HAIE IM SWIMMINGPOOL Christoph Gurk über das Volksbad an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Volksbad an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, 2026
Im hiesigen Kulturbetrieb kamen allein im August dieses Jahres gleich drei Projekte aus den Bereichen Theater, Tanz und Performance zur Aufführung, die das Schwimmbad als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen in den Blick nehmen. Mit der Reihe Pool People feierte die Regisseurin Christiane Huber das im Münchner „Problemstadtteil“ Neuperlach gelegene Michaelibad als Möglichkeitsraum gewaltfreier Verständigungsprozesse. Im Oderberger Bad, mitten im Berliner Prenzlauer Berg, verhandelte die Arbeit You Cannot Can die vielfältigen Ängste, die entstehen, wenn Menschen mit Wasser in Berührung kommen. Als hätte die in Montreal lebende Choreografin und Performerin Dana Michel die Auseinandersetzungen um das Volksbad bereits geahnt, geht es um die unter Menschen unterschiedlicher Hautfarbe ungleich verteilten Zugänge zu öffentlichen Bädern und Gewässern ebenso wie um die in afrodiasporischer Erinnerung als kollektives Trauma verankerte Geschichte von Wasser als Medium von Verschleppung und Versklavung.
Ein halbwegs funktionierender öffentlicher Diskurs hätte die Vielfalt dieser Projekte begrüßt und das Volksbad genau im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Positionen – die eine hoffnungsvoll, die andere skeptisch – lokalisiert. Vielleicht wäre auch gewürdigt worden, dass die neue künstlerische Leitung der Volksbühne nach zehn Jahren brutaler Grabenkämpfe um die künftige Linie des Theaters eine großzügige Einladung vor allem an die Nachbarschaft im restlos durchgentrifizierten Scheunenviertel ausgesprochen hat. Mit dem Volksbad wurde ein Dritter Raum zur Verfügung gestellt, ein Ort der Begegnung ohne Konsumzwang, in dem man sich gleichzeitig Erleichterung von schier endlosen Hitzewellen verschaffen und mit anderen Besucher*innen plaudern kann.
Die Treppenstufen der Volksbühne werden von Anrainer*innen, auch abseits der Vorstellungszeiten, seit jeher als Treffpunkt genutzt. Mit der Errichtung eines temporären Schwimmbads protestiert das Theater nach eigenem Bekunden symbolisch gegen den miserablen Zustand der öffentlichen Infrastruktur, die Abwesenheit von Sommerbädern im Stadtteil und wohl auch gegen die steigenden und für Geringverdiener*innen im Dauergebrauch unerschwinglichen Eintrittspreise in den existierenden Badeanstalten. Schon die Platzierung direkt vor dem Eingang macht deutlich, dass hier auch eine Grundfrage verhandelt wird, die über die Legitimität auch von Theatern mitentscheidet. Es geht um Formen und Formate, die Niedrigschwelligkeit herstellen können, und um die Zugänglichkeit von Kultureinrichtungen.
Noch vor Eröffnung heizte sich die Debatte über den von rechten Medien, aber auch von einigen seriöseren Publikationen geäußerten Vorwurf der „Steuermittelverschwendung“ auf. Als hätte jemand den Debattenkalender um Jahrzehnte zurückgedreht, fand sich die Öffentlichkeit in einer Diskussion um die Frage wieder, was noch als Theater, als künstlerische Handlung und daher als förderungswürdig zu gelten hat.
Selbst altgediente und erfahrene Kritiker*innen, nunmehr in fragwürdiger Gesellschaft, haben offenbar vergessen, dass die Volksbühne bereits zu Zeiten ihrer Neubegründung durch Intendant Frank Castorf und eben auch durch ihren damaligen Chefdramaturgen, einen gewissen Matthias Lilienthal, mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen – etwa von Christoph Schlingensief – oder mit in kulturell unterversorgten Außenbezirken angesiedelten Formaten wie der „Rollenden Roadshow“ von Chefbühnenbildner Bert Neumann für einen erweiterten Begriff von Theater gestritten hat. Auf diese Weise hat das Haus, nicht zu vergessen Matthias Lilienthals nachfolgende Pionierarbeit als Gründer und Intendant des HAU, maßgeblich zur Entwicklung eines neuen Verständnisses von Outreach beigetragen. Vermittlung versteht sich hier nicht allein als erläuternde Begleitung von Theaterinszenierungen, sondern als künstlerisches Werk in eigenem Recht.
Es entspricht genau diesem, mittlerweile in vielen Kultureinrichtungen durchgesetzten Vermittlungsansatz, dass auch im Volksbad eine Reihe von Zeitslots an zivilgesellschaftliche Vereine und Initiativen vergeben werden, die für den Besuch benachteiligter und stigmatisierter Bevölkerungsgruppen einen halbwegs geschützten Rahmen benötigen. Die mit dem Wort „Shitstorm“ nur unzureichend beschriebene Welle der Empörung, von Hass und Androhung manifester Gewalt ging erst über die Volksbühne nieder, als bekannt wurde, dass ein sechsstündiges Zeitfenster an den Verein Each One Teach One vergeben wurde. Es ging um einen unbeschwerten Nachmittag für Kinder und Jugendliche, die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft täglich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sind.
Matthias Lilienthal verweist mit vollem Recht auf die Tatsache, dass solche Maßnahmen in den Antidiskriminierungsrichtlinien des Landes Berlin ausdrücklich vorgesehen und im Alltag nicht nur von Kulturbetrieben in der Stadt längst eine Selbstverständlichkeit sind. In der Diskussion gänzlich unberücksichtigt bleibt, dass die dramaturgischen und kuratorischen Entscheidungen am Haus nicht von einem als geltungssüchtig und paternalistisch zu dämonisierenden Alleinherrscher getroffen werden, sondern in enger Kooperation mit einem – nunmehr – divers besetzten künstlerischen Leitungsteam.
Hinterher sind alle schlauer, vor allem die fast durchweg weißen Kommentator*innen, die das Desaster selbstverständlich vorhergesehen hätten, wären sie nur gefragt worden. Klar, es lässt sich immer darüber streiten, ob sich in einem so überdeterminierten und medial unter Beobachtung stehenden performativen Setting, mit dem Volksbad als temporärer Bühne, ein halbwegs sicherer Ort überhaupt herstellen lässt. Vielleicht hätte man auch ahnen können, dass diese Aufgabe im Vorfeld der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus noch schwieriger zu bewältigen sein würde, schon klar.
Selbst wenn alle Zeit und Raum gehabt hätten, im Vorfeld die Unwägbarkeiten und Risiken gründlicher abzuwägen, vielleicht sogar in dem Bemühen, es allen recht zu machen – was hätte das geändert? In aller Deutlichkeit ist sichtbar geworden, wie Rechte, die sich als „politische Mitte“, als Sprecher*innen des gesunden Menschenverstandes inszenieren, genauso wie die immer unverhohlener auch im Stadtteil Mitte sich zeigenden Faschist*innen keine Gelegenheit ungenutzt lassen, so ziemlich alles, wofür die Volksbühne mit ihrer ganzen Geschichte und hoffentlich auch in Zukunft stehen wird, zerstören und durch einen ganz anderen Kulturbegriff ersetzen möchten.
An dem Theater wird gerade ein Exempel statuiert. Die Grenzen dessen, was in einer Metropole wie Berlin noch möglich ist, werden auf vor nicht allzu langer Zeit unvorstellbare Weise neu gezogen. Nicht nur, dass es spätestens seit dem Anschlag auf den Berliner CSD mit Gefahren für Leben und Gesundheit verbunden ist, wenn sich strukturell benachteiligte Bevölkerungsgruppen in der Öffentlichkeit zeigen und sichtbar werden. Der Rahmen selbst, in dem über diese alarmierenden Entwicklungen gesprochen werden kann, steht im Begriff, zerstört zu werden.
In schwierigen und langwierigen Prozessen wird zu klären sein, in welchen Formen und Formaten sich das Recht auf Sichtbarkeit im öffentlichen Raum einerseits und auf Sicherheit andererseits künftig aufeinander beziehen lassen wird. Der Volksbühne und allen Kultureinrichtungen in diesem Land ist zu wünschen, dass sie vor allem eines sein und bleiben können: lernende Institutionen.
Christoph Gurk ist Dramaturg, Kurator, Autor und lebt in Berlin.
Hinweis zur Transparenz: Christoph Gurk ist momentan in einem anderen Projekt an der Volksbühne als Dramaturg engagiert und war beteiligt am Projekt „Pool People“ in München.
Image credit: Courtesy of Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Foto Bahar Kaygusuz