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SPIRITUAL GRIFT Hanna Magauer über „Cosmic Girlboss“ in der Galerie im Turm, Berlin

„Cosmic Girlboss“, Galerie im Turm, Berlin, 2026

„Cosmic Girlboss“, Galerie im Turm, Berlin, 2026

Befeuert von Erfolgsratgeberbüchern wie Sheryl Sandbergs Lean In (2013) avancierte der Begriff Girlboss um 2014 zum Hashtag für das, was Teilen der Social-Media-Sphäre als female empowerment gilt. Sophie Gilbert, eine der Beitragenden unserer aktuellen Ausgabe zum Thema „Misogynie“, hat dem Phänomen in ihrem Buch Girl on Girl (2025) ein ganzes Kapitel gewidmet. Darin betont sie seine individualistische Prägung und zeichnet die enge Verbindung des Girlboss zur Techbranche und Vermarktungsmethoden des Multi-Level-Marketings nach. Im Zuge des aktuellen antifeministischen Backlash wird der Begriff längst auch abwertend zur Dämonisierung erfolgreicher Frauen verwendet. Eine Berliner Ausstellung begegnet der Widersprüchlichkeit, die dem Phänomen sowie entsprechenden Bezugnahmen innewohnt, mit Humor und betrachtet es vor dem Hintergrund der spiritueller Techesoterik – also in einer Kombination, die immer häufiger Eingang in die zeitgenössische Kunst findet, wie Hanna Magauer beobachtet hat.

In Berliner Ausstellungen begegnet man in letzter Zeit immer wieder einer thematischen Verbindung von Spiritualität, Kult und digitaler connectedness: So war dies etwa in Holly Herndons und Matt Dryhursts Show „Starmirror“ im KW Institute for Contemporary Art im vergangenen Herbst der Fall, die im Rückbezug auf Hildegard von Bingen die kollektiven Potenziale von KI erprobte, oder in Yalda Afsahs hypnotischen Aufnahmen paneurythmischer Rituale in den bulgarischen Bergen, die bis Anfang April im CCA am Breitscheidplatz zu sehen waren. „Cosmic Girlboss“ in der Galerie im Turm widmet sich ebenfalls diesem Thema, jedoch aus expliziterer sowie humorvollerer Warte.

Mit Arbeiten von Margarita Athanasiou, DLBLR, Emily Hunt und Salesforce Child dreht sich die von Frances Breden kuratierte Gruppenausstellung um die titelgebende Figur des Cosmic Girlboss: eine Wortneuschöpfung, die den systemischen Krisen der Gegenwart mit Kartenlegen begegnet. Von Klimakatastrophe, Krieg und Turbokapitalismus gebeutelt, „manifestiert“ der Cosmic Girlboss die eigene materielle Sicherheit laut Ausstellungstext spirituell, während er sie zugleich als Geschäftsmodell einsetzt. [1] Weibliches Unternehmer*innentum lässt sich so als female empowerment und individueller Weg der Erleuchtung darstellen; für jede kapitalistische Entfremdung scheint es eine spirituelle Lösung zu bieten – einen Pfad der Hoffnung in einer desillusionierten Welt.

„Cosmic Girlboss“, Galerie im Turm, Berlin, 2026

„Cosmic Girlboss“, Galerie im Turm, Berlin, 2026

Die Ausstellung adressiert damit ein Gegenwartsphänomen, das sich tatsächlich schon eine Weile in zahlreichen Bereichen weiblich geprägter digitaler Kultur wiederfindet. Je nach Grad persönlicher Spiritualität und chronischen Online-Seins der jeweiligen Besucher*in mögen die kuriosen Beispiele, denen man in „Cosmic Girlboss“ begegnet, bekannter oder unbekannter sein: Eine Leseecke mit aus dem Internet gezogenen Texten berichtet von der Angelcore-Ästhetik und wie sie Esoterik mit Memes verbindet; von den Jade-Eiern zur vaginalen Einführung, die Gwyneth Paltrows Wellness-Firma Goop zur Aktivierung weiblicher Kraft vermarktet hat und die sie wegen medizinischer Falschbehauptung aus dem Programm nehmen musste; von einem modernen „Hexenprozess“, den selbst ernannte US-amerikanische Hexen gegen die Kosmetikfirma Sephora führten, nachdem diese ein Witchcraft-Starterkit ins Sortiment aufnehmen wollte; von allerlei spirituellen Methoden des Multilevel-Marketing, das von den jeweiligen Unternehmerinnen als Weg zur Selbstermächtigung und Selbstliebe gefasst wird: Mit Hilfe dieser ätherischen Öle, so lassen sich deren Mantren zugespitzt paraphrasieren, kannst du dein bestmögliches Selbst werden und andere inspirieren. Setz deine weibliche Intuition für das richtige Investment ein. Du hast es verdient zu verdienen.

Die vier Positionen der Ausstellung finden sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema. Eine Keramikskulptur von Emily Hunt zeigt einen gewundenen Turm mit allerlei Symbolen, greifenden Händen und freundlichen wie grimmigen Fratzen; der Berliner Bürokratie-Dschungel, den die Skulptur durch Beschriftungen wie „Ausländerbehörde“, „BVG“ oder „Finanzamt“ veranschaulicht, scheint hier mit Hilfe spiritueller Unterstützung plötzlich durchdringbar zu werden. Daneben, angrenzend an den Loungebereich der Leseecke, findet sich eine mit Postern und Bildmaterial gerahmte Listening Station von DLBLR, an der man einem Remix des 1990er-Jahre-Hits G****y Woman (La da dee la da da) von Crystal Waters lauschen kann, den das Duo mit mantraartigen Lyrics als politische Wiederaneignung für die Gegenwart überarbeitet hat. Auch hier scheint eine spielerisch-esoterische Ermächtigungsstrategie am Werk zu sein.

Herndon und Dryhurst ließen in den KW mit ihrer hell erleuchteten, gen Himmel ragenden und an evangelikale Freikirchen erinnernden Kirchenraumskulptur eher Fragezeichen aufkommen, was ihre Abgrenzung zu konservativen bis neurechten Visionen von Community betrifft. [2] Im Vergleich dazu wird in der Galerie im Turm ein Unwohlsein gegenüber der thematischen Verquickung von Spiritualität, Digitalität und Community offensiv benannt. Vor allem die Videoinstallationen von Margarita Athanasiou und Salesforce Child sind hier zu nennen: Wie hängt der Cosmic Girlboss mit neurechtem Runenkult zusammen? Wie steht die Alien-Community zu den Epstein-Files? [3]

Emily Hunt, „Hoc Aedificium Iter Reseret“, 2026

Emily Hunt, „Hoc Aedificium Iter Reseret“, 2026

Zwei 2026 entstandene Videos von Athanasiou befassen sich in diesem Zusammenhang mit der aktuellen Faszination mittelalterlicher Alchemie: In einer Animation mit Anleihen aus Mangas und anderen Comics sowie historischem Bildmaterial inszeniert mercury & sulfur intro das Streben einer materiellen Transformation von Schwefel und Quecksilber zu Gold („or at least silver“) als alchemistische Heirat – „Sulfur: He’s fire. He’s the Seed. Mercury: She’s passive, fluid even. She’s water. She’s the earth.“ mercury and sulphur part II of X dagegen geht als Nacherzählung der eigenen künstlerischen Forschung auf die Parallelen zwischen New Age, Faschismus, Verschwörungstheorien und Alchemie ein – um zugleich Frauenfiguren wie die venezianische Alchemistin Caterina Sforza oder Marie-Louise von Franz, Schülerin von Carl Gustav Jung, ins Zentrum der Erzählung zu rücken.

Während die Geschlechtervorstellungen von Tradwife-Content und Manosphere gerade erneut in den Mainstream überschwappen und junge Influencer*innen ihre Lifestyle-Tipps auf binären Vorstellungen vom „männlichen“ und „weiblichen“ Prinzip basieren, wird in Athanasious Videos kein Zweifel über die Verwandtschaft solcher Ideen zu menschenverachtenden Ideologien gelassen. Dass dies einer Faszination für esoterische Weltmodelle keinen Abbruch tun muss und es wenig zielführend ist, sie moralisch oder wissenschaftlich zu widerlegen, ist dabei wohl eine der Thesen der Ausstellung. Zumal letztere sich selbst ritualistischer Praxen und mythischer Daten bedient – etwa in einem Rahmenprogramm zur Walpurgisnacht –, um sie einer Relektüre und Aneignung zu unterziehen. „Spirituelle Deutungen von Technologie leben innerhalb der rhizomatisch organisierten Strukturen sozialer Netzwerke neu auf und verwandeln Memes in datenbasierte ‚Manifestationen‘ oder mantraähnliche Gebete“ [4] , liest man in einem in der Leseecke ausliegenden Text der Internetarchäologin Sophie Publig. Die kategorische Unschärfe, die diese Dynamiken zwischen Ironie und Post-Ironie hervorbringen, sei dabei ein grundlegender Kern dieser Entwicklung, der zugleich aber die Möglichkeit feministischer Reappropriation offenlässt. [5]

Salesforce Child, „Wellness is not possible“, 2026

Salesforce Child, „Wellness is not possible“, 2026

Die Pointe findet sich im Keller: Steigt man – wie es nur zu bestimmten Zeiten, in Begleitung einer Aufsicht und mit Bauhelm ausgestattet möglich ist – durch eine Luke eine steile Leiter hinab, findet man eine Videoinstallation der Instagram-Künstlerin bzw. -Kunstfigur Salesforce Child (Wellness is not possible, 2026). Suchend wandert die weibliche Hauptfigur durch eine verlassene Landschaft und konferiert im Wunsch, alles richtig zu machen, mit allen möglichen Kräften: spricht mit einer KI-betriebenen Gesundheitsberatung, lässt die repetitiven Mantras aus Mental-Wellness-, Ernährungs- und Mealprep-Content auf sich einprasseln, verschreibt schließlich ihre Seele und die ihrer Nachkommen dem Influencer Mr Beast und den Finanzanlagetipps, mit denen dieser seine jugendlichen Fans ausnimmt. Die Cosmic-Girlboss-Figur wird hier gespiegelt durch ihr männliches Grifter-Counterpart, den digitalen Finance Bro. Zwischen verschneiter Landschaft und Schneeballsystem halluziniert schließlich nicht mehr nur die KI. Auf ihrem Instagram-Account, von dem hier einige Highlights als Ausdrucke an die Wand angebracht sind, blickt Salesforce Child immer wieder manisch in Richtung der Betrachtenden – während sie Mantras zu (Anti-)Wellness und den Vorzügen von Polymarket-Wetten postet.

Der volle Wahnwitz des eingangs genannten Themenkomplexes wird hier höchst unterhaltsam auf die Spitze getrieben. Inmitten der Intensität des aktuellen politischen Moments zeigt „Cosmic Girlboss“ damit eine gewisse befreiende Leichtigkeit künstlerisch-kuratorischer Auseinandersetzung: We’re doomed. Let’s have fun with it.

„Cosmic Girlboss“, Galerie im Turm, Berlin, 26. März bis 17. Mai 2026.

Hanna Magauer ist promovierte Kunsthistorikerin. In der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) betreut sie den Bereich Publikation/Redaktion, außerdem arbeitet sie als Übersetzerin und Lektorin. Ihr Buch Kunst – Ort – Zugehörigkeit. Philippe Thomas und sein Umfeld ist 2025 im transcript Verlag erschienen.

Image credit: Courtesy of Galerie im Turm and the artists, photos 1+2+4 Eric Tschernow; 3 Dani Hasrouni

ANMERKUNGEN

[1]Ausstellungstext „Cosmic Girlboss“.
[2]Vgl. Genevieve Lipinsky de Orlov, „Divine Intervention“, in: The Public Review, 26. Januar 2026.
[3]Frei zitiert aus Salesforce Child, Wellness is not possible, 2026.
[4]Sophie Publig, „Swiping Right On God. Ästhetische Aneignungen als ideologische Strategie in Network Spirituality“, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Jg. 17, Heft 33 (2/2025), S. 81–94, hier: S. 81f.
[5]Vgl. ebd. S. 84 u. 94.