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DIE INSTITUTION ALS KOMPLIZIN Kathrin Heinrich über Jean-Michel Basquiat in der Albertina, Wien

Jean-Michel Basquiat, „Flesh and Spirit“, 1982-83

Jean-Michel Basquiat, „Flesh and Spirit“, 1982-83

In Reaktion auf die Retrospektive des New Yorker Whitney Museums lieferte bell hooks mit ihrer Kritik in Art in America vor 30 Jahren zugleich eine Anleitung für weiße Kurator*innen, mit dem Œuvre Jean-Michel Basquiats verantwortungsvoll und sinnstiftend umzugehen. Seither wurde viel Arbeit geleistet, die zu kunsthistorisch produktiven, rassismuskritischen Ausstellungen führen könnte. Basquiats jüngste Werkschau in Wien beharrt jedoch auf einem Narrativ, das die patriarchale Genieerzählung mit der rassistischen Idee der exzentrischen Ausnahmeerscheinung unreflektiert verschränkt. In ihrer Rezension legt die Kunsthistorikerin Kathrin Heinrich weitere Versäumnisse der Ausstellung offen, aufgrund derer wichtige Signale für Publikum und Kunstbetrieb ausblieben.

Die erste Retrospektive Jean-Michel Basquiats in Österreich kündigt die Albertina in gewohnt reißerischer Manier an: „Kaum ein anderer Künstler steht als schillernde Ausnahmeerscheinung so repräsentativ für die 1980er Jahre und deren pulsierende New Yorker Kunstszene wie der 1960 in New York geborene Jean-Michel Basquiat.“ Und weiter: „Als exzentrischer Outsider und ausgebeuteter Superstar seiner Zeit behauptet sich Basquiat als eine der bedeutendsten Schlüsselfiguren für die zeitgenössische Kunst.“ [1] Zwischen Staatsoper und Hofburg in der Wiener Innenstadt gelegen, ist die Albertina eine Tourist*innenattraktion, deren Programm von der Presse immer wieder für seine sogenannten Blockbuster-Ausstellungen kritisiert wird, da es diesen an differenzierter Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand ebenso mangelt wie an wissenschaftlicher Aufarbeitung. „Of Symbols and Signs“ bildet hierbei – wie der Ankündigungstext bereits vermuten lässt – keine Ausnahme.

Im fensterlosen Untergeschoss des Ausstellungshauses führt ein äußerst kondensierter Zeitstrahl zunächst in knappen Stationen durch Basquiats Biografie (1960–1988), illustriert von einigen Fotos, die minimalen Einblick in sein Leben sowie die politischen und sozialen Bedingungen im New York der 1980er Jahre geben. Weiteres Dokumentations- oder Informationsmaterial wird in den folgenden Ausstellungsräumen, abgesehen von knappen, zugänglich geschriebenen Wandtexten, nicht gezeigt.

„Jean-Michel Basquiat: Of Symbols and Signs“, Albertina, Wien, 2022/23, Ausstellungsansicht

„Jean-Michel Basquiat: Of Symbols and Signs“, Albertina, Wien, 2022/23, Ausstellungsansicht

Stattdessen rückt das Setting im hell ausgeleuchteten White Cube die 46 Werke, darunter hauptsächlich großformatige Malereien in Acryl und mit Ölstift auf Leinwand sowie Arbeiten auf Papier, in den Vordergrund. Die eingangs gegebenen biografischen Stichpunkte prägen die lose in thematischen Räumen gruppierten Werke: die Darstellung Schwarzer Menschen und die Auseinandersetzung mit Rassismus (Irony of a Negro Policeman (1981), La Hara (1981), Warrior (1982)); Basquiats Bezugnahme auf New Yorks Pop- und Alltagskultur, auf Musik ebenso wie auf Schwarze Künstler*innen und afrikanische Kunst (Untitled (Pollo Fritto) (1982), Flesh and Spirit (1982/83)); seine Faszination für die menschliche Anatomie und ihre Darstellung, geweckt durch einen Krankenhausaufenthalt im Kindesalter und das wissenschaftliche Standardwerk Gray’s Anatomy (Grazing Soup to Nuts (1983), Untitled (Spermatozoon) (1983)).

In seiner kurzen, kometenhaften Karriere schuf Jean-Michel Basquiat rund 600 Gemälde und 1.500 Zeichnungen. Dass aufgrund dieser nur acht Jahre langen Schaffensspanne kaum verschiedene Perioden, Entwicklungen oder Hauptwerke auszumachen sind, ist bekannt, allerdings vermittelt „Of Signs and Symbols“ noch nicht einmal, wie sich die gezeigten 46 Werke zum gesamten Œuvre verhalten oder weshalb sie ausgewählt wurden. Obwohl die Ausstellung durchaus einige der bekanntesten Bilder zeigt, scheint diese fehlende Kontextualisierung zu suggerieren, dass es sich bei allen Arbeiten um absolute Hauptwerke handelt oder dass gar ein Eindruck von Vollständigkeit entstehen soll.

Dennoch muss man „Of Symbols and Signs“ zugutehalten, dass die Exponate einen Querschnitt von Basquiats Schaffen abbilden und Werke zugänglich machen, die sich bis auf wenige Ausnahmen in Privatsammlungen befinden. Damit eröffnet die Schau dem österreichischen Publikum den Blick auf ein hierzulande selten gesehenes Werk, denn bemerkenswerterweise findet sich keine einzige Arbeit des Künstlers in einer öffentlichen österreichischen Sammlung. [2] Es ist auch fast eine Dekade her, dass den Gemälden von Basquiat und Andy Warhol 2013/14 eine Ausstellung im Bank Austria Kunstforum gewidmet war. [3]

„Jean-Michel Basquiat: Of Symbols and Signs“, Albertina, Wien, 2022/23, Ausstellungsansicht

„Jean-Michel Basquiat: Of Symbols and Signs“, Albertina, Wien, 2022/23, Ausstellungsansicht

Mit Apples and Lemons (1985) beschränkt sich die Schau der Albertina auf ein Beispiel von Basquiats and Warhols künstlerischer Zusammenarbeit. Stattdessen verdeutlichen Arbeiten wie Icarus Esso (1986), die von der ikonischen Farbigkeit früherer Werke abweichen, die Rolle von Collage und Text in Basquiats Arbeitsweise zur selben Zeit.

Gerade weil die Albertina Jean-Michel Basquiat also erstmals eine große Retrospektive widmet, ist augenfällig, was „Of Symbols and Signs“ alles nicht leistet. Basquiat als Persönlichkeit wird kaum greifbar: Erwähnt wird zwar seine Suchterkrankung, kaum aber die künstlerische Prägung und Bildung durch seine Mutter; ganz unter den Tisch fällt seine selten erwähnte Bisexualität. Sein Umfeld, die Szene, in der er sich in New York bewegte, wird auf die immer gleichen Schlagwörter („pulsierend“) heruntergebrochen, ohne den Besucher*innen einen audiovisuellen Eindruck dieser Atmosphäre oder gar Belege anzubieten. Etwas versteckt weckt ein Filmraum Hoffnung, hier etwa Downtown 81 zu sehen, jenen Indiefilm, der Basquiats Karriere durch seinen Auftritt maßgeblich förderte, oder Videomaterial der New Yorker Musikszene. Stattdessen läuft in Dauerschleife ein YouTube-Video aus der Reihe Great Art Explained in 15 Minutes. Ironischerweise vermag es jedoch, Basquiats Leben und Wirken nuancierter zu vermitteln als die „spektakuläre Herbstausstellung“ eines von Wiens größten und bestbesuchten Bundesmuseen. [4]

Auch eine zeitgemäße kunsthistorische Einordnung sucht man vergeblich. Das Umfeld von Zeitgenoss*innen und Vorbildern wird verdichtet auf kanonische weiße Namen (Warhol, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, Pablo Picasso, Egon Schiele, Leonardo da Vinci). Dabei schrieb bell hooks bereits 1993 in Art in America:

#B„Designed to be a closed door, Basquiat’s work holds no warm welcome for those who approach it with a narrow Eurocentric gaze. That gaze which can only recognize Basquiat if he is in the company of Warhol or some other highly visible white figure. That gaze which can value him only if he can be seen as part of a continuum of contemporary American art with a genealogy traced through white males: Pollock, de Kooning, Rauschenberg, Twombly, and on to Andy.“ [5]

Stattdessen müsse Basquiats Schaffen im Hinblick auf Genealogien afroamerikanischer Kunst betrachtet werden, so hooks. Seither sind 30 Jahre vergangen, in denen viel Arbeit geleistet wurde, eben jene Genealogien sichtbar zu machen, auf die zurückzugreifen den weißen Kurator*innen Dieter Buchhart und Antonia Hoerschelmann ein Leichtes hätte sein müssen. Ebenso vermisst man Diskurse um ancestral knowledge, die Basquiat in einem Wandtext-Zitat vorwegnimmt: „Ich bin ein Künstler, der von New York beeinflusst wird. Aber ich habe auch ein kulturelles Gedächtnis. […] Es ist da drüben in Afrika. Das bedeutet nicht, dass ich dort leben muss. Unser kulturelles Gedächtnis folgt uns überallhin, wo auch immer du bist.“

„Jean-Michel Basquiat: Of Symbols and Signs“, Albertina, Wien, 2022/23, Ausstellungsansicht

„Jean-Michel Basquiat: Of Symbols and Signs“, Albertina, Wien, 2022/23, Ausstellungsansicht

Am schwersten wiegt jedoch wohl die Ausklammerung des kunstbetriebinheränten Rassismus – damals wie heute. Obwohl „Of Symbols and Signs“ nicht müde wird, Rassismus als Basquiats zentrales Thema zu betonen und Anekdoten des Alltagsrassismus erzählt, mit denen er konfrontiert war, wird die Rolle der Kunstwelt und ihrer rassistischen Mechanismen und Narrative, die Basquiat zum Superstar machten, dabei völlig vernachlässigt. Dass eine Auseinandersetzung mit genau diesen Fragen zumindest im Rahmenprogramm Schwarze Perspektiven in den Museumsraum holen muss, hat etwa die Frankfurter Schirn 2018 mit „Basquiat. Boom for Real“ gezeigt, indem sie Paul Goodwin, Greg Tate, Françoise Vergès, Oscar Murillo und Grada Kilomba zu einem Panel lud. [6] Das einzige Event zu „Of Symbols and Signs“ ist ein Mottoabend mit DJ-Set und freiem Eintritt mit Outfit der Eighties.

Gerade aufgrund der Zugänglichkeit von „Of Symbols and Signs“ und der Besucher*innenmassen – darunter viele Schüler*innen –, wäre ein Mindestmaß an kritischer Einordnung des Werks und des Diskurses nicht nur notwendig, sondern besonders lohnend gewesen. Auch den kapitalistischen Wahnsinn, den Basquiats Werke inzwischen auf dem Kunstmarkt entfesseln, und die kriminellen Blüten, die dieser treibt, [7] hätte es zu thematisieren gegolten. Stattdessen setzt die Albertina, deren Fokus ursprünglich auf Grafik sowie der Kunst der klassischen Moderne lag, mit ihrer leicht konsumierbaren Ausstellung die Hyperkapitalisierung Basquiats fort, indem sie auch der zeitgenössischen Kunst das modernistische Kunstverständnis zu Grunde legt: Das autonome Werk des Genies strahlt auratisch im sterilen Museumsraum. Mehr als einfach nur kuratorisch überkommen ist das im Fall von „Of Symbols and Signs“ geradezu fahrlässig, da somit das auf white surpremacy fußende, rassistische Narrativ des exzentrischen Einzelfalls aufrechterhalten wird. Die Institution macht sich dadurch zur Komplizin eben jener rassistischen Mechanismen, unter denen Basquiat in den 1980er Jahren litt.

In diesem Licht verwundert es auch wenig, dass Kurator Dieter Buchhart, der in den vergangenen Jahren zahlreiche Basquiat-Ausstellungen verantwortete und als Experte gilt, nun auch noch Nebenfigur eines österreichischen Kunstskandals geworden ist, da er der kunsthistorischen Sorgfaltspflicht nicht nachkam. [8] bell hooks notierte: „[t]here is no doubt that Basquiat was personally obsessed with the idea of glory and fame, but this obsession is also the subject of intense self-interrogation in his paintings.“ [9] Dasselbe Ausmaß an Selbstreflexion hätte man auch den Kurator*innen von „Of Symbols and Signs“ gewünscht.

„Jean-Michel Basquiat: Of Symbols and Signs“, Albertina, Wien, 9. September 2022 bis 8. Januar 2023.

Kathrin Heinrich ist Kunsthistorikerin und Kritikerin. Sie lebt in Wien.

Image credits: 1. © Estate of Jean-Michel Basquiat / VG Bild-Kunst, Bonn 2023, photo Fredrik Nilsen; 2. - 3. © ALBERTINA Museum, Wien / VG Bild-Kunst, Bonn 2023; 4 © ALBERTINA Museum, Wien

ANMERKUNGEN

[1]Information auf der Website der Albertina, letzter Zugriff am 02.11.2022.
[2]Einzig das der Albertina benachbarte, neu eröffnete Privatmuseum der Sammlerin Heidi Horten stellte zuletzt eines der gemeinsamen Gemälde Andy Warhols und Basquiats aus, jedoch nicht dauerhaft. Vgl. Brigitte Borchhardt-Birbaumer, „Invasion von Licht und Tier, in: Wiener Zeitung, 30.05.2022, letzter Zugriff am 02.11.2022.
[3]„Warhol/Basquiat“, 16.10.2013 bis 02.02.2014; letzter Zugriff am 02.11.2022.
[4]Als Bundesmuseum unterliegt die Albertina einer Museumsordnung nach Bundesrecht mit Bildungsauftrag: „§ 1. (1) Die Albertina ist eine wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts des Bundes. Sie unterliegt der Aufsicht der Bundesministerin/des Bundesministers für Unterricht, Kunst und Kultur. Bei der Erfüllung ihres kulturellen und wissenschaftlichen Auftrags beachtet sie international anerkannte ethische Standards,“ Weblink; letzter Zugriff am 09.11.2022.
[5]bell hooks, „Altars of Sacrifice: Re-membering Basqiat“, in: Art in America, 01.06.1993; letzter Zugriff am 02.11.2022.
[6]„Basquiat’s Legacy Today“, in: Schirn Magazine, 14.4.2018; letzter Zugriff am 09.11.2022.
[7]Erst im Juni 2022 wurden beispielsweise 25 Gemälde durch den CIA in Orlando beschlagnahmt, da es sich mutmaßlich um Fälschungen handelte. Vgl. Jörg Häntzschel, „Zu bunt getrieben“, in: Süddeutsche Zeitung, 27.06.2022; letzter Zugriff am 03.11.2022.
[8]Basierend auf einer Erzählung des Künstlers André Heller verlieh Dieter Buchhart einem vermeintlich von Basquiat gefertigten, in Wirklichkeit jedoch gefälschten Bilderrahmen durch einen Katalogbeitrag für die Galerie Wienerroither und Kohlbacher Authentizität; der kunsthistorischen Sorgfaltspflicht nach weiterer Überprüfung von Dokumentation über Hellers mündliche Überlieferung hinaus kam er dabei nicht nach. Vgl. u. a. Matthias Dusini, „André Hellers Millionenmärchen“, in: Falter, 02.11.2022, 24–28, 27.
[9]hooks, „Altars of Sacrifice: Re-membering Basqiat“, 1993.