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ANNELIE POHLEN (1944–2026) Von Yilmaz Dziewior

Annelie Pohlen, 2018

Annelie Pohlen, 2018

Wenn ich mich richtig erinnere, war Annelie Pohlen die erste Direktorin eines Kunstvereins, die ich kennenlernte. Das war Ende der 1980er Jahre. Ich studierte damals Kunstgeschichte in Bonn und hatte so gut wie keine Ahnung von zeitgenössischer Kunst. Freundinnen hatten mich zu einer Eröffnung in den Bonner Kunstverein mitgenommen, und ich fand es kurios, dass in unmittelbarer Nähe der Sozialwohnung, in der ich als Kind gelebt hatte, sich jetzt ein so interessanter Ort befand. Auch wenn ich nicht wirklich verstand, um was es dort ging, war ich angezogen von der Energie und der Ernsthaftigkeit, mit der Annelie Pohlen über aktuelle Kunst sprach. Diese zierliche, drahtige Person hatte eine unglaubliche Überzeugungskraft und schien genau zu wissen, wovon sie sprach. Außerdem war sie ziemlich stylish gekleidet; viel Jil Sander, aber das realisierte ich erst später.

Ich spürte auf jeden Fall, dass ich von dieser Frau lernen konnte, und retrospektiv weiß ich, dass sie nicht nur für mich, sondern für einige meiner Zeitgenoss*innen ein Rollenmodell war und immer noch ist. Vielleicht war es diese leise Vehemenz, mit der sie ihren Standpunkt vertrat, auf jeden Fall ihr großes Wissen über die aktuelle Kunst, was den Bonner Kunstverein für mich sehr attraktiv machte, sodass ich schon im August 1989 dort Mitglied wurde und es bis heute bin. Annelie Pohlen setzte diese Institution mit ihrem herausragenden Ausstellungsprogramm national und international auf die Landkarte. Sie war die erste hauptberufliche Direktorin dieses Kunstvereins, für den sie bereits seit 1980 immer wieder als freie Kuratorin tätig war und den sie von 1986 bis 2004 leitete. Mit der Einführung der ersten hauptamtlichen Leitung durch sie ging eine weitere Professionalisierung des Bonner Kunstvereins einher, da nicht nur der Zuschuss durch die Stadt erhöht, sondern auch der ehemalige Blumengroßmarkt zum attraktiven Ausstellungsort umgebaut wurde.

Zuvor hatte sie für lokale wie überregionale Tageszeitungen wie etwa den Bonner Generalanzeiger und die Süddeutsche Zeitung geschrieben und Beiträge für den Rundfunk, unter anderem für den ORF, verfasst. Beim KUNSTFORUM International war sie eine Zeit lang Redakteurin für die Rezensionen. Für das Magazin schrieb sie bereits seit 1978 Rezensionen, Kommentare, Gespräche und Monografien und gab verschiedene Themenbände heraus. Vor allem ihre internationale Vernetzung war für den Bonner Kunstverein von großem Vorteil, was sich auch in ihrer Tätigkeit für das New Yorker Magazin Artforum und den von 1981 bis 1986 verfassten Ausstellungsrezensionen und anderen Artikeln niederschlug. Parallel erschienen ihre Texte auch für die englische Ausgabe von Flash Art.

Es ist der großen Neugierde, Passion und Expertise von Annelie Pohlen zu verdanken, dass der Bonner Kunstverein seit den 1980er Jahren mit großen Einzelausstellungen international wahrgenommen wurde. Hierzu zählen die von Christa Näher (1983), Nancy Spero (1990), Annette Messager (1990), Ida Applebroog (1991), Kiki Smith (1992), Alighiero e Boetti (1992), Marlene Dumas (1993), Jean-Luc Vilmouth (1994), Charlotte Salomon (1995), Miriam Cahn (1996), Jochen Lempert (1997), Marie José Burki (1998), Patrick Van Caeckenbergh (1999), Olaf Nicolai (2000), Eran Schaerf (2002) und Mark Dion (2003). Oft waren es die ersten Einzelausstellungen der Künstler*innen in Europa, und es fällt auf, dass besonders viele Künstlerinnen hier ihre Karrieren begannen, was für eine Zeit, in der nach wie vor Männer die Kunst dominierten, noch untypisch war.

Auch einige der thematischen Ausstellungen von Annelie Pohlen sind mir bis heute lebhaft in Erinnerung. So etwa „Die Große Oper, oder die Sehnsucht nach dem Erhabenen“ von 1988, in der sie mit opulenten Werken von Bernhard Prinz, Lili Dujourie und Luigi Ontani Themen wie Theatralität, Inszenierung und Erhabenheit vor dem Hintergrund der Postmoderne anschaulich verhandelte. Zu ihren anrührendsten Gruppenausstellungen zählt „Über-Leben“ von 1993, mit der sie sicher auch den viel zu frühen Tod ihres Sohnes reflektierte. Dabei war die Ausstellung allgemeingültiger als ihr persönliches Schicksal, denn es ging um ganz konkrete Bedingungen des Lebens, die gesellschaftliche und politische Gefährdung etwa durch die AIDS-Krise, um Gewalt und Missbrauch, und es ging um den Körper als verletzlichen Ort. Vor dem theoretischen Hintergrund waren die Arbeiten von Dumas, Nan Goldin, Mike Kelley und Lorna Simpson, um nur einige zu nennen, abstrakte Memento mori und konkrete Zeitzeugnisse zugleich.

Nach fast zwanzig Jahren endete die Direktion von Annelie Pohlen am Bonner Kunstverein 2004. Gleichwohl blieb sie der Institution bis zum Schluss treu verbunden, und man konnte sicher sein, sie auf fast jeder Eröffnung zu treffen. Von da an setzte sie ihre freie Arbeit fort, schrieb Katalogtexte und Ausstellungskritiken und engagierte sich in Hochschulkommissionen und Jurys.

Vor fünf Jahren schenkte Annelie Pohlen dem Museum Ludwig siebzehn Werke aus ihrer privaten Sammlung. Das Konvolut stammt vor allem aus den 1990er Jahren. Es umfasst damals schon etablierte malerische Positionen wie die von den bereits genannten Applebroog, Cahn, Näher sowie Erik Bulatow, Ilja Kabakow, Sigmar Polke und Gerhard Richter ebenso wie konzeptionelle (fotografische) Werke von Boetti, Lempert, Messager sowie Matti Braun, Jürgen Stollhans, Wolfgang Tillmans und Lois Weinberger.

„Ich verstehe mich nicht als Sammlerin im konventionellen Sinne. Die Werke, die ich dem Museum Ludwig übergebe, sind die Fortsetzung des intensiven Dialogs mit Künstler*innen, der meine Tätigkeit als Vermittlerin seit den Anfängen in den 70er Jahren geprägt hat“, so Annelie Pohlen über die Schenkung.

„Die Werke spiegeln meine Überzeugung von der Dringlichkeit des Engagements für die aktuelle Kunst. Es sind gewissermaßen Zeugen meines auch mich selbst intellektuell wie emotional bereichernden Einsatzes, als Kritikerin und als Ausstellungsmacherin, insbesondere auch als Direktorin des Bonner Kunstvereins. Ich freue mich sehr, dass die Arbeiten aus meiner ‚Sammlung‘ nun im Museum Ludwig einen angemessenen und von den Künstlerinnen und Künstlern hoch geschätzten Ort und Kontext finden.“

Mit unbestechlichem und kritischem Blick wählte Annelie Pohlen für ihre Schenkungen, mit denen sie auch das Bonner Kunstmuseum und das Museum Abteiberg in Mönchengladbach bedachte, jene Positionen aus, die sich als eigenständig und eigenwillig bewährt hatten.

Es war typisch für Annelie Pohlen, dass sie kein großes Aufheben um ihre Schenkungen machte und keine gesonderte Präsentation oder Publikation wollte, die diese zusammenfasste. Sie freute sich vielmehr, wenn sie sah, wie „ihre“ Bilder von Boetti oder Cahn ganz selbstverständlich in die Sammlung des Museums integriert wurden. So ging es ihr immer um die Sache. Ihre direkte Art, mit der sie unbestechlich ihre Meinung artikulierte, wird sehr fehlen!

Yilmaz Dziewior ist seit 2015 Direktor des Museums Ludwig in Köln.

Image credit: Courtesy of Museum Abteiberg Mönchengladbach, photo Uwe Riedel