AFD NOBILITIERT SOMMERTHEATER Susanne von Falkenhausen über das Volksbad an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Volksbad an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, 2026
Da motzen Medien wie BZ und Nius [1] gegen das „Volksbad“, einen temporären Pool fürs Volk auf dem Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne in Berlin: Das ganze Projekt sei „ein peinlicher PR-Gag einer verwöhnten Kultur-Elite, die das Geld der Steuerzahler zum Fenster herauswirft“. [2]
Wenige Tage später ist es ernst geworden. Für sechs Stunden war der Pool „exklusiv“ reserviert worden für Kinder der Schwarzen Community, die vom Verein EOTO betreut werden. Die Ankündigung auf der Website der Volksbühne mit ihrer Kombination von „Schwarz“ und „Exklusiv“ [3] geht viral; an ihr hängt sich der nun folgende Shitstorm auf, bis hin zu Morddrohungen gegen EOTO. Er folgt dem bekannten Muster der Täter-Opfer-Umkehr: „Apartheid“ (Alice Weidel), „Weiße sollten ausgeschlossen bleiben!“ [4] Laut Tagesspiegel-Kommentator Gerrit Bartels ein „Diskriminierungsvorwurf, der lächerlicher nicht sein könnte“. [5] Die freundliche Event-Anarchie vor der monumentalen Fassade des legendären Volks-Theaters ist zum ernst zu nehmenden politischen Akt geworden, dank Nius, AfD, WELT, BILD und rechtsextremer Online-Miliz.
Ein Freibad mit halbnackten Menschen befindet sich in der Regel an der Peripherie einer Stadt. Einmal eingelassen, baden dort die Menschen in einem idealiter sichtbarkeitsgeschützten Raum, frei von Spannern und heimlich fotografierenden und filmenden Personen. Dieser Raum wird diesbezüglich kontrolliert, Verstöße werden geahndet. Und nun das: ein Schwimmbad mitten im Zentrum, vor einem Theater auf einem stark frequentierten Platz mit Autoverkehr, Kino, Kneipen, U-Bahn-Station. Aber es ist, wie es sich für ein Freibad gehört, eingezäunt, der Zugang ist kontrolliert. Einfach reinspazieren wie am See geht nicht, es gibt Regeln: vorher Duschen, kein Kopfsprung (Arschbombe erlaubt!). Aber anders als im Freibad, wo die Badenden nicht mit Publikum hinterm Zaun rechnen: Dieser Pool ist, wie das Theater, eine Bühne. Draußen auf dem Platz schauen Menschen in Straßenkleidern zu, wie Menschen in Badehosen und Bikinis auf der umlaufenden Plattform sonnenbaden. Es erfordert eine gewisse Chuzpe, sich dieser Art des Gesehenwerdens zu stellen. Aber vielleicht hat sich das gesellschaftlich formatierte Schamgefühl ja verändert, seitdem die sozialen Medien zur Bühne des Privaten geworden sind? Instagramable ist das Projekt auf jeden Fall.
Passt für diesen Ort ein Foucault’scher Terminus, die Heterotopie? Übertragen aus seiner medizinischen Ursprungsbedeutung [6] passt er genau: eine funktional organisierte und reglementierte Struktur, die sich nicht am für sie vorgesehenen Ort befindet. Aber diese regelbrechende Location wird nur ermöglicht, weil ein von der öffentlichen Hand getragenes Theater sie in genauer Abstimmung mit allen Behörden, die für den öffentlichen Raum zuständig sind – und das sind viele –, geplant und ins Werk gesetzt hat: heterotopes Baden im institutionell geschützten Kunstraum.
In seiner Reaktion auf die Anfeindungen aus dem rechten Lager meinte der Berliner Kultursenator: „Ich persönlich halte nichts davon, Menschen nach Hautfarben einzuteilen. Ich bin ein Freund des Miteinanders.“ Und: „Ich hatte das ‚Volksbad‘ eigentlich als ‚Bad für alle‘ verstanden.“ [7] Dumm nur, dass genau mit diesem Argument AfD und Konsorten ihre Täter-Opfer-Umkehr begründet hatten. So beeilte er sich zu ergänzen: „Kunst darf provozieren. Sie will und soll Debatten anregen. Das ist ihr Anspruch. Das ist ihr Auftrag.“ [8] Na dann … Vonseiten der Senatsverwaltung musste erklärt werden, dass die temporäre „Exklusivität“ Schwarzer Körper in einem Pool im Stadtzentrum rechtens im Sinne des LADG (Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz) ist. Da zeigt sich die Kluft zwischen Realität (LADG) und Idealität (Grundgesetz). Ob die AfD auch aktiv wird, wenn, wie geplant, das Bad einen Tag für Obdachlose und ihre Betreuer*innen (im Programm diesmal diskret hinter dem Vereinsnamen Gangway verborgen) reserviert sein wird?
Der Shitstorm hat dem Projekt erst seine volle interventionistische Wirksamkeit gegeben. Die Heterotopie franst aus in die unkontrollierbare Weite onlinegesteuerter Sichtbarkeit. Den Kürzeren in dieser vertrackten Aufmerksamkeitsökonomie ziehen die von EOTO betreuten Kinder.
Susanne von Falkenhausen ist Prof. em. für Neuere Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Moderne am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. Buchveröffentlichungen u. a.: KugelbauVisionen. Kulturgeschichte einer Bauform von der Französischen Revolution bis zum Medienzeitalter, Bielefeld 2008; Jenseits des Spiegels. Das Sehen in Kunstgeschichte und Visual Culture Studies, Paderborn 2015; Beyond the Mirror. Seeing in Art History and Visual Culture Studies, Bielefeld 2020 und Open Access.
Image credit: Courtesy of Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Foto Bahar Kaygusuz
ANMERKUNGEN
| [2] | Stefan Peter, „Das Freibad der Volksbühne ist ein peinlicher PR-Gag“ , in: BZ online, 12.08.2026. |
| [3] | Vgl. dazu auch: Saba-Nur Cheema/Meron Mendel, „Wie ein Pool zum Skandal wurde“, in: FAZ, 17.8.2026, Feuilleton, S. 9. Sie unterscheiden zwischen dem grundsätzlichen Bestehen auf dem Gleichheitspostulat des Grundgesetzes und der Notwendigkeit pragmatischen Handelns, was Safe Spaces betrifft. |
| [4] | Joelle Rautenberg, „Linke laufen Sturm gegen Absage des Rassentrennungs-Schwimmens im Volksbad" , in: Nius, 14.08.2026. |
| [5] | Gerrit Bartels, „Streit um Berliner „Volksbad“. Ein Diskriminierungsvorwurf, der lächerlicher nicht sein könnte“ , in: Tagesspiegel online, 13.08.2026. |
| [6] | Funktionelles Gewebe, das sich nicht an der anatomisch üblichen Lokalisation befindet. |
| [7] | Robert Kiesel, Dennis Pohl, „Abgesagtes Schwimmen für Schwarze. CDU-Spitzenkandidat Evers verurteilt Drohunugen – Wegner und Weimer schweigen“ , in: Tagesspiegel online, 14.08.2026. |
| [8] | Ebd. |