Jenny Holzer

Untitled (1996)

Jenny Holzers Aphorismen und Textfragmente, die sie auf den unterschiedlichsten Trägern - Poster, T-Shirts, elektronische Werbetafeln oder, wie in unserem Fall, ein Briefbeschwerer - platziert, reagieren häufig auf Gewalt. So beschwört auch der eingravierte Text auf dem Briefbeschwerer aus Zinn, den Holzer für Texte zur Kunst realisierte, eine Gewaltsituation: „Schrei auf, wenn dich der Schmerz während eines Verhörs trifft. Erinnere dich an die dunklen Zeiten, um einen Klang zu finden, der wie flüssiger Schrecken ist, einen Klang, der die Schwelle markiert, wo der Mensch aufhört und die Bestie und namenlose grausame Gewalten beginnen. Schrei, wenn dein Leben bedroht ist. Mache ein so wahrhaftiges Geräusch, dass es dein Folterer als eine Stimme erkennt, die in seiner eigenen Kehle lebt. Dieser Klang wird ihm erzählen, dass er sich ins eigene Fleisch schneidet, wenn er dich quält, und er nicht mehr glücklich sein kann, wenn er dich gefoltert hat. Schrei hinaus, dass er alle Freundlichkeit in dir abtötet und jede Zukunft verdunkelt, die du ihm gezeigt hättest.” Formal wiederholt Holzer jenen im Text erwähnten Prozess des Einschneidens durch die Gravur des Texts in die Metallplatte. In ihrer kühlen, sachlichen Ästhetik erinnert diese an das Corporate Design großer Firmen: Der Schrecken gibt sich heute den Anschein des Objektiven.