Daniel Richter
Untitled (2026)
Daniel Richter ist bekannt für den Übergang zwischen abstrakter und figurativer Malerei innerhalb einzelner Bilder ebenso wie für das Überwiegen der einen oder anderen in unterschiedlichen Werkphasen. Für seine vierte Edition für TEXTE ZUR KUNST wählte er ein für diesen Aspekt seines Schaffens exemplarisches Motiv. Schauplatz der Szene ist eine Waldlandschaft aus gestisch aufgetragener blauer und grüner Farbe. Am Rande der sandigen Lichtung wohnt der*die Betrachter*in der Begegnung zwischen zwei schemenhaft dargestellten Personen bei. In der Bildmitte räkelt sich eine entblößte Figur, während eine zweite, in ein rötliches Gewand gekleidete von links hinzutritt. Legen die männlich dominierten Blickachsen der Kunstgeschichte zunächst die Vermutung nahe, dem Blick eines Voyeurs auf einen weiblichen Akt zu folgen, zeigt sich bald, dass hier die Rollen vertauscht sind. Der Nackte erfreut sich nicht selbstvergessen an der Natur, sondern, die Beine ekstatisch über den Kopf geworfen, an sich selbst. Formal steht der gestisch-motorische Genuss des Malakts in einem Spannungsverhältnis zu einem individualisierten, existenziellen Ringen um Körper und Form, das an Francis Bacon denken lässt.Das auf eine unbetitelte, mittelformatige Malerei von 2013 zurückgehende Sujet wird zu einem Kippbild, das zwischen der Idylle einer impressionistischen Landschaft und dem autoerotischen Lustgewinn in deren Mitte changiert. Das „gefährliche Supplement“, das als Täuschung der Natur anstelle von deren Unmittelbarkeit tritt – um es mit Jacques Derridas Lektüre von Jean-Jacques Rousseau auf den Begriff zu bringen –, wird zu einem Scharnier, das es Richter ermöglicht, in diesem Bild gleichzeitig positive und negative Erwartungen der Betrachter*innen zu bedienen.