeinander. Breit und strauchig ausfransende Pinselstriche wechseln mit pastos aufgeschobenen kleinen Graten, hinterlassen von einer Rakel, deren Bahn Texturen zuvor aufgetragener Farbschichten tilgt. Die frühere Pinselführung wird so unterbrochen, aber auch neue kompositorische Schneisen werden geschlagen – ein stetiges Ab- und neues Ansetzen, dem unser Blick folgt.
In den kleinformatigen Arbeiten in Filzstift und Ölpastell beginnen die Striche und Striemen zu changieren: Oft wirken sie vegetabil wie Stämme, Halme, Stängel. Dann wieder scheinen sie als Fragmente eines Musters geradezu „textil getarnt“ Partien des Bildes zu „bekleiden“, die dadurch unwillkürlich figürlich anmuten. So meint man auf einem Blatt eine Gestalt mit lila-blau-rot gestreiftem Rock, auf einem anderen etwas Gerüschtes zu erkennen.
„Jadé Fadojutimi: Can We See The Colour Green Because We Have a Name For It? Chapter I“, Galerie Gisela Capitain in der Michael Horbach Stiftung, Köln, 2026.
Stellenweise weckt dies Assoziationen zur Malerei der Nabis, in der Muster auf Kleidung und Möbeln eine wichtige Rolle spielen. Szenen innerer Versunkenheit vermischen sich dort mit häuslichen Interieurs, oft von japonistisch geprägten, abstrakt sich auflösenden Landschaften durchwirkt. Auch Fadojutimi betont die Bedeutung von Kleidungsstücken, die sie selbst trägt oder im Atelier liegen lässt, wo sie, ebenso wie zahlreiche Zimmerpflanzen, die Kompositionen beeinflussen. [1]
Der Assoziation mit dem Interieur, das als Genre für gewisse Innerlichkeit steht, fügen die Schichtungen handschriftlich anmutender Markierungen, vor allem in den großen Formaten, eine weitere hinzu, in der sich die Bilder gestisch auf ein Außen hin öffnen: Einander immer wieder überdeckend und auslöschend, deuten die überlagerten Linien und Flächen eine visuelle Affinität zum Graffiti an, den urbanen „Gewächsen“ auf der Außenhaut uns umgebender Architekturen.
Ausgehend von ihrer Lieblingsfarbe reflektiert Fadojutimi in ihrer Ausstellung, was es für uns bedeutet, von Nuancen von Grün umgeben zu sein. [2] In Zeiten schwindender Biodiversität spiegelt ihre gestische, weitgehend abstrakte Malerei die Lust am Grün und zugleich die Trauer um das Grün, die sich – zwischen Malerei und Zeichnung, Klang und Poesie – in vielfältig gebrochenen Färbungen zeigt.
Ihre Gemälde versteht die Künstlerin als „Tagebuch“, dessen Einträge sich mit den Erfahrungen der Betrachter*innen verweben. [3] Sie stellt sie damit in einen Zwischenraum geteilter Intimität und wirft zugleich die Frage nach der (Un-)Übersetzbarkeit persönlicher Emotionen auf. Der kommunikative Aspekt, seine ganze Komplexität der unterschiedlichen Subjektivitäten und Medien ist dabei zentral.
In den Wandtexten bringt die Künstlerin ihre Akteur*innen zusammen: Das „Wir“ erscheint im fragenden Ausstellungstitel, während das „Ich“ als lyrisches Subjekt eines von Fadojutimi verfassten Gedichts auftritt, dessen Strophen die Wände der Raumfolge säumen; mit Reflexionen über die Vergänglichkeit vertrauter Umgebungen und Beziehungen umkreist es ein nicht näher konkretisiertes „Du“. Sein Titel „The Pauses That Linger Between Repeating Your Name“ ruft über den Begriff der Wiederholung potenzielle Fülle auf, aber referenziert auch die Abstände, die zwischen den einzelnen Artikulationen entstehen.
„Jadé Fadojutimi: Can We See The Colour Green Because We Have a Name For It? Chapter I“, Galerie Gisela Capitain in der Michael Horbach Stiftung, Köln, 2026.
Auch das räumliche Nacheinander der Werkgruppen scheint einen stetigen Wechsel zwischen verschiedenen Arten der immer dichter an uns heranrückenden Naturerfahrung zu spiegeln: Während die Großformate im ersten Saal, in Reihe gehängt, uns mit emotional aufgeladenen Titeln und in gewisser Unbändigkeit, gar Erhabenheit konfrontativ gegenüberstehen, begegnen uns die kleinen Papierarbeiten – alle Untitled und paarweise oder in Grüppchen gehängt – in einem intimen Zwischengeschoss, das laubenartig Durchblicke auf die untere Etage wie den Außenraum gewährt. Der hinterste Raum hüllt uns mit einer Soundinstallation zwischen samten verkleideten Wänden am dichtesten ein – wie in einen Kokon, der auf innere Verwandlung drängt.
Zu hören ist The Texture of Reality Has Begun to Shift: Part I (2026). Hier hat Fadojutimi drei neue Soundscapes zusammengeführt. Sie bat mehrere Musiker*innen, individuell improvisierend auf ihre Malereien zu reagieren. Die Aufnahmen – Klavier, Violine, Viola, Cello, Gesang – dienten als Palette aus Klängen, die sie in der finalen Komposition Schicht um Schicht wie Farben auf der Leinwand überlagert.
Streckenweise an dramatische Filmmusik erinnernd, lebt diese von der materiellen Präsenz ihrer Quellen: den gezupften oder unter starkem Druck gestrichenen Saiten, dem Klopfen des hölzernen Bogens auf den Instrumentenkörper; immer wieder schöpft die Gesangsstimme hörbar Atem. Zudem ähneln sich die Passagen, in denen die Materialität der Instrumente hervortritt und sich die Stimme einem Körper zugehörig zeigt, Naturgeräuschen an – einem Zirpen, Ächzen, Knarzen, Knurren –, die man nicht nur mit menschlichen Ursprüngen assoziiert.
Die schnappenden und perkussiven Sounds korrespondieren mit dem malerischen Duktus Fadojutimis, in dem das An- und Absetzen einer Stimme, übersetzt in Striche, durch die jeweils verwendeten Werkzeuge den spezifisch körperlich geprägten Rhythmus vorgibt. Die gemalten und klanglichen Kompositionen ähneln sich darin, wie innerhalb ihres jeweiligen Materials die Pausen organisiert sind. Auch in Fadojutimis Vertigo oder The Sorrow of Endearment (beide 2026) wird über die sichtbar unterschiedlich langsam oder schnell über die Fläche bewegte Farbmaterie eine Stauchung und Dehnung von Zeit erfahrbar.
Vielleicht ist diese Dynamik dem Wechsel von raschen Schnitten und extremen Zeitlupen verwandt, wie sie in japanischen Animes, die Fadojutimi häufig als Inspiration nennt, in emotionalen Schlüsselmomenten eingesetzt werden.
In der Soundinstallation kulminiert die polylogische Struktur der Ausstellung, indem sich mehrere Künstler*innen in unterschiedlichen Medien und „Sprachen“ gegenseitig interpretieren – die Musiker*innen die Malerei und die Malerin wiederum deren Klänge, die sie zu einem neuen, nun akustischen Bild zusammenfügt. Auch den Betrachtenden scheint in der Anordnung eine aktive Rolle zugedacht.
„Jadé Fadojutimi: Can We See The Colour Green Because We Have a Name For It? Chapter I“, Galerie Gisela Capitain in der Michael Horbach Stiftung, Köln, 2026.
Drei Leinwände sind hier mit dem Lattenkreuz nach vorn an die Wände gehängt und suggerieren, wir befänden uns in einem Raum „hinter den Bildern“. In ihrer zeichenhaften Präsenz, stellvertretend für die der Sichtbarkeit entzogenen Gemälde, wirken sie inmitten des intensiven Klanggeschehens zunächst etwas verloren. Die mit dem Einsetzen der Musik von wechselnden Spots beleuchteten Leinwände scheinen uns etwas beflissen aufzufordern, unsere durch die Klänge evozierten Gestimmtheiten auf sie zu projizieren; einen Inhalt zu imaginieren für den Negativraum, der innerhalb des klanglichen Reichtums zurückbleibt, wo die Spezifik der in ihm reflektierten Malerei nicht mehr ist. Die Lücke zwischen den Medien bleibt, durchaus als Verlust, konstitutiv für eine Übersetzung, die sich ihrer Abweichungen, ohne die sie nichts ist, bewusst ist.
Die angedeuteten Vorhänge in der Installation stellen wie die umgedrehten Leinwände, die ihre Materialität als Bildträger betonen, einen Bezug zu Topoi der Trompe-l’œil-Malerei und dem in ihr sich spiegelnden „Wettstreit der Künste“ her. Dass Leinwände und Draperien hier aber gerade nicht gemalt sind, mag dem Triumph einer virtuosen, (nicht nur) illusionistischen Malerei über andere Künste eine Absage erteilen.
Viel wichtiger aber: Die Theatralität der Inszenierung bewirkt, dass unser Zuhören buchstäblich eine Bühne erhält. Die Künstlerin wird nach eigenen Angaben von dramatischen Soundtracks zum Malen angeregt, woraus sich die Frage ergibt, was die Musik in uns an möglichen Handlungen anstoßen kann; wie wir unser Verhältnis zur Natur konkret performen – um Färbungen unserer Umgebung nicht nur sprachlich benennen, visuell registrieren oder kontemplieren zu können, sondern verschiedene körperliche Ausdrucksformen eines ästhetischen wie ethischen Bewusstseins zu finden.
Fadojutimi bindet uns ein in ein intermediales Gespräch, in dem wir uns unterschiedlich angesprochen und aufgefordert zur Antwort sehen können. Während die Übersetzung vom einen ins andere Medium – von malerischen Texturen zu musikalischen Modulationen, Tempi und Lautstärken oder zur Syntax geschriebener Sprache – neuen Reichtum an Materialien und Strukturen mitbringt, werden ebenso bestimmte Potenziale der jeweils anderen Kunstform zurückgelassen. Ähnlich vielleicht, wie wir Menschen zum Wandel von NaturenKulturen [4] oder Ökosystemen beitragen, deren Vielfalt „anrufen“ und erfahren müssen, dass ein reines Bewahren nicht realistisch ist, jedoch ein gemeinsames Werden und Sich-Verändern stetig wechselnde, einander berührende und sich überschreibende Beziehungen ermöglicht.
„Jadé Fadojutimi: Can We See The Colour Green Because We Have a Name For It? Chapter I“, Galerie Gisela Capitain in der Michael Horbach Stiftung, 5. September bis 28. November 2026.
Ellen Wagner lebt und arbeitet als Kunstwissenschaftlerin und Autorin in Frankfurt/M.
Image Credit: © Jadé Fadojutimi, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln, Fotos Simon Vogel
ANMERKUNGEN
| [1] | „Jadé Fadojutimi’s 5 Favourite Things | Tate“. |
| [2] | Siehe die Erläuterungen im Begleittext zur Ausstellung. |
| [3] | Vgl. Alex Needham, „,Painting takes me over – like witchcraft‘: Jadé Fadojutimi, art’s hottest property“, in: The Guardian, online, 7. September 2022. |
| [4] | Anknüpfend an Donna Haraways „naturecultures“ ist die in diesem Begriff mitschwingende Verknüpfung von ästhetischen Aspekten sowohl der Natur als auch der Kunst und Kultur, die die Zugänge der Menschen zur Welt, zu anderen Lebewesen – als „Gefährt*innen“ – und zueinander prägt, hier besonders zu betonen. |
