WULF HERZOGENRATH (1944–2026) Von Nina Schallenberg
Wulf Herzogenrath, 2023
Wenn es eine für Wulf Herzogenrath paradigmatische Konjunktion gab, dann war es das „und“. Ein „und“ verknüpft unterschiedliche Aussagen miteinander. Es überbrückt Grenzen – ohne die neu entstehende Verbindung vollkommen erklären zu müssen. Dreifach wiederholt als „und, und, und“ übernimmt es zudem die Funktion von Auslassungspunkten, die Aussagen in Bewegung halten oder dem Ausformulierten einen Moment des Innehaltens verschaffen. So ermöglicht ein „und“ zugleich Festschreibung und Offenheit, wobei es den Lesenden überlassen bleibt den entstehenden Gedankenraum zu füllen. Die Wertschätzung für die Dynamik des Unabgeschlossenen bei gleichzeitigem Festhalten des Geschehenen prägte auch Herzogenraths Denk- und Arbeitsweise, wobei das „und“ im Laufe seines Lebens sehr Unterschiedliches miteinander verband.
Nach seinem Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Volkskunde spezialisierte er sich zunächst auf die Geschichte des Bauhauses, was ihn 1967/68 zur Bearbeitung des Katalogs 50 Jahre Bauhaus – noch heute eines der Standardwerke zu der Gestaltungsschule – für den Württembergischen Kunstverein führte. Bereits in seiner 1970 abgeschlossenen Promotion über die Wandbilder des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer, die figürliche Malerei, Architektur und theatrale Performativität verknüpfen, zeigte sich sein Faible für gattungsübergreifende künstlerische Ansätze. Nach kurzer Station am Museum Folkwang und beim Kunstring Folkwang in Essen folgte 1973 der erste große Wendepunkt seiner Karriere: Mit 28 Jahren übernahm er die Leitung des Kölnischen Kunstvereins. Dieser bestand im Wesentlichen aus einem lang gestreckten Ausstellungsraum von rund 700 Quadratmetern Fläche mit durchgehender Fensterfront zur Cäcilienstraße hin. Ohne feste Zwischenwände schien in dem offenen Raum nur wenig vorgegeben und alles möglich – optimale Voraussetzungen für die Entwicklung eines sehr vielfältigen Programms.
Zu Herzogenraths zentralen Anliegen gehörte der Brückenschlag zwischen den künstlerischen Avantgarden und der Gegenwart, der ihn vor allem zu zwei inhaltlichen Schwerpunkten führte. Der erste galt dem (vor Ort viel beschworenen) Genius Loci. Der in Bielefeld Aufgewachsene hatte keine Schwierigkeiten mit der Akklimatisierung im Rheinland, ließ Vernissagen in der Kölschkneipe Bei d’r Tant ausklingen und kostümierte sich an Karneval stilecht als Papageno. Mit Ausstellungen wie „Vom Dadamax zum Grüngürtel“, der Rekonstruktion der Deutschen Werkbund-Ausstellung von 1914 und Einzelpräsentationen von Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert bereitete er wichtige Momente der Kölner Kunstgeschichte auf. Der zwar lokalen, zugleich aber weit darüber hinausweisenden zeitgenössischen Kunstszene bot Herzogenrath in Einzelausstellungen und besonderen Ausstellungsformaten Raum. Im Jubiläumsjahr der Domvollendung 1980 brachte er mit der Schau „Mein Kölner Dom“ Historie und Gegenwartskunst noch enger zusammen. Anlässlich des Jahres der romanischen Kirchen 1985 reflektierte er mit der zeitgenössischen Kunstausstellung „Raum – Zeit – Stille“ das Streben nach Transzendenz, das der sakralen Architektur zugrunde lag. Mit „Kölns Weg zur Kunstmetropole. Die 60er Jahre“ und der Jubiläumsschau zum 150-jährigen Bestehen des Kunstvereins verband er Geschichte und Gegenwart auf wiederum andere Weise, indem er das gerade Gewesene historisierte.
Den zweiten inhaltlichen Schwerpunkt seines Ausstellungsprogramms legte Herzogenrath auf die Video- und Medienkunst, deren Förderung, Etablierung und Bewahrung ihm zur Lebensaufgabe wurde. Mit Einzelpräsentationen von László Moholy-Nagy oder Ausstellungen wie „Film als Film“ thematisierte er den avantgardistischen Nährboden für die Entwicklung einer Kunstpraxis, die genreübergreifend arbeitete und neuen Medien gegenüber aufgeschlossen war. Von hier aus schlug er Bögen in die Gegenwart. 1976 zeigte er die erste europäische Einzelausstellung des Videokunst-Pioniers Nam June Paik; es folgten Präsentationen unter anderem von Marcel Odenbach, Rebecca Horn und Vito Acconci. Mit Ausstellungen von John Cage, Mauricio Kagel und Charlotte Moorman lotete Herzogenrath zudem die medialen Grenzen zwischen Musik, Performance und bildender Kunst aus. Seine Expertise in diesen Feldern brachte ihn zweimal zur Documenta nach Kassel. 1977 richtete er als Mitglied des Kuratoriums der documenta 6 im Dachgeschoss des Fridericianums erstmals eine Videokunst-Sektion mitsamt Videothek ein. Unter dem Motto „Bildröhren statt Leinwände“ brachte er zudem Paiks Global Groove und damit die noch junge Videokunst ins bundesrepublikanische Fernsehen. Bei der documenta 8 1987 wirkte er im Leitungsteam, nun mit dem Schwerpunkt Klangkunst.
Über die inhaltliche Arbeit hinaus bestimmte der Gedanke des „und“ auch Herzogenraths administrative Arbeit. Als Mitgründer des Dachverbandes der Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine trieb er ab 1980 die Vernetzung der auf bürgerschaftlichem Engagement basierenden Institutionen voran. Seine Wertschätzung der oft ehrenamtlich ausgeübten Kunstvereinsarbeit mündete in den seit 2024 verliehenen AdKV-Wulf Herzogenrath-Preis für Ehrenamt. Seine Umtriebigkeit, die zu einem stets neue Dimensionen erreichenden „und, und, und“ führte (z. B. auch bei der Zahl der Mitarbeitenden), machte den Kölnischen Kunstverein zu einem der dynamischsten Schauplätze der internationalen Kunstwelt.
Dass diese Wirkungsstätte irgendwann doch zu klein werden würde, war zu ahnen. So stand im Frühjahr 1989 für Herzogenrath und seine Familie der Umzug nach Berlin an, wo er als Hauptkustos der Nationalgalerie das Konzept für die Nationalgalerie der Gegenwart im Hamburger Bahnhof entwickelte – ein Projekt, das die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Nationalgalerie und die Sammlung von Erich Marx in dem historischen Bahnhofsgebäude an der Invalidenstraße vereinte. Seinen Schwerpunkt auf Medien- und Videokunst fortführend, sicherte Herzogenrath zahlreiche Schlüsselwerke für die Sammlung der Nationalgalerie, unter anderem von Bill Viola, Marie-Jo Lafontaine und Wolf Vostell. Nach Meinungsverschiedenheiten mit Heiner Bastian, dem Vertreter der Stiftung von Marx, wurde Herzogenrath das Projekt im Januar 1993 entzogen. Die Episode lässt ahnen, dass dem Kustos die inhaltliche Unabhängigkeit des Museums wichtiger war als der institutionelle Kompromiss mit dem am Kunstmarkt agierenden Sammler.
In der Berliner Zeit verantwortete Herzogenrath gemeinsam mit Christoph Tannert und Joachim Sartorius das Ausstellungsprojekt „Die Endlichkeit der Freiheit“, das wie kaum ein anderes den Umbruch 1989/90 begleitete – auch hier war die Idee eines „und“ zentral: Bereits 1986 hatten Heiner Müller, Rebecca Horn und Jannis Kounellis die Idee, Kunstwerke zeitgleich in beiden Stadthälften Berlins zu präsentieren; es ging ihnen darum, das Verbindende und das Trennende eines jeden Nebeneinanders aufzuzeigen. In den Wochen vor der deutschen Wiedervereinigung zeigten zwölf Künstlerinnen und Künstler je ein Werk, darunter Christian Boltanski, Ilya Kabakov und Via Lewandowsky.
Nach fünf Jahren in Berlin zog es Herzogenrath im September 1994 als Direktor an die Kunsthalle Bremen. Auch hier setzte er einen Ausstellungs- und Sammlungsschwerpunkt auf die Video- und Medienkunst, was unter anderem zur großen Retrospektive von Nam June Paik und bedeutenden Sammlungszugängen wie Ulrike Rosenbachs Das eiserne Zeitalter – Konzert im Gewaltakt oder Cages Essay führte. Der historische Schwerpunkt verblieb auf der Kunst um 1900, deren Sammlung in Bremen eine lange Tradition hatte und die nun mit großen Publikumsausstellungen wie „Monet und Camille“ und „Paula in Paris“ in Szene gesetzt wurde. Darüber hinaus holte Herzogenrath mit diplomatischem Geschick Bestände des Kupferstichkabinetts zurück ans Haus, die im Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion verbracht worden waren. Nach Abschluss der Modernisierung und Erweiterung des Altbaus inklusive der permanenten Installation von Werken James Turrells und Cages wurde er im Spätsommer 2011 mit großer Party im Museum nebst 781-seitigem Band Wunderkammermusik in den Ruhestand verabschiedet, für den er ein neues Kapitel zurück in Berlin aufschlug.
Seit 2006 Mitglied der Akademie der Künste, fungierte Herzogenrath von 2012 bis 2021 als ehrenamtlicher Direktor der Sektion Bildende Kunst. Er entwickelte mehrere Ausstellungen mit Akademiemitgliedern und übergab sein Videokunst-Archiv 2018 als Vorlass an die Akademie. Darüber hinaus realisierte er mehrere Ausstellungs- und Buchprojekte, die einem Vermächtnis gleichkommen. So fand die 1979 im Kölnischen Kunstverein mit Daniel Spoerri realisierte Reflexion der gesellschaftlichen Rolle von Museen, „Le Musée sentimental de Cologne“, ein Update mit der Ausstellung „Das Museum der Museen“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Wenngleich Herzogenrath das Offene und Ephemere schätzte, war ihm als Historiker das Festhalten und Dokumentieren doch ebenfalls wichtig. In seinem zuletzt erschienenen Band Gastgeschenke. Kunst und Texte seit 1966 hielt er seinen Jahrzehnte währenden engen Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern fest und lieferte damit ein sehr persönliches Dokument seines Öffentliches und Privates verknüpfenden Lebens. In dem kurz zuvor herausgegebenen Buch mit dem Walter Benjamin entlehnten Titel Was ist ein Leben, wenn es nicht erzählt wird zeigte sich wiederum eine Abwandlung dieser Verknüpfung. Mit der Methodik des Historikers zeichnete er behutsam den Lebensweg seiner Mutter Gertraudt Fatumea „Mimchen“ Herzogenrath nach. In ihren Gedichten und Briefen findet sich eine tiefe Wertschätzung für die Wunder, die, wenn man ihnen mit Offenheit begegnet, gerade auch die stillen Momente des Lebens bereithalten. Diese Grundhaltung schien Wulf Herzogenrath für sein eigenes Leben übernommen zu haben – ein Leben, das er mit Cages Maxime „I welcome whatever happens next!“ überschrieben wissen wollte und das durch all das, was es angestoßen hat, nie zum Ende kommen wird – und, und, und …
Nina Schallenberg ist Kuratorin und Ausstellungsleiterin am Jüdischen Museum Berlin.
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