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DISPOSITIVE DES (UN)SICHTBAREN Philip Ursprung über Amol K Patil bei Peter Kilchmann, Zürich

„Amol K Patil: The Shadow of Lustre“, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, 2026

„Amol K Patil: The Shadow of Lustre“, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, 2026

Die sprichwörtlich gewordenen „Lichter der Großstadt“ beleuchten nur selten jene, die in ihren Maschinenräumen deren Puls am Leben halten. In seiner ersten Einzelausstellung in der Schweiz setzt sich Amol K Patil mit Arbeitsmigration und Prekarität am Beispiel der Dalits, der Menschen am untersten Ende des traditionellen indischen Kastensystems auseinander, wobei der Fokus auf Narrativen und Funktionen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit liegt. Wie Philip Ursprung in seiner Rezension herausstellt, wirft Patil so Fragen nach den Bedingungen moderner kapitalistischer Gesellschaften auf.

Auch nachdem sich die Augen allmählich beim Besuch von Amol K Patils Ausstellung „The Shadow of Lustre“ an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht man angesichts des Videos Who is Invited to the City (2025) kaum mehr als ein paar tastende Lichter im Dunkeln, Lichtkegel von Taschenlampen, die sich auf die Kamera zuzubewegen scheinen. Sporadisch machen sie den Ast eines Strauchs, ein Stück Boden, einen Fuß, eine Hand sichtbar, aber kein Gesicht. Grillen zirpen. Niemand spricht. Ein Voiceover, verfasst vom Künstler und eingelesen von seinem Kollegen Yogesh Barve, handelt von der Wanderung der Menschen vom Land in die Stadt auf der Suche nach Arbeit und sozialem Aufstieg. Die gesprochenen Sätze sind jeweils kurz als Untertitel eingeblendet, neben Sätzen des Marathi-Poeten und Aktivisten Namdeo Dhasal. Die Stimme fragt, wie die Menschen sich die Großstadt früher vorstellten, bevor es Fernsehen und Telefon gab. Was träumten sie, während sie, meist barfuß, unterwegs waren?

So, wie man trotz der Anstrengung der Augen kein klares Bild des Geschehens bekommt, so lassen sich auch die Textfragmente nicht wirklich entschlüsseln. Was erwartet die Menschen am Ende ihrer Wanderschaft? Haben sie Angst? Ebenso wenig geben die durch schummrige Spots beleuchteten kleinformatigen Gemälde im Raum eine Antwort. Lediglich auf einem Bild, Who is Invited to the City I (2025), erahnt man in der Ferne ein Lichtermeer – aber vielleicht ist es auch eine Täuschung. Zum Schluss wechselt die Kamera in die Vogelperspektive. Die Taschenlampen formieren sich zum Kreis. Wenn mit „Lustre“ im Ausstellungstitel der Glanz bzw. die Lichter der Großstadt gemeint sind, dann geht von dieser Figur aus bescheidenen Lichtquellen ein eigener, warmer Schein aus.

Amol K Patil, „Who is Invited to the City? VI“, 2025

Amol K Patil, „Who is Invited to the City? VI“, 2025

Gegenstand der von Patils in drei Räumen eingerichteten Ausstellung, die neben zwei Videoprojektionen auch Gemälde, Skulpturen, Reliefs und Zeichnungen umfasst, sind die Dalits. Bei ihnen handelt es sich um Angehörige der niedrigsten Kasten in Indien, die vornehmlich in körperlich anstrengenden und schlecht bezahlten Berufen auf dem Bau, bei Fahrdiensten der Stadtreinigung tätig sind. [1] Patil setzt sich seit Langem mit den Wohn- und Arbeitsbedingungen dieser Gemeinschaft, der auch seine Familie entstammt, auseinander, beispielsweise in der Performance Sweep Walkers (2022) auf der documenta fifteen. Während Dhasal den Dalits mittels Poesie eine Stimme verlieh und sie zum Widerstand aufforderte – „Man, one should dig up roads, yank off bridges / One should topple down streetlights“ heißt es im Gedicht „Man, You Should Explode“ –, rückt Patil sie mittels Kunst ins Licht. [2] In der jetzigen Ausstellung fokussiert er sich auf Migration und körperliche Arbeit, wobei Art und Ort der Arbeit offenbleiben. Die Darstellung der menschlichen Körper ist fragmentarisch, begrenzt auf Hände und Füße sowie dazu gelegentlich Werkzeuge. Die Identität scheint auf diejenigen Körperteile reduziert, die bei der Arbeit am meisten mit Schmutz in Berührung kommen, was wiederum die Dalits für höhere Kasten zu „Unberührbaren“ macht. Das Material der Skulpturen ist patinierte Bronze. Die dunkelbraune Oberfläche erinnert daran, dass die dunkle Hautfarbe der Dalits noch immer rassistisch mit Unreinheit markiert ist. Sie gleicht der Farbe von Rost. Aber im Gegensatz zu Eisen ist Bronze nicht dem Verfall preisgegeben. Es ist das Material von Monumenten. Wie bereits in seinen Performances, die teilweise auf Oral History der Dalits beruhen, geht es auch jetzt darum, die Tätigkeit dieser Menschen und ihre Rolle beim Aufbau und dem Unterhalt moderner Großstädte in Erinnerung zu behalten.

Amol K Patil, „The Shadow of Lustre XVII“, 2024

Amol K Patil, „The Shadow of Lustre XVII“, 2024

Harun Farocki bezeichnete die Darstellung menschlicher Arbeit einmal als Tabu der Moderne, weil sie ihre skandalösen Wurzeln in der Ausbeutung zeigt. [3] Jede Darstellung von menschlicher Arbeit in der Kunst riskiert, diese Ausbeutung noch zu verstärken, indem auch noch das Bild der Arbeitenden ausgebeutet wird. Patils Dispositiv lässt es nicht so weit kommen. Indem die Lichtführung die Hierarchie des Blickregimes unterbricht und Dunkelheit als möglichen Schutz vor dem überwachenden Blick ins Spiel bringt, stellt sie die Distanz infrage, aus der man beanspruchen könnte, über die Dalits zu sprechen. Ist nicht die Bemühung, die Figuren in der Dunkelheit zu sehen, mit dem vielleicht unbewussten Wunsch nach Kontrolle verbunden? Arbeitsmigration ist eine der Voraussetzungen moderner Industriegesellschaften, nicht nur in Indien. Die Vorstellung, Arbeitsmigration nicht kontrollieren zu können, gehört zu den kollektiven Ängsten der wohlhabenden Gesellschaften. Sie überlagert die noch größere Angst davor, diese könnte eines Tages ausbleiben oder man selbst käme in die Lage, auf der Suche nach Arbeit migrieren zu müssen. Gerade indem die Ausstellung anregt, alles sehen zu wollen, und genau das zugleich verhindert, hält sie den Besuchenden einen Spiegel vor.

„Amol K. Patil: The Shadow of Lustre“, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, 27. Februar bis 23. Mai 2026.

Philip Ursprung ist Professor für Kunst- und Architekturgeschichte am Departement Architektur der ETH Zürich. Zuletzt erschienen: Joseph Beuys: Kunst Kapital Revolution (München, C. H. Beck, 2021); Gordon Matta-Clark: An Archival Sourcebook, hrsg. mit Gwendolyn Owens, (Berkeley, University of California Press, 2022); Die Architektur der Gegenwart: 1970 bis heute (München, C. H. Beck, 2025) und Values and Surfaces: Art, Economy, Architecture (Zürich, gta Verlag, 2025).

Image Credit: Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Foto Sebastian Schaub

ANMERKUNGEN

[1]Vgl. Amila Puzić, „Twice Born“, in: Amol K Patil: The Shadow of Lustre, Ausst.-Kat., Galerie Peter Kilchmann, Zürich, 2026, S. 7–10.
[2]Namdeo Dhasal, „Man, You Should Explode“ [1972], in: Namdeo Dhasal, A Current of Blood, Poems selected and translated from the Marathi by Dilip Chitre, New Dheli 2007, S. 9–11, hier: S. 9.
[3]Vgl. Harun Farocki, „Arbeiter verlassen die Fabrik“, in: Susanne Gaensheimer/Nicolas Schafhausen (Hrsg.), Harun Farocki. Nachdruck. Texte, Berlin 2001, S. 230–247.