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YAYOI KUSAMA (1929–2026) von Stephan Diederich

Yayoi Kusama (1929–2026)

Yayoi Kusama (1929–2026)

Footprints of the Universe nannte Yayoi Kusama ein 2016 entstandenes Gemälde, das konzentrisch ineinander geschachtelte Felder aus zahllosen Reihen getupfter, kupfern schimmernder Pinselstriche auf himmelblauem Grund zeigt. Es ist Teil ihrer programmatischen Werkreihe My Eternal Soul, mit der sie in ihrem neunten Lebensjahrzehnt einmal mehr einen ihr eigenen, reichen Bilderkosmos erschuf. Das Moment des Universalen, Überzeitlichen, das in beiden Titeln anklingt, ist ein Wesensmerkmal vieler Arbeiten Kusamas und verweist auf die bleibende Verortung des eigenen Selbst innerhalb eines allumfassenden großen Ganzen. Every Day I Pray for Love überschrieb die Künstlerin ihre nachfolgende, aus nunmehr kleineren Formaten bestehende Werkgruppe, an der sie, soweit es ihre Verfassung erlaubte, bis zuletzt täglich mit der ihr eigenen Unermüdlichkeit malte. Als lebendige Botschaften erzählen diese Bilder von der Liebe zum Universum und dem Bestreben ihrer Schöpferin, eins zu werden mit dessen Unendlichkeit.

In der offiziellen Meldung der Yayoi Kusama Foundation zu ihrem Tod hieß es, „Kusama widmete ihr Leben einer internationalen Karriere als Avantgarde-Künstlerin“ – eine Bezeichnung, die sie von früh an selbstbewusst verkörperte und zu Recht mit Stolz trug. In diesem Jahr durfte das Museum Ludwig in Köln sie mit einer großen Retrospektive, nun der letzten zu ihren Lebzeiten, würdigen. Den Werdegang dieses Kooperationsprojekts mit der Fondation Beyeler in Riehen und dem Stedelijk Museum in Amsterdam hatte Kusama über die vergangenen Jahre wohlwollend begleitet; ein Foto ihrer wunderbar verspielten Blumenskulpturen vor der Kulisse des Kölner Doms schmückte die Pinwand in ihrem Zimmer. Die abschließende Station in Amsterdam wurde nun zum Nachruf.

Kusamas Infinity Mirrored Rooms, begehbare, allseitig verspiegelte Kuben mit sich endlos doppelnden Reflexionen, ihre immersiven Ballon-Installationen, zwischen deren gigantischen Tentakel- oder Kugelformen sich die Betrachtenden wie Alice im Wunderland bewegen, ihre mit gepunkteten Mustern versehenen Kürbisskulpturen und -gemälde oder auch einfach ihre Polka Dots, farbige Punkte, mit denen sie Gegenstände, menschliche Körper und ganze Räume überzog, haben Kultstatus erlangt, ebenso wie ihre Persona mit der roten Perücke. Die jahrzehntelang um Anerkennung als Künstlerin und ein Leben lang gegen die eigenen Dämonen kämpfende Persönlichkeit hinter dem Social-Media-Phänomen Kusama blieb dabei oft ungesehen. Wer war diese vielschichtige Person, deren allzu bekannt geglaubte Kunst noch stets Unerwartetes für uns bereithält?

Die Heranwachsende, die im konservativen, patriarchalisch geprägten Japan der Nachkriegszeit aufwuchs, schon früh unter mentalen Problemen wie zwanghaften Verhaltensweisen und Halluzinationen litt, bereits als Kind das Zeichnen als ihr wichtigstes Hilfsmittel im Umgang mit der Welt und den eigenen Ängsten für sich entdeckte und entgegen den gesellschaftlichen Normen und dem Willen ihrer Eltern ein Leben als Künstlerin anstrebte. Die junge Frau, die 1957 als Akt der Befreiung den Schritt in die USA wagte, wo sie sich in einer wiederum männerdominierten Kunstszene, noch dazu als Japanerin, auf sich allein gestellt fand. Wo sie in ihrem New Yorker Studio unter ärmlichen Bedingungen geradezu fieberhaft, mit unermüdlichem Schaffenswillen ihre monumentalen Infinity Net Paintings schuf – nahezu monochrome Gemälde, deren gesamte Fläche von netzartigen Mustern aus Tausenden aneinandergereihter, bogenförmiger Pinselstriche überzogen ist, die sich über die Leinwandgrenzen hinaus auszudehnen scheinen –, später dann auch ihre von genähten Stoffphalli überwucherten Objekte und mit diesen innovativen Bildfindungen Anfang der 1960er Jahre Beachtung als Avantgardekünstlerin erlangte.

Die selbstbewusste Aktivistin und Protagonistin der Gegenkultur, die in den späteren 1960er Jahren in New York mit provokanten Happenings Stellung bezog und Schlagzeilen machte. Die im Kontext von Anti-Kriegs-Protesten und sexueller Befreiung ihre Polka Dots in den USA und Europa auf nackte Körper malte, so die Menschen metaphorisch untereinander und mit dem Universum verband und lebendige Zeichen gegen Engstirnigkeit und den Wahnsinn des Krieges setzte.

Die Zweiflerin, die immer wieder gegen ihre Panikzustände, gegen Verlustangst und Suizidgedanken ankämpfen musste, die – ab den 1970er Jahren zurück in Japan – ihren existenziellen Ängsten in schonungslosen Romanen und eindringlichen Gedichten Ausdruck verlieh, eine psychiatrische Klinik in Tokio als ihren dauerhaften Lebensort wählte und von dort aus eine Weltkarriere startete.

Die Pop-Ikone, deren Doubles vor wenigen Jahren als gigantische Ballon-Figuren und hyperrealistische Roboter, umgeben von ihren legendären Polka Dots, eine der spektakulärsten PR-Kampagnen der jüngeren Modegeschichte bevölkerten und deren Kürbisskulpturen und Spiegelräume millionenfache Kulisse für Selfies in den sozialen Netzwerken liefern. Und gleichermaßen die Person, die seit Jahrzehnten zurückgezogen in Tokio lebte und arbeitete, von wo aus sie ungebrochen ihre inneren Bilder und Botschaften in die Welt sandte.

Ebenso facettenreich wie Kusamas Leben sind die Interpretationen, die ihre Bildwelten zulassen: Der Biologe Stefano Mancuso vergleicht sie mit dem Blick durch das Mikroskop; für die Astrophysikerin Katie Mack verkörpern sie das Universum in all seiner Grenzenlosigkeit. Kusama scheute sich nicht, in ihrer Kunst große und allgemeingültige Themen zu berühren, Themen, die heute vielleicht dringlicher sind denn je. Sei es die Natur in ihrem stetigen Wandel, Werden und Vergehen, ihrer inneren Beseeltheit, sei es die Unendlichkeit des Universums, in der alles Existierende sich irgendwann auflöst, oder sei es das Postulat „Love forever“, das ihr Schaffen von den politischen Aktionen der 1960er Jahre bis zu ihren letzten Bildern durchzog. Welthaltiges verhandelte sie in ihrer Kunst mit der gleichen Hingabe, mit der sie sich bereits während ihrer Lehrzeit stundenlang in den Anblick eines Kürbisses vertiefen konnte, um dessen Wesen zu erspüren und es auf Papier zu bannen.

In dem Maße, in dem Kusama selbst im Zentrum ihrer Kunst stand, die sich maßgeblich aus dem Verarbeiten des eigenen Erlebens und Empfindens speiste, ließ sie ihre Werke zu Seelenspiegeln in Richtung Außenwelt werden. Dass für sie mit der Teilhabe am Sein der Welt zwangsläufig die Auflösung des eigenen Ichs im Universalen angelegt war, mag gleichermaßen das Grundlegende wie Unfassbare, Verstörende wie Tröstliche ausmachen. Ihre Kunst war für Kusama dabei stets Überlebensstrategie, ja Lebensnotwendigkeit, jedes ihrer Werke eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

Anlässlich der Ausstellung „Yayoi Kusama: All about my Love“, die 2018 im Kunstmuseum ihrer Heimatstadt Matsumoto stattfand, unterstrich Kusama den roten Faden ihres Schaffens und die fundamentale Bedeutung, die ihrer Kunst seit jeher für ihr eigenes Dasein zukam: „In meinen mehr als siebzig Jahren als Künstlerin habe ich immer Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens gehabt. Mehr als alles andere hat mich dieser starke Sinn für die Lebenskraft im künstlerischen Ausdruck unterstützt und mir die Kraft gegeben, Gefühle von Depression, Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit zu überwinden. Ich habe mich von meinem Glauben an diese Kraft leiten lassen.“

Stephan Diederich ist Sammlungskurator am Museum Ludwig in Köln, wo er zuletzt die Ausstellung „Yayoi Kusama“ kuratiert hat.

Image Credit: © Yayoi Kusama, Courtesy David Zwriner, Ota Fine Arts