GEWALT ALS ORNAMENT Vanessa Joan Müller über Sue Williams im Belvedere 21, Wien
„Sue Williams. WHAT NOW”, Belvedere 21, Wien, 2026
Vor dem Eingang zur retrospektiv angelegten Ausstellung von Sue Williams im Belvedere 21 warnt ein Hinweisschild, einige der gezeigten Werke würden explizite sexualisierte Gewalt zeigen. Beim Betrachten der Ausstellung gewinnt man allerdings den Eindruck, dass die Trias aus Machtmissbrauch, Sexualität und Gewalt einen Großteil ihrer Werke bestimmt. Diese sickert im Laufe der Jahre – die Ausstellung ist dicht und chronologisch gehängt – lediglich immer stärker in die Bilder selbst ein, ist nicht mehr nur offenkundiges Sujet, sondern wird Teil der malerischen Textur. Gewaltvoll ausagierte Körperpolitik gerinnt mit der Zeit zum Ornament, und das, was diese strukturelle sexualisierte Gewalt ausmacht, ihre Omnipräsenz, schreibt sich den Werken konsequent bis in den Pinselstrich hinein ein. Williams greift bewusst expressive malerische Gesten auf, die in den 1980er Jahren ein Revival erleben, um damit auch das Kunstfeld als Machtgefüge zu adressieren, dem sie ihre Signatur souverän einschreibt.
Sue Williams, „Your Bland Essence”, 1992
Williams, die in den 1970er Jahren bei John Baldessari am CalArts in Los Angeles studierte und von 1997 bis 1999 Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien lehrte, hat einen Signature Style ausgebildet, der sich, von einem strategischen Bewusstsein für formale Setzungen informiert, über die Jahre hinweg leicht verändert, seinem Grundtenor jedoch treu bleibt. Dieser greift malerische Ästhetiken von der Nachkriegsmoderne bis in die 2000er Jahre auf und übersetzt sie in einen prägnanten Duktus, der als nachahmende Überschreibung eines von Machismen durchsetzten Terrains sowohl in der Kunst als auch in der Realität auftritt. Als Williams in den 1980er Jahren mit ihrer Kunst begann, boomte die Malerei dank Neuer Wilder, Transavanguardia und neu erstarkter figurativer Tendenzen. Fotografie und Film, recherchebasierte Praktiken und performative Werke schienen vielen Künstlerinnen allerdings als probatere Medien, um einer feministischen, institutionskritisch informierten Kunst Ausdruck zu verleihen. Williams’ Einschreibung in ein diskursiv wie ideologisch bereits besetztes Feld deutet insofern auf ein gezieltes Kalkül, das zunächst einem aggressiven In-your-face-Impetus folgt: Im Stil des Agitprop und einer comichaften Malerei in Schwarz-Weiß zeigen ihre Gemälde Vergewaltigungen wie aus dem Hardcore-Porno, zynisch in Textfeldern kommentiert. „The soul is in the sperm“ heißt es neben einer Blowjob-Szene, „Try to be more accommodating“ neben vier Penissen, die in bereits blutende Öffnungen eines Frauengesichts eindringen. Der punkige Duktus der Malerei skizziert drastische Szenen, in denen Frauen zum Opfer brutaler Übergriffe werden. Die Trigger-Warnung am Eingang zur Ausstellung, die sich wahrscheinlich auf diese Arbeiten bezieht, erweist sich, mit Blick auf Williams’ aktivistischen Ansatz, dabei als eher kontraproduktiv, bremst sie deren heftige Unmittelbarkeit doch aus: Der an Klo-Kritzeleien erinnernde Stil mit seinem sarkastischen Unterton will dezidiert verstören im Sinne eines Korrektivs medialer wie gesellschaftlicher Verharmlosung alltäglich erlebter Gewalt. In ihrem bekannten Gemälde The Art World Can Suck My Proverbial Dick (1992) subsummiert Williams schließlich ihre Wut auf ein Betriebssystem, in dem eine latente misogyne Grundhaltung oder offener Sexismus gegenüber Frauen lange Zeit Konsens schien. Ineinander geschachtelte Szenen und Textfragmente verweisen auf einen von Selbstreferenzialität geprägten Kunstbetrieb voller patriarchaler Abhängigkeitsstrukturen, in denen auch Williams gefangen war.
Auch die eher versteckte domestische Erniedrigung, gepaart mit ihrer weitestgehenden gesellschaftlichen Bagatellisierung, findet sich in Arbeiten aus den 1990er Jahren, die allerdings kleinformatiger ausfallen. Stoffe und Tapeten bilden hier den Hintergrund. Diese Werke setzen einen Grundton, der sich, so legen es Auswahl und Abfolge der Arbeiten im Belvedere 21 nahe, fortan durch Williams’ Malerei bis in die jüngste Gegenwart ziehen wird: die Ornamentierung. Der Horror des Häuslichen in Werken mit Titeln wie Angst (1995) setzen skizzenhafte Szenen von Sex und Gewalt auf textile Hintergründe wie auf Teile des Interieurs. Wenig später tilgt Williams alles Erzählerische und offenkundig Figurative aus ihren Kompositionen, um es als Mikroebene im großen Format omnipräsent zu halten: Erigierte Penisse, Vulven und tropfendes Ejakulat als Bestandteil eines dekorativen Patterns verselbstständigen sich; Körperfragmente, in gestische Linien übertragen, formieren sich zu farbigen Wimmelbildern mit rapporthafter Repetition. Gewalt wird fortan nicht mehr in harter Unmittelbarkeit abgebildet, sondern breitet sich, als konturhafte Chiffre, flächendeckend aus. Diese Kompositionen wirken aus der Ferne wie Akkumulationen abstrakter Kringel, die in leuchtenden Farben die Leinwand überziehen. Ob Neo-Geo The View (with Neo Geo) (1995) oder Cy Twombly-hafte Abbreviatur – bei Williams erlebt alles eine Anverwandlung und Umkodierung. Knallige Farben lassen diese großformatigen Gemälde fast karikaturhaft werden, wenn die unter der Oberfläche lauernde sexualisierte Körperlichkeit zur bildgebenden Textur wird. Damit bekam auch der Markt, wonach er in den vom Malereiboom geprägten Neunzigern verlangte: großformatige, dekorative Schauwerte, die eher latent als unmittelbar mit ihrer Insistenz auf männlichen Schwellkörpern und haarigen Hoden verstören. Das Abjekte betreibt gezielte Camouflage.
„Sue Williams. WHAT NOW”, Belvedere 21, Wien, 2026
Anfang der 2000er Jahre finden sich dann in Werken wie Red and Purple Deal (2001) oder Sampler (2002) nur noch wenige, wie Arabesken mit kraftvollem Pinselstrich gesetzte farbige Linien auf großer Leinwand. Man könnte auch hier die omnipräsenten phallischen Formen erkennen, quasi als Trademark eingesetzt, vielleicht sogar einen späten Seitenhieb auf den Abstrakten Expressionismus. Tatsächlich wirken diese Werke in der linearen Abfolge, die die Ausstellung inszeniert, jedoch fast ostentativ gefällig. Williams scheint endgültig in der Abstraktion angekommen zu sein. Der Eindruck einer Messe-Hängung – die von Luisa Ziaja kuratierte Ausstellung fährt mit fast hundert Werken in dichter Hängung alles auf, was Platz hat in der oberen Etage des Belvedere 21 – passt auf einmal überraschend gut zu diesen zunehmend mit ihrer Warenförmigkeit kokettierenden Bildern.
Wenig später, unter dem Eindruck der kriegerischen Folgen von 9/11, lädt Williams ihren Pinselstrich jedoch erneut semantisch auf, und das sexualisierte Ornament kehrt zurück. Schließmuskel und explodierendes Gedärm überziehen wie ein comichaftes Lineament die Leinwand, doch Titel wie Humanitarian Intervention (2006) deuten auf eine neue inhaltliche Aufladung der Malerei. Das Zusammenspiel zwischen Macht, Sexualität und Gewalt gewinnt in diesen Kompositionen eine neue Dimension, die auch nach einer Revision der Bildsprache zu verlangen scheint. Rhythmisch gesetzte Farbflächen in Orange, Blau oder Grün, darunter die sichtbare rohe Leinwand, ersetzen fortan die verdichteten Formen und zeichnerischen Kürzel der vergangenen Jahre. Verzerrte Gittermuster, explodierende Gegenständlichkeit und wiederkehrend die geneigten Twin Towers, alles in einem dynamischen Strudel vereint, stehen für eine Bildsprache, die über abstrahierte, in ihren Assoziationen aber klar lesbare Elemente argumentiert. Wenn Williams die interventionistische US-Politik und ihre Folgen bildnerisch verarbeitet, klingt eine neue Vehemenz an, die ihre Kritik und sarkastische Kommentierung ubiquitärer Asymmetrien in Körper- und Machtpolitik mit konkreten Gegenwartsbezügen ausstattet. In zeitgleich entstandenen Collagen kehrt die frühere Verschränkung von textilen Elementen mit Szenen der Unterwerfung zurück, jetzt in expliziter Benennung von Protagonisten der US-Politik wie Reagan oder CIA-Direktor William Casey.
Ab den späten 2010er Jahren wird es dann wieder figurativer. Tiere, vor allem immer wieder Pferde, sowie Behausungen sind in losem Mit- und Nebeneinander als Miniaturen auf die Leinwand gesetzt. Vor viel weißem Hintergrund knüpfen sie eher assoziative Verbindungen, als dass sich narrative Kontexte öffnen. Auch hier treten aus vorgeblich harmlosen Alltäglichkeiten in surrealer Verfremdung jedoch immer wieder Zeichen von sexualisierter Gewalt und Trauma hervor. In Colonial Revision (2020) wird Williams geradezu explizit, wenn sie einen Siedlerhut zeigt und damit die amerikanische Kolonialgeschichte und ihre genozidale Landnahme adressiert – ein Motiv, das vermuten lässt, dass die Künstlerin bewusst rezipiert, was nicht nur im Kunstbetrieb aktuell offensiv verhandelt wird.
„Sue Williams. WHAT NOW”, Belvedere 21, Wien, 2026
An anderer Stelle sind es eher die Titel der Werke, die jenen Referenzrahmen historischer Ereignisse und zeitübergreifender Diskurse präzisieren und die Bildminiaturen, aber auch die Arabesken und das ornamenthafte All-Over früherer Werkphasen einer politisierten Lesart zugänglich machen. Der Titel ihrer Ausstellung, „What Now“, hingegen verzichtet auf ein Fragezeichen und bleibt semantisch offen. Dieses „Was nun“ erwartet keine pragmatische Lösung. Die kompositorische Kontinuität in Williams’ Bildern scheint eher einem latenten Fatalismus geschuldet – einem fast trotzigen Anmalen gegen eine anhaltend misogyne wie rassistische Welt.
Am Beginn der Ausstellung, wo der Parcours auch endet, begegnen sich schließlich Progression towards Abstraction aus dem Jahr 1988 und das im letzten Jahr entstandene Present. Das frühe Acrylbild zeigt eine Frau, aus deren Augen rote Linien auf den Kopf eines Pferdes treffen. Mit ihrem neuen Großformat kehrt Sue Williams wiederum mit zahlreichen comichaften Einzelfiguren an ihre Anfänge zurück. Auch die Abstraktion, die ihr Werk zu dominieren scheint, lässt sich nur als Teil einer als Reaktion auf real Erlebtes entstandenen, politischen wie feministischen Kunst adäquat lesen. Diese Gegenüberstellung der beiden Werke bleibt allerdings einer der wenigen direkten Eingriffe in die Chronologie des Werks. Die kuratorische Erzählung der Ausstellung selbst setzt weitestgehend auf die Kraft der Bilder mit ihrem sich über die Jahrzehnte ausdifferenzierenden Stil. Es ist eher ein Zeigen als eine retrospektive Neubetrachtung, eher ein opulentes Ausbreiten von Werkgruppen als deren Kontextualisierung aus der Perspektive der Gegenwart. Trotzdem strahlen viele Werke eine ungebrochene Dringlichkeit aus und lassen die Malerei als Medium feministischer Selbstermächtigung erkennbar werden – der dichten Werkpräsentation zum Trotz.
Ganz am Ende steht noch einmal die Bezugnahme auf die Gegenwart in appellativer Direktheit. Auf die Ansicht einer Siedlung von Native Americans, einer idyllischen Gebirgslandschaft mit Tipis vor einem Wasserfall, hat Williams in goldenen Großbuchstaben den Slogan geklebt: „ABOLISH ICE“.
„Sue Williams: What Now“, Belvedere 21, Wien, 20. Februar bis 6. Juni 2026.
Vanessa Joan Müller ist Kunsthistorikerin und Kuratorin und lebt in Wien.
Image Credit: Courtesy Sue Williams und Belvedere 21, Foto Johannes Stoll