Leiko Ikemura
Milk Lady (2026)
Leiko Ikemuras Skulpturen, die neben Zeichnung, Malerei, Fotografie und Poesie einen wesentlichen Teil ihres Werkes ausmachen, präsentieren sich häufig als hybride Wesen, deren an der Schwelle zur Auflösung angesiedelte Formen sich als Mädchen- oder Frauenkörper mit tierischen oder pflanzlichen Attributen lesen lassen. Obwohl ihre ambige, die gewollte Unvollkommenheit der oftmals händischen Bearbeitung sichtbar belassende Konstitution auf existenzielle Themen wie den Verlauf und Verfall des Lebens verweist, haben die Figuren der Künstlerin stets auch etwas Verschmitztes an sich. Auch Ikemuras erste Edition für TEXTE ZUR KUNST interpretiert ihre gegenständlichen Referenzen mit Witz. Anstatt mit einem natürlichen Gegenstück lässt die Künstlerin hier eine Frauenfigur – augenzwinkernd an das Heftthema Misogynie angelehnt – mit einem Haushaltsutensil verschmelzen: einem Löffel, den sie aus Gips gegossen hat, in der Form eines eigensinnigen und einzigartigen Handschmeichlers. Der Löffel wird gern als Symbol der Fürsorge gesehen. Dass diese zumeist von Frauen erwartet wird, suggeriert der Titel „Milk Lady“ ebenso wie deren Pose – eine figürliche Reminiszenz an den klassischen liegenden Akt. Die Farbigkeit der pastellig changierenden Lasur unterstreicht diese Assoziation: Im oberen Bereich des Löffelgriffs deuten gelbe und lachsfarbene Töne Haare und Haut an; die äußere Löffelschale ist in milchigem Mint gehalten, als trage die „Milk Lady“ ein frühlingshaftes Gewand. Während etliche von Ikemuras Figuren eher in sich gekehrt und mystisch wirken, posiert diese zwar nicht gerade lasziv, aber doch keck mit leicht angehobenem Haupt, als warte sie nur darauf, jemandem Salz in die Suppe – oder Zucker in den Milchkaffee – streuen zu dürfen.
