Über David Lieske bei Corvi-Mora, London

David Lieske, "Der afrikanische Stuhl von Marcel Breuer und Gunta Stölzl aus der Anfangszeit des Bauhauses 80 Jahre verschollen geglaubt nun aufgefunden und erstmals präsentiert", 2009, Corvi-Mora, London, 2009, Ausstellungsansicht, copyright: David Lieske, Corvi-Mora

Eingangs legt sich eine gekippte Gipsbüste Platons lang, auf einem bunten rechteckigen Kissen, das einen mit beigem Buchleinen bespannten Kubus bedeckt. („Der afrikanische Stuhl von Marcel Breuer und Gunta Stölzl aus der Anfangszeit des Bauhauses 80 Jahre verschollen geglaubt nun aufgefunden und erstmals präsentiert (Figuration I)“, alle 2009). „Figuration II“ besteht aus zwei kleinen Kissen und zwei stoffumfassten Schaumstoffmatten, die sofaähnlich gegen ein Springreithindernis aus Bronze auf einem Podest lehnen und liegen. „Figuration III“ setzt sich aus zwei Kissen und einer gefalteten Decke auf stoffbezogenem Podest zusammen: ein Bett. Und „Figuration IV“ lässt einen Abdruck von Hermes’ Fuß auf zwei kleinen Kissen ruhen. Bis auf das Buchleinen der Sockel sind alle Stoffe gemustert und evozieren einen bunten, diffus „afrikanischen“ Eindruck; auf einigen sind Geldbündel und Koffer zu sehen. Nahe der dritten Figuration hängen zwei Kissen als „Afrikanische Wolken“ von der Decke („The African Clouds“) (2009); die zwei Säulen des Ausstellungsraums sind mit denselben Stoffen umspannt, auf denen das Herkunftsland Holland gut lesbar angegeben ist. Nur die Bodenskulptur „A moment of planning for a lifetime of freedom (snow-white version)“ macht keinen Gebrauch vom „schwarzen Kontinent“. Hier dominieren die Umrandungen zweier Fußsohlen des Künstlers den in Buchleinen gefassten Sockel - einmal als Neonlicht, einmal als gezeichnete Vorlage auf Millimeterpapier für den Neonlichtfabrikanten. Daneben zeigt eine Fotografie einen nackten Lieske vor Strandlandschaft. Ohne Füße.

Der Titel der vier „Figurationen“ von David Lieskes Ausstellung sowie seiner Ausstellung in der Londoner Galerie Corvi-Mora „Der afrikanische Stuhl von Marcel Breuer und Gunta Stölzl aus der Anfangszeit des Bauhauses 80 Jahre verschollen geglaubt nun aufgefunden und erstmals präsentiert“ klingt zunächst nach Design und Kunst reflektierender Geschichtsparade, die sie dann aber gar nicht ist.

Lieske verwendet in den Skulpturen (und gewissermaßen auch in ihrem Titel) kulturell und historisch stark aufgeladene Objekte und Artefakte: von einem design-historisch interessanten Stuhl von Breuer und Stölzl mit unbehaglich kolonialistischem Namen, über die dekorative Hermesferse aus Gips bis hin zu in Europa produzierten pseudoafrikanischen Stoffen. Gleichsam laden die Skulpturen ihre Betrachter zum Ausruhen ein, obwohl sie dazu wahrscheinlich nicht ganz tauglich sind. Die Bezüge suggerieren den Tiefsinn eines altbackenen Kulturverständnisses. Stehen die Büsten von Philosophen für Tiefgründigkeit und humanistische Bildung, verweisen die afrikanischen Stoffe auf vermeintliche Weltläufigkeit. Die Materialität der Skulpturen und der Kontext, aus dem ihre Materialien stammen, impliziert indes ein lediglich an Oberflächen orientiertes, käufliches Verständnis der Welt. Philosophische Erkenntnissuche beginnt und endet beim Portemonnaie.

Die Ferse des Hermes erstand Lieske im Shop des British Museum und die Stoffe auf dem Markt in Brixton, um sie dann in einem Prozess von quasi-historischer Verdoppelung mit eigenen Arbeiten aus Galerieausstellungen der letzten Jahre zu kombinieren. Elemente seiner Figurationen des „Afrikanischen Stuhls“ sind schon mal gezeigt worden. Die Platobüste tauchte erstmal 2004 auf; die Sockel stammen aus zwei zeitgleichen Ausstellungen bei Contemporary Fine Arts und in der Galerie Daniel Buchholz, beide in Berlin im Jahr 2008. Gleichzeitig weist die an einem Brief von Edgar Varèse an eine Gönnerin, der nichts als ein Fußzeichnung enthält, orientierte Arbeit „A moment of planning […]“ auf die Ausstellung „A Means To An End - To Make Ends Meet“ in der Galerie Rowley Kennerk in Chicago, die zeitnah eröffnete. Alle Selbstreferenzen bilden zusammen genommen die Zutaten eines ständigen Prozesses der Selbstreflektion, Selbsterneuerung und Veränderung der Kunstwerke Lieskes.

Dieser künstlerischen Methode einer aus sich selbst schöpfenden Erneuerung hat Lieske für seine Ausstellung den Titel einer Betrachtung gegeben, die einem etwas anderen Phänomen huldigt: der dramatischen Entwicklung, die sich zwischen dem expressiv anmutenden „Afrikanischen Stuhl“ von 1921 und dem funktionalen Bauhaus, für das Marcel Breuer steht, auftut. Die Spannung zwischen den alten und den neuen Konfigurationen Lieskes ist dagegen kleiner, so als erwarteten sie auch nicht, die Kultur-Geschichtsschreibung zu erschüttern. Im Abgleich zwischen diesen beiden unverhältnismäßigen Diskursen scheinen sich die Arbeiten Lieskes über den Aufruhr, der immer wieder um so genannte „wichtige“ Artgenossen wie dem Stuhl von Breuer und Stölzl rumort, zu amüsieren.