VALIE EXPORT (1940–2026) Von Silvia Eiblmayr
VALIE EXPORT
Einer der ersten Kurzfilme von VALIE EXPORT, Selbstporträt mit Kopf (1966–67), erscheint im Rückblick wie eine Initiation. Die Kamera zeigt sie mit bewegungslosem Gesicht, scheinbar schlafend, neben dem Kopf einer „klassischen“ weiblichen Statue. Mit ihrer perfekt ondulierten Lockenperücke wirkt sie fast wie ein Spiegelbild der steinernen Figur. Plötzlich ist nur sie im Bild, erwacht langsam und reißt die Augen groß auf, als sähe sie die Welt zum ersten Mal. Symbolisiert durch den Blick, markiert sie hier – auf ihr Werk vorausweisend – gleich mehrere Schnittstellen: zwischen Unbelebtem und Belebtem, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen statischer Skulptur und performativem Körper und, medial gesehen, zwischen Fotografie und Bewegtbild. Zur Entstehungszeit des Films eignet sie sich mit findigem popkünstlerischem Zugriff das Logo der damals beliebten Zigarettenmarke Smart Export an und macht daraus VALIE EXPORT. Ab Anfang der 1960er Jahre hatte sie in Wien Textilkunst studiert, ihr außerinstitutionelles Umfeld war jedoch schon damals die künstlerische und intellektuelle Neoavantgarde gewesen, die den beschränkenden geistig-kulturellen Konventionen des Nachkriegsösterreichs in Literatur, in bildender Kunst oder im Film radikal entgegengetreten war. Philosophie, Psychoanalyse, Linguistik, Soziologie, Anthropologie sowie Kunst-, Film- und Medientheorie werden außerhalb der Institutionen rezipiert. 1968 wird sie als einzige Frau Gründungsmitglied der Austrian Filmmakers Cooperative. Beim experimentellen Film, dem Expanded Cinema, setzt auch ihr konzeptuelles Denken an. Die damals von den Aktionisten vertretene Idee einer „direkten wirklichkeit“, die von ihnen körperlich jenseits des Bildes verortet wird, kontert sie mit ihrem Konzept der Split Reality, das die Wirklichkeit als grundsätzlich gespalten und medial vermittelt begreift – sei es durch die Sprache oder das Auge. Für die Medienkünstlerin, wie sie später genannt wird, ist der Körper demnach unhintergehbar kulturell wie sozial codiert und jeweils strukturellen Macht- und Gewaltsystemen unterworfen. Ihre subversive künstlerische Strategie besteht für sie dann darin, den „Apparat“, worunter sie die Gesamtheit der Funktionsweisen eines Repräsentationssystems versteht, zu zerlegen, um hierauf einzelne Funktionen mit dem Körper, zumeist ihrem eigenen, experimentell „kurzzuschließen“. Im „Apparat Kino“ kann sie dann Regisseurin, Filmdiva, Leinwand und Kino zugleich sein, wie zum Beispiel mit Tapp- und Tastkino (1968). In einer weiteren ikonisch gewordenen Arbeit, Aktionshose: Genitalpanik (1969), benutzt sie die Struktur des fotografischen Negativbildes; das tabuisierte Schamdreieck der Frau wird in der Umkehrung zum „Positiv“. Im Schock, in der Überrumpelung setzt sie jenen Erkenntnisprozess in Gang, der – wenn damals auch vielfach abgewehrt – die große emanzipatorische und befreiende Bedeutung ihrer Kunst ausmacht.
Als sehr genaue Analytikerin hatte VALIE EXPORT einen luziden Blick für soziale Bedingungen, für die Disziplinierungen und Ängste ebenso wie für die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen im Alltäglichen, insbesondere für die der Frauen. In diesem Sinn war sie eine Praktikerin, die von eigenen Erfahrungen ausging. Sie hatte zudem ein ausgeprägtes technisches Verständnis, das in ihren medienkritischen Arbeiten ganz spezifisch zum Tragen kam. Mit elf Jahren baute sie sich ihr eigenes Radio, um nicht länger die Musik ihrer älteren Schwestern hören zu müssen. Für die schematische Darstellung ihrer „Idee des polyphonen, intermedialen, expansiven Prozesses“, wie sie es nannte, verwandte sie vielfach das mathematische Millimeterpapier, auf dem sie die einzelnen, differenten, interagierenden inhaltlichen Komponenten in Beziehung zueinander setzte. Mit erfinderischem Scharfsinn erkannte sie früh die körperpolitischen Potenziale der jeweiligen Medien: Body Sign Action (1970), das tätowierte Strumpfband auf ihrer Haut, oder die Video-Plastik Split Reality (1970), wo sie selbst laut singt, während der Schlager des männlichen Weltstars (Frank Sinatras „Strangers in the Night“) unhörbar auf der Schallplatte läuft, nahmen künftige Massentrends der 1970er sowie späterer Jahre vorweg. Trends, die offenbarten, wie die Verführungsmacht der Medienindustrie die Menschen zwischen Selbstbehauptung und Unterwerfungsritual in ihren Bann zieht. Bei Tonfilm (1969) wird die mediale Gewalt mittels eines lichtempfindlichen, elektronischen Verstärkers direkt in die Stimmritze implantiert. Die Lautstärke der Stimme hängt vom Licht ab: Je heller es wird, desto lauter sind die Menschen gezwungen zu schreien, bei Dunkelheit bleiben sie stumm. Das Wutgeheul, das heute auf Social Media scheinbar direkt per Klick auslösbar ist, scheint darin bereits antizipiert. In der Live-Action the voice as performance, act and body (2007) führte VALIE EXPORT mit einer an ihre Stimmritze angeschlossenen Kamera ihr Sprechen innerhalb ihres Körpers vor – ein peinigender Prozess mit einem für die Augen und Ohren des Publikums quälenden, schwer zu ertragenden Effekt.
VALIE EXPORT war eine politische Künstlerin, die in Momenten des Schocks, des Schmerzes und der Scham das kollektiv Verdrängte öffentlich machte. Den weiblichen Körper bezeichnete sie als „ein eigenständiges Territorium, in dem sich sowohl die private als auch die öffentliche Sphäre überschneiden“. Zugleich unterlief sie aber auch seine ideologischen und normierenden geschlechtsspezifischen Zuschreibungen, wie in Identitätstransfer (1968), wo sie sich zwischen den vermeintlichen Polen von männlicher und weiblicher Geschlechteridentität inszenierte, oder in der notorisch gewordenen Aktion, in der sie einen Mann als Hund an der Leine durch die Wiener Innenstadt spazieren führte (Aus der Mappe der Hundigkeit, 1968). In ihren Spielfilmen experimentierte sie gewitzt mit dem Geschlechtertausch – zum Beispiel, indem sie die Hauptdarstellerin mit einer Männerstimme sprechen ließ oder sich aus ihrem Körperhaar einen Schnurrbart klebte – ohne dabei je das sozialpolitisch Prekäre der Lebenszusammenhänge ihrer Protagonistinnen aus dem Auge zu verlieren.
Unerwartet wurde VALIE EXPORT aus einem Leben gerissen, in dessen Verlauf sie mit Intensität und Leidenschaft zu den bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation wurde. Sie war eine mutige und kompromisslose, zugleich auch humorvolle Persönlichkeit, die sich nicht nur gegen das Patriarchat einer konservativen, vom Katholizismus und Nationalsozialismus geprägten Gesellschaft behauptete, sondern auch gegen jenes der avantgardistischen Männergruppen in ihrem direkten Umfeld. Sie war eine feministische Forscherin und Autorin, die ihr Projekt mit ihrem Einsatz für andere Künstlerinnen erweiterte, indem sie beispielsweise Ausstellungen organisierte, die eben politisch zuerst einmal durchgesetzt werden mussten. Sie war eine bedeutende Lehrende und wissenschaftliche Denkerin mit großem Einfluss auf jüngere Generationen. Das VALIE EXPORT Center in Linz, das sie mit Hilfe der Stadt, in der sie aufwuchs, begründet hat, ist seit neun Jahren der wichtigste Ort, an dem zu ihrem Werk geforscht wird. Nun wird die VALIE EXPORT Stiftung in Wien ihre Arbeit weiterführen und betreuen.
In ihrer 2024 entstandenen poetischen Arbeit Hautdialog fotografierte VALIE EXPORT ihren nackten Arm, angeschmiegt an eine eiserne Schlange am Fuß eines Denkmals. Die Schlange faszinierte sie, weil sie sich immer wieder häuten kann. Auf ihr Werk übertragen heißt das, dass es mit immer wieder neuen Augen gelesen werden und zu neuen Erkenntnissen beitragen kann. Zu ihrem Abschied hinterlässt sie der Nachwelt in ihrer Trauerkarte diese zwei handgeschriebenen Zeilen:
Silvia Eiblmayr ist Kunsthistorikerin und Kuratorin, sie lebt und arbeitet in Wien.
Image credit: © Sibylle Fendt/OSTKREUZ