NATURALISIERTE GESCHICHTE? Veronika Rudorfer über „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ im Deutschen Historischen Museum (DHM), Berlin
„Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“, Deutsches Historisches Museum, Berlin, 2025–26
Eine historiografische Analyse des Naturbegriffs in einem Untersuchungszeitraum vom Frühmittelalter bis ins geteilte Deutschland der 1970er Jahre, die sich spezifisch auf eine titelgebende deutsche Geschichte fokussiert, wirft zuvorderst die Frage auf, was das Attribut deutsch in diesen rund 800 Jahren zu umfassen habe: Entsprechend erscheint eine Differenzierung jener politischen, territorialen, ökonomischen und nicht zuletzt epistemologischen Bedingtheiten, wie sie in den unterschiedlichen Staats- oder Bündnisformen – etwa im Heiligen Römischen Reich (Deutscher Nation), im nationalsozialistischen Deutschen Reich, in der BRD oder der DDR – angelegt waren, für eine produktive Untersuchung jener zutiefst ideologisierten Relation von Staat(en) und Natur grundlegend. Die Ausstellung allerdings subsumiert diese Kontexte schlicht unter dem Titel „deutsche Geschichte“. Ausgehend von dieser Setzung werden die wechselnden Bedeutungsgehalte von Natur ebenso wie die jeweilige Definitionsmacht (und deren Konsequenzen) in einem materialreichen chronologischen Parcours entlang der fünf historischen Epochen Mittelalter, Frühe Neuzeit, Industrialisierung, Nationalsozialismus und Geteiltes Deutschland exemplifiziert. Dies geschieht anhand von insgesamt 22 Fallstudien – die Kuratorin Julia Voss spricht in ihrem Einführungstext von Fenstern. Mit Blick auf diese Strukturierung bleibt offen, weshalb ein derart aktueller und keineswegs abgeschlossener Themenkomplex – als Stichworte seien die rasant fortschreitende Erderwärmung oder auch die gegenwärtigen und insbesondere in Deutschland intensiv in der Geschichte fundierten politischen Vereinnahmungen von Diskursen zu Natur und Natürlichkeit von rechts bis rechts außen genannt – in der Ausstellung strikt aus historischer Distanz untersucht und Bezüge zur Gegenwart darin allenfalls implizit angelegt werden: So verhandelt das abschließende Kapitel zu Naturbegriffen in BRD und DDR unter anderem die Formierung von Umweltschutz- und Anti-Atomkraft-Bewegungen in den 1970er Jahren, bleibt damit aber auf dem sicheren Terrain des Vergangenen.
Dem didaktischen und stellenweise anekdotischen Charakter dieses kuratorischen Konzepts entsprechend sind den Fallstudien jeweils ein Tier oder eine Pflanze als Leitmotiv vorangestellt. So werden etwa die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges durch einen taxidermierten Wolf allegorisiert, der zugleich als Sujet für das Ausstellungsplakat dient. Dieser illustrative, mitunter auch beliebige Gehalt mancher Exponate – so stammt der gezeigte Wolf beispielsweise nicht historisch korrespondierend aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, sondern wurde 2012 auf einer Autobahn bei Magdeburg überfahren – mindert die argumentative Stringenz der Ausstellung. Die Ambivalenzen eines solchen kuratorischen Modus des Zeigens werden spätestens bei der Überlegung offenbar, was die Ausstellung inhaltlich verlöre, würde der spezifische Wolf darin nicht präsentiert.
Die Fenster selbst verhandeln der ideengeschichtlichen Prämisse gemäß teils naheliegende historische Evidenzen, etwa die ideologisch-politischen Aufladungen des Waldes durch die deutsche Nationalbewegung im 19. Jahrhundert und entsprechende identitätskonstituierende Diskurse. Diesem Komplex widmete das DHM bereits 2011 die aufschlussreiche Ausstellung „Unter Bäumen: Die Deutschen und der Wald“. [1] So wird in dem entsprechenden Fenster der Rückbezug auf ein vermeintlich natürliches germanisches Volk als Mittel zur Konstruktion eines nationalen Ursprungsmythos offengelegt: In der antiken Literatur, etwa bei Tacitus, fungierte „Germanen“ vielmehr als Sammelbezeichnung und nicht als Fassung eines genuinen Volkes. Voss verbindet in der Ausstellung Arminius’ Sieg über die römischen Legionen in der Varusschlacht luzide mit der reformatorischen Umdeutung des Cheruskerfürsten Arminius in den deutschen Helden Hermann, der sich dem römischen Primat widersetzte.
Jacobus Houbraken (nach Georg Gsell), „Bildnis Maria Sibylla Merian“, um 1717/18
In ihren globalen Auswirkungen überraschend bis schmerzlich gegenwärtig muten historische Konstellationen wie der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa 1815 und das darauffolgende „Jahr ohne Sommer“ an, das in Europa von Ernteausfällen und Hungerkrisen geprägt war. Die Ausstellung führt hier auch die als Hep-Hep-Krawalle bezeichneten antisemitischen Ausschreitungen gegen sogenannte „Kornjuden“ in Städten wie Würzburg, Frankfurt/M. oder Hamburg im Jahr 1819 als mittelbare Folge des Vulkanausbruchs an. Oftmals als Übergang von einem religiösen zu einem politischen Antisemitismus beschrieben, macht die Ausstellung deutlich, dass die Verteuerung von Getreide lediglich als vorgebliche Motivation für die Gewalteskalation diente; deren eigentliches Agens war vielmehr der Widerstand gegen die gesetzliche Emanzipation der jüdischen Teile der Bevölkerung. [2]
Dass sich die Ausstellung nicht auf diskursiv simplifizierende Dichotomien wie Natur und Kultur oder Natürlichkeit und Zivilisation beschränkt und ihre Analysen auch nicht bloß als Prozess einer zunehmenden Zerstörung der Natur durch den Menschen anlegt, zeigt sich an Beispielen, die die dynamisch-wechselvollen Relationen zwischen Natur und Mensch veranschaulichen: So wird etwa die über Jahrhunderte funktionierende Allmende-Bewirtschaftung der Fischbestände des Bodensees im Spätmittelalter präzise beschrieben, die durch detaillierte rechtliche Vorgaben eine Überfischung vermied und das Ökosystem des Sees intakt ließ.
Positiv hervorzuheben ist zudem der kuratorische Fokus auf Frauen als aktive historische Protagonistinnen in den jeweiligen Fassungen der Naturkonzeptionen. Dieser widerspricht nachdrücklich der vermeintlichen Passivität, wie sie in der häufig erfolgten Gleichsetzung eines nicht näher definierten „Weiblichen“ mit Natur angelegt war: so etwa auf die Benediktinerin Hildegard von Bingen, die für die Veröffentlichung ihrer naturtheologischen Schrift Scivias die Erlaubnis des Papstes erhielt; auf Maria Sibylla Merian, deren Synthese aus wissenschaftlicher und künstlerischer Auseinandersetzung mit Flora und Fauna sowohl die Gründung einer Malschule in Nürnberg als auch einen Forschungsaufenthalt in Suriname miteinschloss; auf die Sozialaktivistin Lina Morgenstern, die als Mitbegründerin des Frauenvereins zur Beförderung Fröbel’scher Kindergärten 1860 die Aufhebung des preußischen Kindergartenverbots erwirkte; oder auf Lotte Laserstein, die in ihrem Gemälde Am Motorrad (1929) ein eindrückliches Bild der Verschmelzung von Mensch und Maschine schuf.
Jedoch bleiben mögliche Bezüge zur Gegenwart wie auch epochenübergreifende Querverbindungen zwischen den Fallstudien überwiegend den Besucher*innen überlassen – so etwa von Ernst Haeckels (sozial-)darwinistischer, rassistischer und antisemitischer Klassifizierung der Menschen in zwölf „Rassen“ und den damit verbundenen Kampf- und Kriegsmetaphern in seinen Schriften über Waldemar Bonsels’ Biene Maja und ihre Abenteuer (1912), die als Parabel auf den (dezidiert nationalistischen) Kampf von Gut gegen Böse gelesen werden kann, bis hin zum nationalsozialistischen Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre (1935). [3] Damit entsteht eher ein Mosaik aus anekdotischen historischen Evidenzen rund um Fassungen des Naturbegriffs als eine thesengeleitete Ausstellung. Diese Problematik verstärkt sich zusätzlich durch die unausgewogene inhaltliche Gewichtung der fünf Kapitel: Während jenes zur Frühen Neuzeit sechs Fallstudien umfasst, wird die Kolonialherrschaft des Deutschen Kaiserreichs innerhalb des Kapitels zur Industrialisierung lediglich in einer knappen Fallstudie zur Forstwirtschaft im sogenannten Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika behandelt. Dies wird vor allem anhand von Carl Georg Schillings’ Publikation Mit Blitzlicht und Büchse zur Großwildjagd oder Moritz Büsgens Ausführungen zum „Kolonialwald“ in seinem Standardwerk Der Deutsche Wald exemplifiziert. Bis in die Gegenwart fortwirkende Themenkomplexe wie der Maji-Maji-Krieg sowie die bis heute andauernde Suche nach dem Schädel Songea Lwafu Mbanos, der 1906 als Widerstandskämpfer von deutschen Kolonialtruppen erhängt und enthauptet wurde, finden in der Ausstellung nur eine kurze Erwähnung, was mit Blick auf aktuelle Diskurse, etwa zur Restitution menschlicher Überreste, verkürzt wirkt. [4] Gleichermaßen verwundert der Umfang des Kapitels zum Nationalsozialismus: In lediglich zwei Fallstudien – zum nationalsozialistischen Reichsnaturschutzgesetz und dessen praktischer Anwendung sowie zur von nationalsozialistischer Rassenlehre geprägten Forschung des in Auschwitz stationierten Waffen-SS-Mitglieds Günther Niethammer, der seine Karriere als Ornithologe nach kurzer Haft nahezu nahtlos in der BRD fortsetzen konnte – werden für die nationalsozialistische Ideologie grundlegende und politisch wirksame Paradigmen zur Legitimierung von Gewalt, wie jene einer deutschen Natur oder eines „Volkskörpers“, nur gestreift. [5]
Trotz des letztlich kaum zu bewältigenden Umfangs der Themensetzung wie auch des Untersuchungszeitraums gelingt der Ausstellung in rund 250 Exponaten ein weitgehend überzeugender, in jedem Fall jedoch kenntnisreicher Umgang mit dem präsentierten Material. Für die stellenweise historisch unpräzise ausgewählten Exponate, die überwiegend aus den Sammlungsbeständen des DHMs stammen, liegt – neben der im Pressetext betonten Nachhaltigkeit des Leihverkehrs – auch der aktuelle kulturpolitische Spardruck als zumindest gleichwertiges Motiv nahe. Schwer nachvollziehbar bleibt jedoch die Gewichtung der verhandelten historischen Epochen ebenso wie die Entscheidung, die Bedeutungsgehalte von Natur auf sicherer historischer Distanz zu halten.
„Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“, Deutsches Historisches Museum, 14. November 2025 bis 7. Juni 2026.
Veronika Rudorfer ist promovierte Kunsthistorikerin und arbeitet als Kuratorin, Kunstkritikerin und Lehrende für moderne und zeitgenössische Kunst in Berlin und Wien. Sie kuratierte unter anderem die Ausstellungen „David Hockney. INSIGHTS“ und „Daniel Spoerri“ am Kunstforum Wien sowie „Heinz Berggruen. Un marchand et sa collection“ am Musée de l’Orangerie, Paris. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf konzeptuellen und institutionskritischen Praxen sowie den Relationen von Kunst, Geschichte und Historiografie.
Image credit: 1. © Deutsches Historisches Museum, 2. Courtesy of Städel Museum, 1. photo Sandra Kühnapfel
Anmerkungen
| [1] | Siehe dazu Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald, hrsg. von Ursula Breymayer/Bernd Ulrich, Ausst.-Kat., Deutsches Historisches Museum, Berlin/Dresden, 2011. |
| [2] | Siehe hierzu etwa Eleonore Sterling, Judenhaß. Die Anfänge des politischen Antisemitismus in Deutschland (1815–1850), Frankfurt/M. 1969, insbes. S. 162–165. |
| [3] | Insbesondere kenntnisreich setzt sich Voss in der Ausstellung mit den konstitutiven Relationen zwischen Bild und evolutionstheoretischen Konzeptionen auseinander, siehe dazu initial Julia Voss, Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837–1874, Frankfurt/M. 2007. |
| [4] | Siehe dazu den Film Das leere Grab (Deutschland/Tansania 2024) von Agnes Lisa Wegner/Cece Mlay. |
| [5] | Der Katalog zur Ausstellung geht detaillierter auf diese Themenkomplexe ein, siehe Natur und deutsche Geschichte. Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht, hrsg. von Raphael Gross/Julia Voss, Ausst.-Kat., Deutsches Historisches Museum, Berlin, 2025, insbes. S. 168–189. |