Nuancen von „Nein“ Hanna Fiegenbaum über „Luci Lippard“

Performance und Sprachhandlungen spielen auch in unserer kommenden Ausgabe von Texte zur Kunst zur „Performance Evaluation“ eine Rolle. Hier betrachtet Hanna Fiegenbaum für uns Gleichklang und Bedeutungsverschiebung im Werk von „Luci Lippard“. Der Austausch nur eines Buchstabens ändert alles: Es geht um die Band, nicht um die Autorin.

Wäre „Luci Lippard“ ein Wort und kein Name, wäre es ein Fall, an dem Derrida die „différance“ nochmals erläutern könnte. Die Ausdrücke „Lucy Lippard“ und „Luci Lippard“ sind sich phonetisch gleich. Auf der Ebene der Schrift und jener des Gebrauchs lässt sich jedoch die Unterscheidung zwischen zwei Namen machen, die auf verschiedene Personen referieren. Der Name „Lucy Lippard“ verweist auf eine US-Amerikanische Kunst-Kritikerin und Autorin in New York. „Luci Lippard“ hingegen nennen Lucinda „Luci“ Dayhew und Hanne Lippard, beide Künstlerinnen in Berlin, ihr gemeinsames Performance-Projekt. Dessen Name „Luci Lippard“ ist zugleich Schlüssel eines Verfahrens, das in den Texten Hanne Lippards immer wieder eingesetzt wird, um neue Gefüge aus Langue, der konventionellen Wortbedeutung, und Parole, dem individuellen Sprechakt, zu stiften: Zwei phonetisch ähnliche Ausdrücke werden direkt nacheinander ausgesprochen, ihr semantischer Unterschied dabei erzeugt und betont.

Bei ihrem Auftritt in der Babes Bar im März 2018 trägt Lippard Texte aus ihrem Buch „Nuances of No“ (2013) vor. So im Text vorhanden, personifiziert sie, mit Mikrofon auf der Bühne stehend, dessen Sprecherin, während Luci Dayhew sie am Schlagzeug oder mit einer Soundmachine begleitet. Die Art der Aufführung ist ganz dem schlüssigen Aufruf der in den Texten vorhandenen Sprachspiele und Sprecherpersonen gewidmet. Sprache wird darin zum Klangmaterial, gegenüber dem sich Lippard als kompetente Sprach-Verwenderin mit Verwunderung positioniert: Wie kann es sein, dass zwei Ausdrücke, die in ihrer Bedeutung scheinbar weit auseinanderliegen, sich phonetisch doch so nahe sind? „Down“, „dawn“ und „done“ (Orbit, 2013) zum Beispiel. Beginnt ein neuer Tag (dawn), nachdem die Sonne sich eine Weile hingesetzt hatte (sat down), weil sie erst mal mit der Arbeit fertig war (done)? Ist jemand mit den Nerven am Ende – down – da er nichts gebacken kriegt (gets nothing done) und jetzt schon wieder die Sonne auf geht (dawn)?

Dass der Raum für diese Überlegungen entstehen kann, liegt auch wesentlich daran, dass zwischen den Ausdrücken meist die Verben fehlen. Dadurch werden Lippards Texte mehr zu Wort-Ketten, als dass es sich dabei um Aussagen handelte. Die gewöhnlich Satz-förmige Sprachpraxis verleitet die Zuhörerin dazu, aus solchen Aneinanderreihungen semantisch gehaltvolle Aussagen zu bilden. Auf dieses Verfahren passt tatsächlich jene Beschreibung, welche die US-Amerikanerin Lucy Lippard in ihrem bekanntesten Werk, „Six Years: The Dematerialization of the Art Object from 1966-1972“ (1973), über ihren eigenen Umgang mit dem in der Publikation versammelten Material der „conceptual or information or idea art“ (Lippard 1973:3) verfasst hat. Darin schreibt Lippard, dass sie den Leser zwingen wolle, „to make up his or her own mind when confronted with such a curious mass of information“ (Lippard 1973:6). Eine „curious mass of information“ stellen sicherlich auch Luci Lippard her. Doch lassen sich die Verfahren, durch die hier Relationen zwischen ästhetisch-phonetischem Material und aufgerufenen Begriffen gebildet werden, genau beschreiben.

Es ist die gegenüber dem Klangmaterial gleichgültige Intonation Hanne Lippards, die den gesprochenen Ausdrücken, insofern sie alle Klang sind, dieselbe Bedeutung erteilt. Bei „Moaney“ zum Beispiel erinnert ihre Indifferenz an die Gleichgültigkeit von Deborah Evans-Stickland, der Sängerin der „Flying Lizards“, die in der Cover-Version (1979) des Barrett Strong-Stücks „Money“ (1959), den Satz „I want money“ so gelangweilt spricht, dass man ihr diesen Wunsch kaum abnehmen will. So richtig gelingt die Herstellung der Gleichgültigkeit von Sprach-Tokens erst durch die gleichbleibenden Rhythmen und Klänge, die Luci am Schlagzeug und mit einer Soundmachine in Begleitung zu Lippard erzeugt. Denn die identische Produktion von Klang-Tokens ist der Maschine viel müheloser möglich als dem menschlichen Instrument der Stimme. Das von Luci gelieferte Klangmaterial wird der Sprechenden zur Verbündeten. So auch im Stück „Enough said“ (2013), in dem Lippard einem imaginären Dialogpartner, der offensichtlich schwer von Begriff ist, die Bedeutung des Wortes „No“ klar machen will. „Enough is enough“ sagt sie, und fragt dann, „Which part of ‚no’ don’t you understand – the ‚N’ or the ‚O’?“. Der von Luci dazu repetitiv erzeugte nervige Pieps-Ton verstärkt die Dringlichkeit oder Vehemenz des gesprochenen Textes. Auch in „Enough said“ wird Sprache als Klang vergegenständlicht. So setzt sich ein „No“ aus den phonetischen Kleinst-Elementen „n“ und „o“ zusammen. Weil man weiß, dass die Bedeutung des Ausdrucks „No“ aus dem jeweiligen Kontext seiner Verwendung zu erklären wäre und nicht durch die Addition seiner Laut-Partikel, ist Lippards Frage ein Witz. Damit sich die konventionelle Wort-Bedeutung einstellt, bedarf es aber offenbar mehr – eines Kontexts, in dem die Sprecherin tatsächlich die Macht hat, „Nein“ zu sagen. Diese Differenz stellt sich nicht anders her als in ihrem Vollzug, und das zu zeigen gelingt Luci Lippard allemal.

Hanna Fiegenbaum

Luci Lippard (Lucinda Dayhew und Hanne Lippard), „Luci Lippard presenting meta-Babes“, 10. März 2018, 21 Uhr, Babes Bar Berlin

Titelbild: Luci Lippard, Performance at Pogo Bar, KW Institute for Contemporary Art, 2017. Photo: Daniele Tognozzi