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JÜRGEN HABERMAS (1929–2026) Von Christoph Menke

Jürgen Habermas, 2008

Jürgen Habermas, 2008

Jürgen Habermas’ letztes großes Buch, Auch eine Geschichte der Philosophie, entfaltet ein gedankliches Motiv, von dem sich im Rückblick erkennen lässt, dass es für sein Werk im Ganzen, von Beginn an, grundlegend gewesen ist. Es ist das Motiv, das ihn, vorbereitet durch seine Dissertation über Schelling, von Bonn nach Frankfurt gebracht hat – von einer Welt philosophischen Denkens (und politisch-kultureller Überzeugungen) zur entgegengesetzten. In Frankfurter Diktion lautet das Gedankenmotiv: Eingedenken der Natur im Subjekt. Darum geht es in beiden Welten, aber jeweils ganz anders. In der einen philosophischen Welt ist dies das Argument der Unfreiheit, des Schicksals, in der anderen die Form der Freiheit.

Der Natur im Subjekt einzudenken heißt, das Subjekt, seine Vernunft und seine Sprache, naturgeschichtlich zu verstehen. Das Subjekt muss von der Menschwerdung her begriffen werden: von jenem Prozess her, in dem Vernunft und Sprache in und aus der natürlichen Ordnung entstanden sind. In diesem Programm besteht Habermas’ Materialismus. Wie Marx erklärt Habermas die Vernunft aus der Praxis, die er jedoch, anders als Marx, als doppelte – als Arbeit und Interaktion – versteht.

Vor allem aber fragt Habermas, darin wie Adorno, was es für das Subjekt bedeutet, sich selbst als „ein Stück Natur“ zu verstehen. Die Menschwerdung ist für Habermas in letzter Konsequenz kein Gegenstand des Wissens. Sicherlich: Alles, was wir darüber durch die Forschung wissen, hat Habermas interessiert, er hat es rezipiert und systematisiert. Aber entscheidend ist für ihn, dass das Gedächtnis der Menschwerdung bereits vor allem positiven Wissen und über es hinaus praktiziert wird. Das, so zeigt Habermas in seinem letzten Buch, geschieht im Ritual. Denn das Ritual wiederholt erinnernd die Menschwerdung gerade in ihrer Unbegreiflichkeit.

Damit gibt Habermas dem Ritual eine Deutung, die radikal mit jedem Archaismus bricht, der im Ritual eine Beschwörung der Ursprünge, eine rückwirkende Beglaubigung ihrer Autorität sehen will. In Habermas’ Deutung leistet das Ritual, was Adorno der Kunst zusprach; Habermas’ Theorie des Rituals ist, in Adornos Sinn, eine ästhetische Theorie. Das Ritual erinnert, indem es den Anfang, nicht den Ursprung, wiederholt; im Ritual gelangt zur Erfahrung, dass mit dem Menschen das radikal Neue in die Welt kam.

Habermas’ Deutung des Rituals ist augustinisch. Der Mensch, schreibt Augustinus im Gottesstaat, wurde geschaffen, um den mythischen Kreislauf der Zeit zu durchbrechen; das Werden des Menschen ist der Anfang – der Anfang des Anfangens, der Geschichte. Diesen Anfang, der der Mensch ist, erinnert und wiederholt nach Habermas das Ritual. Damit zeigt sich, worum es ihm im Eingedenken der Natur im Subjekt geht. Es geht nicht darum, das Subjekt als natürlich bestimmt und begrenzt zu behaupten. Es geht im Gegenteil darum, dass das Subjekt in der eingedenkenden Wiederholung seines Anfangs die Kraft gewinnt, selbst neu anzufangen. Das Eingedenken richtet sich nach vorn.

Christoph Menke ist pensionierter Professor für Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Letzte Buchveröffentlichung: Theorie der Befreiung (Suhrkamp, 2022).

Image credit: Photo Wolfram Huke