Niemand muß schöne Worte benutzen

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NIEMAND MUSS SCHÖNE WORTE BENUTZEN

10.04-14.06.2009 / Katharina Grosse / Shadowbox / Temporäre Kunsthalle Berlin

Katharina Grosse ist schon länger in Sachen Ehrenrettung rein abstrakter Malerei unterwegs. Und das recht erfolgreich. Warum man sich unbedingt einen so schwierigen Job aussuchen muss, ist eine andere Frage. Echte Abstraktion macht mich schon länger ratlos. Innerhalb solch vermeintlich recht strikten Eckdaten gelingt ihr das mittels einer Mischung aus raumgreifender Architekturattacke und befreit verwaschenen Graffitianklängen. Sie selbst spricht von Möglichkeitsräumen. Niemand muss schöne Wörter benutzen. Auch wenn auf der Eröffnung die meisten Stimmen eher von horizontalen Ostereiern, Farbraummuzak bis hin zu ‚keine echte Abstraktion' reichten, ist hier auf alle Fälle die bislang eindrucksvollste Präsentation in der temporären Kunsthalle gelungen. Das mögliche Potential von falscher Abstraktion klingt eigentlich sehr verlockend. Überraschungsmoment der Show ist Grosses Verzicht auf entgrenzte Wandmalerei sowie sonstig besprühtes Mobiliar und Objekten. Die Ausstellung geht eher in umgekehrter Logik vor. Es gibt wieder ein hermetisch definierten Bildraum in Form besagter leicht gewölbten Elipsen. Vier Stück jeweils circa acht Meter hoch, leicht schräg an die Wand gelehnt. Diese Bildfläche ist aber meist großzügig punktuell durchlocht und/oder durch simpel grafische Aussparungen von außen her deutlich unterminiert bzw. aufgelöst. Könnte gut sein, dass mit „Shadowbox" ein neuer Abschnitt in Katharina Grosses stringenter künstlerischer Arbeitsweise begonnen hat.

 

27.03-26.04.2009 / Ode an die Zweifel / Irene Hug, Margareth Kammerer, Tatjana Turanskyj, Claudia Zweifel / Gmür - Christburger Strasse 29 10405 Berlin

Der Pixel in der Malerei als medialer Hoffnungsträger hat seine Potential vermutlich noch nicht annähernd ausgeschöpft. Auf alle Fälle ist da eine Nische mit Platz, auch weil sie eher noch nicht mal als solche definiert ist. Aus dem Kurzzeitgedächtnis purzeln auf Anhieb wenige Namen wie Markus Selg, Michel Hakimi und mit Einschränkung Albert Oehlen heraus. Die Vorteile digitaler Pinselkraft liegen bedingt offen auf der Hand: verwirrende Umkrempelung des herkömmlichen Malprozesses, keine Unikatsprobleme und nie wieder schmutzige Finger und keine Ölfarbe auf dem Pausenbrot. Nachteile? Natürlich überhaupt keine. Kompletter Verzicht auf einen wesentlichen Trumpf real bemalter Oberflächen: die überaus prägnante Körperhaftigkeit. Etwas, das jeder digital eingeschmolzenen Bildanmutung stets schmerzlich abgeht. Lass zum Beispiel ein Stück echte Menschenhaut aus nächster Nähe auf der Ntzhaut zergehen und versuch dann dasselbe mit einem Foto oder per Flatscreen; hier kommt eine beträchtliche einschneidende Differenz zum Tragen, die sich leider sprachlicher Beschreibungskraft diskret entzieht. Wirkliches Seherlebnis und digitaler Beschreibungsmodus sind in etwa auch die Kontrastpärchen, wobei analoge Malerei das wahrhaftige Seherlebnis ebenfalls nur vorgaukelt. Zumindest aber lockt an der Eingangsschneise ins Blickfeld reale Oberflächenspannung.

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Claudia Zweifel / Bamboo.tif  /  6101 x 7795 Pixel / 2009

Von Claudia Zweifel waren bei Maurus Gmür eine Art Sortiment digitaler Peinture zu sehen, weitgehend abstrakt ausformuliert. Mit Ausnahme eines Art Referenzbildes in fotorealistischer Manier, aber ebenfalls digital hergestellt. In Erwartung echter analoger Malerei kann das erst mal leicht irritieren. Nach einer Weile fühlte man sich in dieser Unbequemlichkeit ganz gut aufgehoben. Ach so, der Teppich, wo man steht, ist zwar gar kein Teppich, aber dafür eine Art Rettungsboot. Ihr abstraktes Bildvokabular erscheint nicht unbekannt, ist aber auch nicht von der unangenehmsten Art. Spricht nichts dagegen, das noch mal durchzuinszenieren. Hier ist ja schon länger eine Parallele zum Opernrepertoire augenfällig. Vielleicht ist da doch die Ursuppe allen menschlichen Formungswillens versteckt. Am Computer entstandene Arbeiten qualifizieren sich mutmaßlich noch mehr durch gezielte Unterlassungen. Was man alles in dem Filter- und Effektdschungel tunlichst nicht gemacht hat. Sowie die totale Entscheidungsreversibilität eben. Das abstrakte Kunstangebote kaum mit konkreter Bedeutung belästigen können, kann auch ein Vorteil sein. Claudia Zweifel geht auch ohnehin doppelbödiger vor. Insbesondere, wenn einige der Digitalausdrucke trompe l´oeil-artige Fensterrahmen aufweisen, die wie frisch eingescannt ausschauen, bei näherem Hinschauen jedoch ebenfalls ihre gepixelte Entstehungsweise preisgeben. Hier sind dann wie im Pflichtenheft die Abbildungsgrade eins bis drei im Spiel.

Die Ausstellung „Ode an die Zweifel" war darüber hinaus als untypische Gruppenausstellung inszeniert: Der Künstlerin im Zentrum der Show arbeiteten alle übrigen Ausstellungsteilnehmerinnen unterstützerartig zu. Ein hymnisches Textkonvolut von Tatjana Turanskyj schlug pamphlet-artige Töne an, ohne bestgemeinte Peinlichkeiten zu scheuen. "Echt und authentisch muss es sein. Aber nie gefährlich. Gefährich das sind allein die Zweifel." Als weiterer Flankierungsmoment fungierten ladenschilderartige Sloganbilder („Die Eingeweihten grüßen Dich") von Irene Hug. Zum Abschluss der Ausstellung gab es eine Performance von Margareth Kammerer. Ich war leider nicht da.

 

RENEGNADÉ

28.02.- 25.04.2006 / George Grosz / The Years in America 1933 - 1958 / Nolan Judin Berlin

Eigentlich komisch, dass es immer noch keine große Übersichtsshow gab mit allen versammelten Verräter und temporären Abtrünnigen der Moderne: Picabia, Magritte, Guston, Lichtenstein (m.E.), de Kooning (m.E.), Malcolm Morley, Alice Neel, Stella, Buffet... wer fehlt noch? Würde ich mir gern anschauen. Gerhard Richter hat seine präzis geplante Aussetzerphase bestimmt schon längst abholbereit rumstehn, obwohl dieser Werkabschnitt nicht so einfach zu konfigurieren sein dürfte, wenn man so im diametralen Sortiment arbeitet.

George Grosz wäre freilich nur bedingt ein typischer Ausstellungsteilnehmer eines solchen Renegaten-Schaulaufens. Kennzeichnen seine späten Arbeiten doch nur eine leicht entglittene Kontinuität seines markanten Frühwerkes. Vielleicht mal ausgenommen seine „Stickmen", die als eine debil-furiose Version des Menschheitsthemas 'Strichmännchen' immer wieder neu überraschen. Je älter, umso zeitgenössischer, wenn das noch ein Vorteil ist.

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George Grosz / Der graue Mann tanzt / 1949

In der Berliner Galerie Nolan Judin gab es eine kleine exquisite Übersicht von George Grosz Spätwerk zu bewundern. Absolute Museumsqualität, mal angenommen es gebe so einen hehren definierten Standard. Weiter auch erstaunlich, wie viele seiner prägnanten Spätwerke mit Stellenwert erhältlich waren und das auch noch in fast beschämend günstigen Preislagen. Vielleicht ist das inzwischen einer Institution vor Ort auch schon aufgefallen und die Berlinische Galerie hat ihre Portokasse mal vorbeigeschickt.

Zu George Grosz Spätwerk wird immer gelangweilt krittelnd angemerkt, puuh, kein Biss, kein Saft mehr. Amerika hat ihn geschafft oder typisch entkerntes Exilantenschicksal halt. Falls es überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Diese Ausstellung zeigt zum ersten Mal überhaupt sein Spätwerk im Überblick. Nimm dem Agitateur sein feindliches Gegenüber, und er wird zum Lämmchen, das an seiner schrumpfenden Zunge erstickt. Abgesehen von einer deutlich reduzierten eher sporadischen Produktivität, ist Grosz' gnadenlose Desillusionierung erschütternd, die einen aus all diesen späten Bildern anspringt. Die Menschheit hat gerade den letzten Bissen ihrer selbst zu sich genommen. Ach, das waren nur die vierziger, fünfziger Jahre. So riechen echte Kannibalismusrülpser. Leicht angegriffen schleicht man aus der Ausstellung, in der Hoffnung, das waren alles nur Spätschäden einer typischen Promille-Depression. Die psychotisierende Wirkung von Alkohol wird deutlich unterschätzt.