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AUFERSTANDEN AUS RUINEN ODER AUSGEGRABEN AUS DEM DEPOT Marlene Militz über „Publik Machen“ des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen

„Produktive Unruhe“, Kunsthaus Dresden, 2026

„Produktive Unruhe“, Kunsthaus Dresden, 2026

Mehr als 36 Jahre nach dem Mauerfall bietet der Diskurs um die deutsch-deutsche Geschichte vermehrt endlich auch Räume für Debatten, die sich jenseits festgefahrener, häufig von reflexhaften Abwertungstendenzen geprägter Narrative bewegen. Im Zuge dieser Debatten scheint auch in der Kunstwelt Raum und Bewusstsein geschaffen worden zu sein für diesen Teil jüngerer deutscher Geschichte: in Form von öffentlichkeitswirksamen, künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Erbe der Wiedervereinigung, aber auch in Form der sträflich vernachlässigten Beschäftigung mit DDR-Kunst, die jahrzehntelang in Archiven und Depots verschwunden war. Einem solchen Projekt hat das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen nun nicht nur eine, sondern ganze sechs Ausstellungen gewidmet. Zu Recht, wie Marlene Militz konstatiert, war doch das ifa die Nachfolgeinstitution des in der DDR gegründeten Zentrums für Kunstausstellungen, dessen Bestand das bundesdeutsche Institut zwar übernahm, aber im Zuge der generellen Abwertung einer „Regime-Kunst“ in den Jahren nach der Wende gänzlich unbearbeitet ließ.

Vielleicht ist es dieser Sommer, der die mehr als drei Dekaden andauernde Ghettoisierung von Kunst aus der DDR endlich beendet. Sowohl der wichtige Kunstpreis Goslarer Kaiserring als auch eine große Retrospektive im Gropius Bau ehren erstmals eine ostdeutsche Künstlerin: Gabriele Stötzer. Für die wohl substanziellere Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Erbe der DDR sorgt jedoch das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen. Erstmals hat es einen deutschen Pavillon auf der Venedig Biennale verantwortet, den Sung Tieu in einen ostdeutschen Plattenbau verwandelte und Henrike Naumann mit (post-)sozialistischen Relikten bestückte. Doch neben dieser zeitgenössischen, international sichtbaren Auseinandersetzung mit der Post-Wendegeschichte umfasst die Arbeit des ifa mit dem groß angelegten Projekt „Publik Machen“ auch die erste recherchebasierte Aufarbeitung des eigenen Bestands, der fast zur Hälfte aus Kunst aus der DDR besteht.

Als Ende 1990 das Zentrum für Kunstaustellungen (ZfK) der DDR sang und klanglos aufgelöst wurde, ging sein Bestand von etwa 10.000 Werken in die Sammlung seines westdeutschen Pendants über. Dann verschwand er größtenteils für 36 Jahre in der Schublade – symptomatisch für den Umgang mit dem kulturellen Erbe der DDR. Gerade deshalb schwingt in dem gewählten Titel „Publik Machen“ zu viel Pathos eines gehobenen Schatzes mit. Schließlich hielt nichts und niemand das ifa in den letzten Jahrzehnten davon ab, diese Kunst zu zeigen – sie war immer da. Dennoch ist die sommerliche Ausstellungswucht zu begrüßen: Allein fünf Ausstellungen an verschiedenen Orten in Berlin, eine weitere in Dresden und eine virtuelle auf der Website des ifa bringen nun circa 160 Werke von 40 Künstler*innen zum Vorschein, die in den verschiedenen Iterationen noch mit weiteren Leihgaben unterfüttert werden. [1]

„Rauschen: Echos einer Institution“, ifa-Galerie Berlin, 2026

„Rauschen: Echos einer Institution“, ifa-Galerie Berlin, 2026

Schon die verschiedenen Ausstellungsorte erzählen eine eigene Geschichte: die der komplexen Infrastrukturen, in denen Kunst in der DDR produziert, verbreitet und rezipiert wurde – aber auch die vom Ende eines Staates, seiner Kunst und der Auseinandersetzung mit ihr. Angefangen mit dem Berliner Standort des ifa, das im selben Jahr, in dem es den Bestand des liquidierten ZfK übernahm, eine Galerie in der Ostberliner Linienstraße eröffnete. Hier ist die wohl kunstärmste, aber rechercheintensivste Ausstellung untergebracht. Unter dem Titel „Rauschen“ untersucht sie die Geschichte des ZfK, das wie ein Nadelöhr wirkte, um ausländische Ausstellungen in die DDR hinein- und Kunst aus der DDR ins Ausland zu schicken. 1973 gegründet, organisierte das Institut während seines 17-jährigen Bestehens im Schnitt 130 Ausstellungen jährlich – sowohl im westlichen Ausland als auch in großer Zahl im Globalen Süden. [2] Kuratiert ist die ifa-Ausstellung als langer didaktischer Zeitstrahl, auf dem einzelne Kunstwerke zur Illustration der institutionellen Geschichte dienen.

Was in der ifa-Galerie an Kunst fehlt, wird in der Dresdner Ausstellung „Produktive Unruhe“ dreifach wiedergutgemacht. Mit über 200 Werken von etwa 50 Künstler*innen ist sie das Herzstück des ifa-Projekts. Gezeigt wird sie in einer ehemaligen Kantine, die als letztes Gebäude des mittlerweile abgerissenen Robotron-Campus, des größten Computerherstellers der DDR, noch steht. Das ostmoderne Gebäude, das langfristig als Kunsthaus genutzt werden soll, ist nach Jahren des Leerstands derart undicht, dass auf jedes zehnte Kunstwerk etwa ein Wassereimer kommt. „Produktive Unruhe“ konzentriert sich auf die Kunst der 1980er Jahre in Dresden. Sie spannt sich dabei zwischen zwei Polen auf: den offiziellen Kunstausstellungen der DDR im Albertinum, die alle fünf Jahre stattfanden und einen Überblick über die zeitgenössische (staatlich geduldete) Kunst des Landes gaben, und den lebendigen alternativen Szenen künstlerischen Schaffens der Stadt. In der Ausstellung treffen diese Pole, die in der DDR-Kunstrezeption lange als unvereinbar galten, ohne jegliche Widerspenstigkeit aufeinander und stellen damit den seit drei Jahrzehnten prägenden (Ab-)Wertungsrahmen westlicher Kunstgeschichtsschreibung grundlegend infrage.

Paradigmatisch dafür ist das Triptychon Mensch und Umwelt (1987) der Malerin Sabine Slatosch, das auf der „X. Kunstausstellung der DDR“ 1987/88 gezeigt wurde. Ihre unverklärte Darstellung der Arbeit im Glühbirnenwerk NARWA sorgte seinerzeit für heftige Diskussionen – jedoch, so arbeitet das kuratorische Konzept der Ausstellung heraus, öffneten sich die offiziellen Überblicksschauen im Verlauf der 1980er zunehmend nonkonformen künstlerischen Positionen. Gar so sehr, dass die DDR-Presse deutlich weniger über die Ausstellung berichtete als sonst üblich, während das westdeutsche Fernsehen ihr gleich zwei ausführliche Beiträge widmete.

„Produktive Unruhe“, Kunsthaus Dresden, 2026

„Produktive Unruhe“, Kunsthaus Dresden, 2026

Welche Bedeutung den Kunstausstellungen zukam, macht „Produktive Unruhe“ durch die eingebundene Forschung des Kunstsoziologen Bernd Lindner deutlich. Seine Ergebnisse zeigen, dass das Publikum der Dresdner Kunstausstellungen – die seit den 1970er Jahren regelmäßig um die eine Million Besucher*innen zählten und damit international ihresgleichen suchten – bis zum Herbst 1989 nach „eingreifenden Werken“ suchte, die gesellschaftlich Tabuisiertes künstlerisch verhandelten und damit eine andere Art der Öffentlichkeit ermöglichten. [3] Mit der Wiedervereinigung verlor diese Suche jedoch ihren Reiz, weil das einst Verbotene nun aussprechbar und damit alltäglich geworden war. Nicht nur für die Kunstrezeption des Publikums war die Wende einschneidend. Kunst, die gerade noch in der größten Ausstellung der DDR zu sehen war, wie Slatoschs Triptychon, erfuhr eine derart rapide Abwertung, dass die Künstlerin erst anlässlich der Anfrage für „Produktive Unruhe“ begann, nach ihren verschollen geglaubten Gemälden zu suchen. Sie fand ihr Werk schließlich in der Sammlung des Lindenau-Museums in Altenburg.

„Produktive Unruhe“ birst vor solchen Erzählungen voller Brüche und Wendungen, die die Kunstproduktion und -rezeption vor und nach der Wende durchziehen. Durch die umfassende Präsentation von Fotografie, Druckgrafik, Malerei, Skulptur, Film, Musik und den forschungsbasierten Texten, die all dem Kontextualisierung bieten, ergibt sich eine Fülle, die in den drei Stunden Öffnungszeit an einem Freitagnachmittag kaum zu bewältigen ist. Schon deshalb sind die eingestreuten zeitgenössischen Positionen schlicht zu viel, die eher ablenkend als unterfütternd wirken.

Ein dritter Ausstellungsort ist das spätklassizistische Schloss Biesdorf, das in der DDR als Dorfklub und Kulturhaus diente und dessen thematischen Fokus man bereits dem Titel der hier untergebrachten Ausstellung entnehmen kann: „Kosmos. Agenden, Netzwerke, Freundschaften“. Ihr erster Raum gibt einen Überblick über die papierbasierte Infrastruktur, die künstlerischen wie freundschaftlichen Austausch ermöglichte – von den Briefen des Künstlers Otto Nagel aus dem KZ Sachsenhausen 1937 an seine Frau; über die Zettel, die man mangels Telefon an den Türen von Freund*innen hinterließ, bis hin zur Mail Art, die es DDR-Künstler*innen erlaubte, unter den Augen der Postzensur ein internationales Netzwerk aufzubauen.

„Kosmos: Agenden, Netzwerke, Freundschaften“, Schloss Biesdorf, 2026

„Kosmos: Agenden, Netzwerke, Freundschaften“, Schloss Biesdorf, 2026

Kuratiert ist „Kosmos“ entlang konkreter Orte und Personen, um die sich die sozialen Strukturen des alternativen künstlerischen Lebens in der DDR wie Knotenpunkte formierten. Gerade diese soziale Vernetzung fürchtete die Stasi: Sie überwachte und zersetzte diese Netzwerke gezielt, weil sie in ihnen die Gefahr des potenziell politisch wirksamen Zusammenschlusses sah. Ein solcher Knotenpunkt war die bekannte Gruppe Clara Mosch, die Ende der 1970er Jahre das alternative kulturelle Leben in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) prägte. Weniger bekannt hingegen ist wohl der brandenburgische Bauernhof der Künstlerin Erika Stürmer-Alex, der ab 1982 als entlegener Ort für Zusammenkünfte diente. Aufgrund ihres vielseitigen Schaffens sowie ihrer vernetzenden Rolle in den Kreisen nonkonformer Kunst ist Stürmer-Alex ein eigener Raum in der Ausstellung gewidmet. Dass die strikte Unterteilung von Kunst aus der DDR in eine offizielle und inoffizielle hoch kompliziert ist, zeigt sich beispielhaft an ihrer Figur: Als Leiterin der Sektion Malerei/Grafik des offiziellen Verbandes Bildender Künstler (VBK) Frankfurt/Oder wurde sie intensiv von der Stasi überwacht, schaffte aber auf ihrem Dreiseitenhof zugleich einen Freiraum für Kunst und queeres Leben. Sie nahm regelmäßig an offiziellen kulturpolitischen Veranstaltungen teil, etwa 1988 am 3. EKO-Pleinair „Metall – Eisen – Stahl“ im Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) in Eisenhüttenstadt, einem vom VBK organisierten Werksaufenthalt, bei dem Künstler*innen direkt im Betrieb produzierten. Dort schuf sie wiederum ein Kunstwerk, das allen Vorgaben des sozialistisch-realistischen Kunstdogmas widersprach: die abstrakte Stahlskulptur Liegen/Aufstehen (undatiert), die in „Kosmos“ gezeigt wird.

Aber auch die Anfänge der DDR sind Thema. So wird die Geschichte des Künstlers Renée Graetz rekonstruiert: Bereits seine Resolution von 1956 an den VBK und die DDR-Regierung, im ersten Raum der Ausstellung zu sehen, postuliert seine Vision einer sozialistischen Kunst. Er wollte sie an Diego Riveras Wandmalereien anlehnen und in der jungen DDR umsetzen. Das kollektiv geschaffene Wandbild Metallurgie Hennigsdorf (1949) wird im letzten Raum jedoch nur noch als Schwarz-Weiß-Reproduktion ausgestellt, denn es geriet nach seiner Vollendung anlässlich der „2. Deutschen Kunstausstellung“ im September 1949 zwischen die Fronten des Formalismusstreits – jener kulturpolitischen Debatte der frühen DDR, die ab 1951 abstrakte und modernistische Tendenzen als „westlich-dekadent“ verurteilte und den sozialistischen Realismus zur verbindlichen Doktrin erhob. Das Wandbild wurde nach heftiger Kritik kurz darauf zerstört.

„Kosmos: Agenden, Netzwerke, Freundschaften“, Schloss Biesdorf, 2026

„Kosmos: Agenden, Netzwerke, Freundschaften“, Schloss Biesdorf, 2026

Die letzte der bisher eröffneten Ausstellungen von „Publik Machen“ befindet sich im KVOST, der in einem großen DDR-Plattenbau in der Leipziger Straße beherbergt ist. „Coda“ ist die leicht überarbeitete Wiederauflage der ZfK-Ausstellung „Musik in der Bildenden Kunst der DDR“, die in den 1980er Jahren in Ostberlin gezeigt wurde und dann auf internationale Tournee ging. Zu sehen sind grafische Werke, die grob um das Thema der Musik kreisen – von Herbert Sandbergs Lithografie eines Porträts Beethovens bis zu Karla Woisnitzas poetischer Hommage an Patti Smith. Doch warum gerade diese Ausstellung für wert befunden wurde, reinszeniert zu werden, bleibt unklar. Es bedarf einer tiefergehenden Einordnung, um diese Kunst und ihre Kuration für ein Heute relevant und zugänglich zu machen – etwa durch eine explizite Auseinandersetzung damit, was sich seit der Originalausstellung verändert hat: kuratorisch, gesellschaftlich, im Blick auf Kunst und Musik in der DDR allgemein –, statt sie fast unverändert zu wiederholen.

Dass „Publik Machen“ um neue Zugänge zur Kunst aus den ZfK-Beständen ringen muss, hat zwei Ursachen. Zum einen wurde mit der Auflösung des ZfK und der Entlassung seiner rund 80 Mitarbeitenden bereits 1991 der Zugang zum Wissen jener gekappt, die die Sammlung aufgebaut und bearbeitet hatten. Zum anderen führte die jahrzehntelange Marginalisierung der Kunst aus der DDR im öffentlichen Bewusstsein, die sich über eine ganze Generation erstreckte, zu wachsender Entfremdung. Beides zusammen machte eine umfangreiche und rechercheintensive Aufarbeitung der ifa-Bestände notwendig – ein Projekt, das zu großen Teilen gelungen ist. Der substanzielle Anfang, den das ifa mit „Publik Machen“ erarbeitet hat, muss auch genau das sein: ein Auftakt zu einer überfälligen, breiteren Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe der DDR. Zu viel muss noch gehoben werden aus der verschütteten Grube der Kunst aus der DDR, die ohne Not begraben und vom postsozialistischen Deutschland zugeschüttet wurde.

„Publik Machen: Zu Arbeit und Wirken des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR“, Ausstellungsprojekt des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen; sechsteilige Ausstellungsreihe in Berlin und Dresden, Mai bis Januar 2027: Ifa-Galerie Berlin: „Rauschen: Echos einer Institution“ (26.6. bis 27.9.2026); Schloss Biesdorf: „Kosmos: Agenden, Netzwerke, Freundschaften“ (29.6. bis 27.9.2026); KVOST: „Coda: Wiederaufführung einer Ausstellung“ (4.7. bis 30.8.2026); Prater Galerie: „Courage: Schwestern im Geiste“ (4.9.2026 bis 3.1.2027); Kunsthaus Dresden: „Produktive Unruhe“ (21.5. bis 26.7.2026) Galerie im Turm: "Träumen: Annemirl Bauer und Bärbel Bohley" (24.9. bis 8.11. 2026)

Marlene Militz ist Kunsthistorikerin und Kritikerin. Derzeit promoviert sie am Art & Archaeology Department der Princeton University und lebt in Princeton/New Jersey und Berlin.

Image credit: 1, 3: © Kunsthaus Dresden, Fotos Anja Schneider; 2: © ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, Foto Victoria Tomaschko; 4, 5: © Schloss Biesdorf und Linus Muellerschoen, Foto Linus Muellerschoen

ANMERKUNGEN

[1]Ein Überblick über alle Ausstellungsorte und Daten von „Publik Machen“ ist hier zu finden.
[2]Nora Kaschuba/Jule Lagoda, *Das ZfK, die deutsche Wiedervereinigung und das ifa* .
[3]Bernd Lindner, „Bildende Kunst zwischen ,Lebensmittel‘ und Sperrmüll: Rezeptionsmuster ostdeutscher Kunst vor und nach 1989“, in: Karl-Siegbert Rehberg/Paul Kaiser (Hrsg.), Bilderstreit und Gesellschaftsumbruch. Die Debatten um die Kunst aus der DDR im Prozess der deutschen Wiedervereinigung, Berlin/Kassel 2013, S. 237.