DAS MÉDITERRANÉE, MARSEILLE UND GISELLE’S BOOKS von Michaela Melián
Michaela Melián, “Gare St. Charles,” 2024
Wenn man an der Gare de Marseille-Saint-Charles ankommt und auf die Terrasse vor dem Bahnhofsgebäude tritt, ist man immer wieder aufs Neue überwältigt. Der Blick geht weit über die dicht bebaute Stadt, zu den sie umgebenden und in sie hineinwachsenden Gebirgsmassiven bis hin zur Horizontlinie des Mittelmeers. Über die imposante, von Großskulpturen gesäumte Bahnhofstreppe, die für die Kolonialausstellung 1922 gebaut wurde und mit ihren Allegorien für Asien und Afrika heute im Fokus kritischer Diskurse steht, [1] steigen wir Ankömmlinge wie auf einer Showtreppe zum Boulevard d’Athènes hinunter und durchschreiten damit sofort die Fülle der Themen, Eindrücke und Erfahrungen, die diese Stadt bereithält.
Marseille war immer am Rand Europas, hat den Blick auf das Mittelmeer gerichtet, nicht nach Paris oder Mitteleuropa, entsprechend hat man hier eine andere Perspektive und schaut mit Distanz auf die Machtzentren im Norden. Migration ist in Marseille weder eine Metapher noch eine Abstraktion, sondern seit über 2000 Jahren Realität. Viele Menschen leben hier im Exil, haben ihre Vergangenheit hinter sich gelassen und tragen sie doch unübersehbar in das städtische Leben hinein. Auch das Mucem – Musée des Civilisations de l’Europe et de la Mediterranée verweist mit seinem Programm auf das Eingebundensein im Mittelmeerraum. So werden zum Beispiel in der seit 2023 eingerichteten und bis 2030 fortwährend veränderten Dauerausstellung „Méditerranées“ die vielfältigen Vorstellungen vom Mittelmeerraum von der griechisch-lateinischen Antike über die Kolonialzeit bis hin zur Gegenwart dargestellt. Anhand verschiedener museografischer Modelle, auch unter Einbindung vieler zeitgenössischer Kunstwerke, wird aufgezeigt, wie kunstgeschichtliche und ethnologische Museen idealisierte Bilder des Mediterranen konstruiert haben. Überall in der Stadt sind die historischen Beziehungen zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und dem afrikanischen Kontinent ein wichtiges Thema.
Im Marseille leben viele Menschen an der Armutsgrenze. Vor allem in den Banlieues im Norden verursachen hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Drogen-, respektive Bandenkriminalität große Probleme. 2021 hat die französische Regierung den ambitionierten Zukunfts- und Sanierungsplan „Marseille en Grand“ vorgelegt, um Frankreichs ärmste Großstadt mit Investitionen bei zentralen öffentlichen Infrastrukturen wie Schulen, Verkehrsmitteln, Wohnungsbau und Sicherheit zu unterstützen. Neben den staatlichen und kommunalen Maßnahmen gibt es etliche Initiativen von Bürger*innen, wie zum Beispiel die sogenannten Soupes populaires und Cantines solidaires, wo Kollektive mittags ein Essen kochen und man zum Selbstkostenpreis oder für eine freiwillige Gabe einkehren kann. Denn zum Marseiller Selbstverständnis gehört eine dezidiert solidarische Überzeugung, die diese Stadt so besonders macht. International bekannt wurde vor allem das L’Après M, eine von McDonald’s aufgegebene Filiale in den Quartiers Nord, die die ehemaligen Angestellten besetzt haben und wo sie heute mit Unterstützung der Stadt selbst zubereitetes Essen verkaufen und Bedürftige mit kostenlosen Lebensmitteln versorgen. Auch die seit Ende letzten Jahres in Marseille stattfindenden riesigen Demonstrationen gegen die Drogenmafia haben weit über Frankreich hinaus Aufsehen erregt.
Entrance to Giselle’s Books
Gleich am Fuß der Escaliers de la gare de Marseille-Saint-Charles, in der Rue des Convalescents – benannt nach einem zur Pestzeit eingerichteten Hospital für durchreisende Kranke –, befinden sich die Räumlichkeiten von Giselle’s Books. Die beiden Gründer, Lucas Jacques-Witz und Ryder Morey-Weale sind seit sechs Jahren in Marseille und passen mit ihrem nichtkommerziellen Konzept für Giselle’s Books gut in die Stadt. Beide haben an der Ecole Des Beaux-Arts in Toulouse studiert und schon während ihres Studiums unter der Devise „to work with other artists on other artists’ practices“ den Korridor ihrer gemeinsamen Wohnung zu einem Projektraum gemacht. Nach Beendigung ihres Studiums zogen sie nach Berlin: Morey-Weale arbeitete dort als freischaffender Künstler und Jacques-Witz bei Motto Books und als Archivar für das Mail Art Archive von Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldt. 2020, als die Pandemie ausbrach, hielten sie sich gerade mit einem Forschungsstipendium im Rahmen eines Postgraduiertenprogramms namens „Mondialité en…“ in Shanghai auf. Paul Devautour, der ehemalige Direktor des Collège invisible de Marseille, dem ersten Postgraduiertenprogramm für Künstler*innen in Frankreich, war Initiator dieses Programms, von dem Jacques-Witz und Morey-Weale noch heute in höchsten Tönen schwärmen. Als es pandemiebedingt jedoch vorschnell endete, mussten sie von heute auf morgen China verlassen und entschlossen sich, nach Marseille zu gehen. Mit ihnen kamen damals viele Kreative aus Paris, London, Brüssel, Berlin und anderen Städten Europas in die zweitgrößte Stadt Frankreichs, denn die Mieten waren billig, das Wetter mediterran. So ließen sich die Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen ganz gut aushalten. In der Stadt wird gemutmaßt, dass während der Pandemie tausende Kreative von Paris nach Marseille gezogen sind, um hier in günstigen Wohnungen ihren digitalen Tätigkeiten nachzugehen. Bis heute ist der internationale Zustrom ungebrochen. So wie vor ihr Barcelona, Berlin, Athen oder Istanbul zieht diese Stadt viele junge Menschen an. Man kann sich vorstellen, wie viele Wohnungen in den hippen innerstädtischen Quartieren bereits an Zugezogene gegangen sind und noch gehen werden.
Nördlich der Porte d’Aix, in einem riesigen Gebiet entlang des Hafens im Stadtviertel Arenec wurden in den letzten Jahren großflächig Häuser abgerissen. Die angestammte, meist aus Nordafrika stammende Bewohner*innenschaft mit vielen kleinen Läden und Werkstätten musste den Plänen weichen, denn hier wird als Teil des kontrovers diskutierten Großprojekts Euroméditerranée ein neues Marseille umgesetzt. Seit den 1990er Jahren entstanden hier mit Mitteln des französischen Staates, der Stadt Marseille, der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, der Europäischen Union und privater Investoren neben einem Cruise Terminal mit Shoppingcenter und diversen Universitätsneubauten vor allem viele schicke Wohnungen. Wenn der Artiste Promeneur Nicolas Memain durch diesen Teil der Stadt führt, spricht er von einem Kriegsgebiet. Aber auch das „Programme Investissements d’Avenir“, das für großflächige Investitionen in nachhaltige Architektur für Sozialwohnungen, Bildungseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Infrastruktur wie öffentlichen Nahverkehr steht, ist Teil von Euroméditerranée. Im Hafen von Marseille liegt außerdem einer der wichtigsten europäischen Hubs für Unterwasserdatenleitungen aus Asien, dem Nahen Osten und Afrika, untergebracht in einem gigantischen ehemaligen U-Boot-Bunker, den die Wehrmacht 1943/44 errichtet hatte.
Interior of Giselle’s Books
Trotz des steten Zustroms an internationalen legalen wie illegalen Neu-Marseiller*innen gibt es nach wie vor viele leerstehende Orte, die als Ateliers, Werkstätten, Studios oder Offspaces von Künstler*innen vergleichsweise günstig angemietet und genutzt werden. Zudem fallen die vielen guten Buchläden, Verlage und Schallplattenläden in der Stadt ins Auge. Das hat eine lange Tradition. Von 1925 bis 1966 erschien hier die französische Literaturzeitschrift Cahiers du Sud, die selbst unter der Vichy-Regierung und der deutschen Besatzung ihre europäische, ja internationale Ausrichtung wahren konnte und in den 1930er und 1940er Jahren zunehmend ein Forum der deutschen Exilliteratur in Frankreich wurde. Seit vielen Jahrzehnten haben im Zentrum der Stadt wichtige Archive ihre Räume: seit Mitte der 1960er Jahre das CIRA (Centre International de Recherches sur l’Anarchisme), seit den Achtzigern das CIPM (centre international de poésie Marseille) und das Mémoire des Sexualités (Archive LGBTQI+).
Als Jacques-Witz und Morey-Weale im September 2020 nach Marseille kommen, starten sie in ihrer Wohnung Giselle’s Books als gemeinnützigen Kunstverein (Association loi 1901). Dieser versteht sich zunächst als Ausstellungs- und Forschungsraum zu publizistischen Praktiken in der zeitgenössischen Kunst mit einem Schwerpunkt auf der Präsentation und Archivierung ephemerer künstlerischer Verfahren. Von Anfang an umfasst das Projekt auch eine fortlaufend erweiterte und öffentlich zugängliche Archivbibliothek für Künstler*innenbücher und Kunstschriften. Giselle’s Books ist eine Organisation, die ausschließlich künstlerisch forschen und nicht mit Kunst handeln will. Da die beiden Betreiber kein Interesse an der Kommerzialisierung ihres Programms haben, arbeitet Jacques-Witz als Archivar im LUMA Arles und Morey-Weale als Künstler in diversen Jobs in Marseille. Die beiden verorten Giselle’s Books nicht im Zentrum des zeitgenössischen Kunstbetriebs, sondern an dessen Peripherie, wo die Dynamiken des Marktes weniger wirken und sie ihrem eigenen Takt folgen können. Mit Marseille haben sie ideale Bedingungen dafür gefunden, denn wie Jacques-Witz im Gespräch betont, sei die Stadt so anders als zum Beispiel Paris, London oder Berlin: „Hier gibt es ein anderes Zeitgefühl, eine andere Art der Aufmerksamkeit. Diese Stadt bringt eine Energie mit sich, die für viele künstlerische Praktiken, zum Beispiel das Schreiben, von Vorteil ist. Es gibt hier eine Art Widerstand gegen das ,Zu-Viel’. Die Menschen nehmen sich Zeit, am Wochenende verlassen sie die Stadt oder gehen ihren eigenen Dingen nach, schalten einen Gang zurück. Im Vergleich dazu besteht Paris aus einem ständigen 24-7-Rhythmus von Veranstaltungen und Eröffnungen – wie soll man da denn noch kreativ sein? Ein Projekt wie Giselle’s könnte in einer Stadt wie Paris oder London, wo es weder die Zeit noch den Raum dafür gibt, nur sehr schwer existieren.“
“Fake Fruit & Co,” Giselle’s Books, Marseille, 2026
Im August 2022 war ich das erste Mal bei Giselle’s Books. Dorthin mitgenommen hatten mich Stefan Kalmár und Raoul Klooker, die in Marseille ein halbes Jahr zuvor ihren Projektraum OCT0 [2] gestartet hatten und nun mit Jacques-Witz und Morey-Weale kollaborierten: Während bei OCT0, das nur wenige Minuten entfernt den Boulevard d’Athènes hinunter in der Stadtmitte lag, die Videoarbeit Penumbra von Hannah Black und Juliana Huxtable installiert war, sollte an diesem Abend Hannah Black bei Giselle’s Books aus ihren Gedichten lesen. Wir gingen die Rue des Convalescents, eine schmale Gasse, entlang, vorbei an chinesischen Läden und einer Moschee, klingelten an einer unauffälligen Tür und stiegen in den zweiten Stock hoch. Hier öffnete sich ein weiter heller Raum mit in Wänden eingelassenen Regalen und mehreren großen Vorlegetischen, auf denen Bücher und Zeitschriften ausgebreitet lagen: eine exquisite Auswahl alter und ganz neuer Künstler*innenbücher, Kunstkataloge, Kunstmagazine, Theoriepublikationen und Literatur. Sofort erkannte ich auf einem Tisch zum Beispiel einige Publikationen des Berliner Harun Farocki Instituts. Dazwischen Sofas und Sessel zum Sitzen und Lesen – ein schöner, einfacher wie einladender Einstieg in die Praxis von Giselle’s Books. Weiter hinten im Raum an einem Tresen, der den privaten Wohnbereich von Jacques-Witz und Morey-Weale abtrennt, wurden Getränke ausgeschenkt. Über eine Fensterbank kletterte man auf das große geteerte Flachdach des Nachbarhauses. Hier saßen bereits viele Menschen auf dem Boden und warteten auf die Lesung. Hannah Black kam ebenfalls durch das Fenster nach draußen, nahm auf einem Barhocker Platz und las ihre Texte, eingebettet in das Rauschen des Verkehrs und das Stimmengewirr aus den Nachbarfenstern, von ihrem Mobiltelefon ab. Ein total gemischtes Publikum hörte ihr hochkonzentriert zu.
„Anfangs hielten die Leute Giselle’s für eine Buchhandlung. Dabei waren wir schon immer eine Art redaktionelle Organisation, die verschiedenste Aktivitäten verfolgt“, erläutern Jacques-Witz und Morey-Weale im Gespräch. „Begonnen haben wir damit, diese Lernbibliothek einzurichten. Damit haben wir eine Perspektive auf das Veröffentlichen, aber auch auf das Archivieren entwickelt. Denn das Veröffentlichen ist eine Form der Archivierung von Praktiken.“ Die beiden Betreiber bezeichnen sich als Redakteure, wollen nicht als Kuratoren gesehen werden. Mit ihren verschiedenen Aktivitäten verstehen sie sich als Plattform, die vor allem die Vernetzung von Forscher*innen, Künstler*innen, Kurator*innen und Autor*innen vorantreiben will. Seit Kurzem haben sie auch ein Residenzprogramm eingerichtet. Denn weil Jacques-Witz und Morey-Weale im November 2025 auf Reisen gehen wollten, entschlossen sie sich, ihre Räume in Marseille für die Zeit ihrer Abwesenheit einer*m Autor*in für eigene Projekte zu überlassen. Sie machten dieses Angebot über einen Post im Internet bekannt, und es meldeten sich etwa 150 Bewerber*innen aus allen möglichen Ecken der Welt. Ihre Wahl fiel auf Sean Burns, der für Frieze schreibt und mit Queer Street Press einen Verlag in London betreibt. Diese Einladungspraxis wird Giselle’s Books in Zukunft über die ruhigen Wintermonate beibehalten. Ab April, wenn in Marseille die Hochsaison beginnt, wird dann wieder das eigene Ausstellungsprogramm fortgesetzt. Im Mai und Juni 2026 war hier die Gruppenausstellung „Fake Fruit & Co“ mit Werken von Uri Aran, Dustin Ericksen & Mike Rogers, Tina Girouard, Ana Jotta, Chick Strand, George Tourkovasilis und Charles Veyron zu sehen, kuratiert von dem umherschweifenden artistic enterprise Ampersand. Seit Juli 2026 läuft nun „Everything is NOW“ mit Arbeiten von Jill Westwood, die über ein großes Archiv an Ephemera und Projektdokumentationen verfügt. Die meisten Exponate, zum Beispiel das Material zu Westwood’s Performances aus den 1980er Jahren, werden hier zum ersten Mal in Frankreich gezeigt.
Hannah Black at Giselle’s Books, 2022
„Wir haben ein Publikum, das regelmäßig zu den Veranstaltungen kommt, darunter sind auch viele Expats,“ erklären Jacques-Witz und Morey-Weale. „Marseille ist eine Transitstadt mit ständigem Kommen und Gehen von Menschen, so ändert sich auch unser Publikum von Veranstaltung zu Veranstaltung, von Saison zu Saison, es entwickelt sich ständig weiter.“ Seit Dezember 2025 gibt es nun zwei Straßen entfernt einen weiteren Raum, in der Rue Maurice Korsek. Lesungen und Veranstaltungen finden jetzt in diesem Ladenlokal statt, zudem ist hier die Lesebibliothek einzusehen. Der Raum in der Rue des Convalescents bleibt weiterhin Wohnung und Ausstellungsraum. Neben dem laufenden Programm haben Giselle’s Books 2025 damit begonnen, selbst Bücher zu machen. Die erste Publikation entstand in Zusammenarbeit mit der in Berlin lebenden kalifornischen Choreografin und Tänzerin Tarren Johnson. Der kleine Band mit ihren gesammelten Gedichten stellt gewissermaßen das Manuskript für ihr nächstes tänzerisches Werk dar. Ein weiteres Projekt ist eine Zeitschrift, in der Inhalte aus Korea und der koreanischen Diaspora erstmals ins Englische übersetzt werden. Die Herausgeberin ist die französisch-koreanische Redakteurin Maria Jooyoung. Für das kommende Jahr sind mehrere redaktionelle Kollaborationen in Planung.
Im Jahr 2022 waren Jacques-Witz und Morey-Weale an der Gründung des Kunstfestivals Systema beteiligt, das jährlich Ende August in Marseille stattfindet [3] – zeitgleich zur Kunstmesse Art-o-rama im Kulturzentrum Friche la Belle, einer ehemaligen Tabakfabrik nördlich des Bahnhofs, wo vor allem junge, aber bereits etablierte internationale Galerien ausstellen und ein kaufkräftiges Publikum aus Frankreich und ganz Europa angesprochen wird. [4] Systema hingegen versteht sich als Plattform für unabhängige Kunsträume und nichtkommerzielle Kunstinitiativen. Angesiedelt ist das Festival im Palais des Arts, auch Palais Carli genannt, das Ende des 19. Jahrhunderts als Kunsthochschule erbaut wurde und mitten in der Stadt liegt. In dem fantastischen Veranstaltungsort befinden sich im ersten Stock ein riesiger Saal und drum herum hohe, leerstehende Bibliotheksräume. Altes Mobiliar, eine Sammlung historischer Klaviere und Konzertflügel, Skulpturen, verblichene Tapeten, ausgetretene Treppen und blinde Spiegel geben den dramatischen Rahmen von fragiler, im Verfall begriffener Schönheit für Werke, die im Rahmen von Kunstmessen in der Regel kaum gezeigt werden und hier während der Systema Raum und Zeit bekommen sollen.
“SYSTEMA,” Palais Carli, Marseille, 2024
Bisher wurden die Künstler*innen bzw. Offspaces direkt zur Systema eingeladen. Aus den eingereichten Vorschlägen jurierte das Kuratorium eine Auswahl für die Ausstellung im Palais Carli. Aufgebaut haben die Künstler*innen dann selbst. In diesem Jahr, dem fünften, wurden dagegen Teilnehmer*innen früherer Ausgaben von Systema gebeten, Projekte und Künstler*innen vorzuschlagen, die ihrer Meinung nach zum Festival passen. So sollen Künstler*innen zusammengebracht werden, die sich vorher nicht kannten, und ein ständig wachsendes Netzwerk an Gleichgesinnten entstehen. Da die finanziellen Mittel von Offspaces meist sehr begrenzt sind und in der Regel auf Selbstausbeutung beruhen, wollen die Organisator*innen mit der Systema den internationalen Austausch zwischen diesen Projekten fördern und ihnen mehr Sichtbarkeit geben. „Wir nichtkommerziellen Organisationen haben viele gemeinsame Probleme, aber oft fehlt der direkte Austausch. Wir wollen mit Systema dabei helfen, ihn möglich zu machen“, erzählt mir Jacques-Witz zu Giselle’s Books Motivation, am Festival mitzuwirken. Als eine Art Convention für die unabhängige Kunstszene, die in Marseille deutlich größer ist als die etablierte Galerienszene, zieht Systema jedes Jahr neue, vor allem junge Besucher*innen an, die sie zum Anlass nehmen, neben all den Offspaces, Buchläden und Veranstaltungen auch das Mittelmeer zu erleben.
Michaela Melián, Künstlerin und Musikerin, lebt bei München und in Marseille. Aktuell laufen ihre Ausstellungen „Passagen – Passages“ in Marseille und „Osnabrücker Gesänge. Rosi Ève Hélène“ in Osnabrück.
Image credit: 1. Courtesy of Michaela Melián; 2., 3., 5. Courtesy of Giselle’s Books; 4. Courtesy of the artists and Giselle’s Books; 6. Courtesy of the artists and SYSTEMA, Foto Raphaël Massart
ANMERKUNGEN
| [1] | Vgl. zum Beispiel dieses Projekt des Musée d’Histoire de Marseille. |
| [2] | OCT0, ein interdisziplinärer Kunstraum mit Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen und Publikationen des Verlags Semiotext(e), wurde von 2021 bis 2024 von Stefan Kalmár und Raoul Klooker in der Rue Guy Môquet betrieben. |
| [3] | Mehr Informationen sind auf der Festivalwebsite zu finden. |
| [4] | Anmerkung der Redaktion: Nachdem unsere Autorin diesen Text verfasst hat, fand am selben Ort auch das umstrittene Unworlding Festival statt, das in Kooperation mit dem DAAD-Berliner Künstlerprogramm organisiert wurde und mit prominenten Sprecher*innen als symptomatisch für Marseilles internationale Magnetwirkung sowie das wachsende institutionelle Interesse an der Stadt gesehen werden kann. |